Wasserball war in den 1980er Jahren ein Hit in Braunschweig

Braunschweig.  Blau-gelbe Momente, Höhepunkte aus 125 Jahren Eintracht Braunschweig. Die Wasserballer waren viele Jahre Stammgast in der Bundesliga.

Eintrachts Henry Löscher stellt sich einem gegnerischen Spieler beim Internationalen Wasserballturnier 1979 in den Weg. Löscher wurde später von Thomas Loschke abgelöst.

Eintrachts Henry Löscher stellt sich einem gegnerischen Spieler beim Internationalen Wasserballturnier 1979 in den Weg. Löscher wurde später von Thomas Loschke abgelöst.

Foto: Stadtarchiv Braunschweig

Die Situation der Wasserballer bei Eintracht Braunschweig ist nicht leicht. Nicht wegen der Corona-Pandemie, die auch die Wassersportler zur Pause zwingt. Aufgrund von Nachwuchsmangel können Jugendteams nur dank einer Spielgemeinschaft mit dem Wolfenbütteler Schwimmvereins von 1921 an den Start gehen. Die Herrenmannschaft tritt mittlerweile als stark überaltertes Team in der Bezirksoberliga an. Dabei gehörte die Abteilung früher einmal zu den Aushängeschildern des Vereins. Insbesondere die ereignisreichen und erfolgreichen 1980er Jahre sind vielen an dem Sport interessierten Menschen noch heute gut in Erinnerung.

Es wäre übertrieben zu sagen, dass die Eintracht-Wasserballer in dieser Dekade ein nationales Spitzenteam gewesen wären. Aber sie stießen immer wieder in die höchste deutsche Spielklasse, die Bundesliga, vor. „Wir waren eine typische Fahrstuhlmannschaft“, sagt Thomas Loschke. Der Torwart war bereits Mitte der 1970er Jahre zu den Braunschweiger Wasserballern gewechselt und spielte ab 1977 für die erste Herrenmannschaft.

Spielertausch mit Hannover bringt Aufstieg

Das Auf und Ab ging gleich 1980 los. Denn in diesem Jahr stieg das Team als Regionalligameister in die Bundesliga auf. Ein Jahr später ging es bereits wieder eine Etage runter. 1982 dann das Kuriosum: Weil Waspo Hannover ein Fehler bei der Spielermeldung unterlaufen war und die ersten sieben Spieler für den Verein nicht in der Regionalliga antreten durften, tauschte Eintracht mit dem Ligakonkurrenten kurzerhand das Personal. „Deren Spieler haben für uns dann souverän die Meisterschaft geholt“, erinnert sich Loschke. Aber auch Hannover schaffte letztlich mit den Eintracht-Spielern den Aufstieg in die Bundesliga.

Und so ging es munter weiter. 1984 der Abstieg, ein Jahr später wieder hoch. Dann immerhin etwas Konstanz: Der Mannschaft gelang mehrfach der Klassenerhalt, 1988 landete sie sogar auf Rang sechs. Erst 1989 stieg das Team wieder ab. Immer mittendrin: Stefan Kroner. Der Trainer war zugleich Sportlehrer an einer Berufsschule und nahm die Spieler ordentlich ran. „Er war eine Respektsperson, aber hat mit uns auch immer mal wieder ein Bier getrunken“, erzählt Loschke. In taktischer und motivatorischer Sicht sei Kroner ein hervorragender Trainer gewesen, meint der Schlussmann. Im vergangenen Jahr traf Loschke auf den Ex-Coach, als dieser einige Spieler von damals zu seinem 80. Geburtstag eingeladen hatte.

Gute Kontakte in den Ostblock

Die Eintracht-Verantwortlichen pflegten in den 1980er Jahren gute Kontakte in den Ostblock. Dadurch gewannen sie immer wieder Verstärkungen aus Polen, Ungarn oder Rumänien. „Wir haben den Spielern hier Lehr- oder Arbeitsstellen vermittelt. So konnten die sich hier eine Zukunft aufbauen“, erklärt der frühere Wasserballwart Jürgen Klein. Mit Kroner, in seinen aktiven Zeiten rumänischer Nationalspieler, nahm dieser Trend noch weiter zu. Größter Coup des Coaches: Er lockte mit Adrian Schervan einen rumänischen Nationalspieler in die Löwenstadt, der für sein Land zweimal an olympischen Turnieren teilgenommen hatte. Schervan studierte parallel in Braunschweig Chemie. Den Fans ebenfalls nur in guter Erinnerung: Ingo Zawarty, ebenfalls Nationalspieler, Tormaschine und Star der Mannschaft.

Was die Zeit ebenfalls ausmachte, war der Spielort. Das Raffteichbad war 1976 eröffnet worden, doch es war ein reines Freibad. Um den Betrieb im beheizten Wasser auch in der kalten Jahreszeit zu gewährleisten, wurde das Becken mit einer Traglufthalle versehen. „Eine richtige Schwimmhalle wäre zu teuer gewesen. So hat man diesen Kompromiss gefunden“, weiß Wolfgang Sehrt, früherer Ratsherr und Landtagsabgeordneter. Auch die Eintracht-Wasserballer trugen hier ihre Spiele aus, denn Stadt- sowie Kennel-Bad entsprachen von den Maßen her nicht den Regularien.

Verrückte Akustik unter der Traglufthalle

„Es war eine verrückte Akustik. Man konnte an der einen Ecke etwas flüstern und hat es an der anderen gehört“, berichtet Thomas Loschke von den Erfahrungen unter der Traglufthalle. Um die eigene Taktik vor dem Gegner zu verbergen, verlegten die Eintracht-Verantwortlichen die Mannschaftsbesprechungen deshalb gerne auf die Tribüne. „Auf jeden Fall war bei Spielen die Hölle los. Die Anfeuerung wurde durch die Konstruktion verstärkt“, sagt der Torwart. 50 bis 100 Zuschauer hätten sich wie 1000 angehört, so Loschke. Nur energetisch sei das Konstrukt nicht optimal gewesen. „Ich erinnere mich, dass immer wieder Kondenswasser gefroren an der Decke hing“, erzählt der heute 61-Jährige.

1988 war die Traglufthalle defekt, eine neue wurde nicht mehr angeschafft. Die Eintracht-Wasserballer wichen nach Wolfsburg und Schöningen aus – bis 1993 der Erweiterungsbau des Sportbades Heidberg mit dem 21 mal 50 Meter großen Becken fertig war. Von da an ging es wieder in Braunschweig weiter. Allerdings: Die Verpflichtung von Spielern aus Osteuropa war auf der bisherigen Basis rechtlich nicht mehr möglich. Mit neuer Ausrichtung hielt sich das Team trotzdem noch einige Jahre in der Bundesliga, anschließend war die Mannschaft mit eigenen Talenten immerhin noch einige Jahre zweitklassig – bis es ab Anfang der 2010er Jahre immer weiter nach unten ging.

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