Braunschweiger Spitzensport: Ringen ums Training geht weiter

Braunschweig.  Die Stadt Braunschweig ermöglicht ihren Top-Mannschaften nun zumindest individuelle Einheiten in der Halle. Auch SSB und LSB suchen Lösung.

Die Zweitliga-Basketballerinnen von Eintracht Lionpride um Nationalspielerin Nina Rosemeyer (links) haben den Stein ins Rollen gebracht. Sie wollen trainieren und spielen. Seit dieser Woche dürfen sie zumindest einzeln in die Halle.

Die Zweitliga-Basketballerinnen von Eintracht Lionpride um Nationalspielerin Nina Rosemeyer (links) haben den Stein ins Rollen gebracht. Sie wollen trainieren und spielen. Seit dieser Woche dürfen sie zumindest einzeln in die Halle.

Foto: Peter Sierigk

Legt die Stadt Braunschweig mit dem Trainingsverbot für ihre Spitzenteams – jenseits der Eintracht-Fußballer und Löwen-Basketballer – die Corona-Verordnung des Landes zu restriktiv aus? Oder ist der niedersächsische Verordnungstext mit Blick auf Zweit- und Drittligisten einfach schlecht formuliert? Während die von Eintrachts Basketballerinnen angestoßene Diskussion über diese Frage hinter den Kulissen weiter emotional geführt wird, gibt es zumindest einen kleinen Kompromiss.

Individualtraining zu zweit ist erlaubt

Die Stadt hält ihr Trainingsverbot für diese Mannschaften, die nicht nur aus Profis bestehen, zwar aufrecht, kommt den Klubs aber auf einem anderen Weg entgegen. Sie können seit dieser Woche zumindest die landesweit für den Individualsport geltende Regelung nutzen. Das heißt, die Stadt öffnet ihre Hallen auf Antrag, sofern die Athleten sie unter strengen Hygieneauflagen für Einzeltraining mit maximal zwei Personen oder Personen aus einem Haushalt nutzen.

Eintracht will Hallenstunden nutzen

Eintracht Lionpride will das auch ausgiebig nutzen. Die Profispielerinnen sollen täglich, die U18- und U20-Kaderspielerinnen zwei-, dreimal die Woche jeweils einzeln mit Trainer Christian Steinwerth und anderen Coaches mit Ball und Korb arbeiten. Das Löwenrudel, dessen Zweitligasaison derzeit auf freiwilliger Basis weiterläuft, hatte entsprechende Übungszeiten beantragt.

So kann das Team zwar nicht an seinem Zusammenspiel feilen, aber wenigstens verlieren die Spielerinnen nicht vollends Basketball-Fitness und Ballgefühl und müssen nicht bei Null anfangen, wenn es im Dezember regulär weitergehen sollte.

Hallen stehen auf Antrag offen

Auch die Nachwuchs-Bundesliga-Basketballer der SG Junior Löwen nutzen bereits die Möglichkeit zum Einzel-Hallentraining. Und den anderen Braunschweiger Mannschaften von erster bis dritter Liga stehe sie ebenfalls offen, betont Michael Loose, der Leiter des städtischen Sportreferats.

Pause im Hockey und Handball

Im Hockey wäre das Thema für Hallen-Erstligist Eintracht und Hallen-Zweitligist BTHC interessant, deren Spielerinnen und Spieler momentan lediglich ein individuelles Freiluft-Fithalteprogramm „ohne Stock“ absolvieren. Die Hockey-Bundesliga wollte nach einer Abstimmung unter den Klubs im Dezember mit einer Hallenrunde starten, hat die Entscheidung nun aber auf nächste Woche vertagt. So soll abgewartet werden, ob am Montag bei der Bewertung der aktuellen Lockdown-Maßnahmen durch Bundes- und Landesregierungen neue Entscheidungen fallen. Die Drittliga-Handballer des MTV trainieren ebenfalls nicht, sondern halten sich mit Laufen und Workouts fit. Ihr Spielbetrieb ist vorerst bis zum Wochenende ausgesetzt.

Probleme mit Nachholspielen

Den USC-Volleyballern geht es wie den Eintracht-Basketballerinnen. Sie dürfen nicht trainieren, aber der Liga-Spielbetrieb geht weiter, so dass sich auf Braunschweiger Seite mehr Nachholtermine als bei vielen Konkurrenten anstauen werden, für deren Bewältigung eigentlich eine lange, intensive Trainingsphase nötig wäre, die es aber nicht gibt.

Wieso darf die Konkurrenz trainieren?

Was für die hiesigen Zweitligisten unverständlich ist: Wieso dürfen sie nicht trainieren, die Konkurrenz aber schon – auch in Niedersachsen? „Braunschweig ist die einzige Stadt, die es ihren Spitzenmannschaften nicht ermöglicht, irgendwie weiter zu trainieren“, ärgert sich Eintracht-Vereinsmanager Sven Rosenbaum. „Alle anderen in der Liga lächeln uns schon milde an.“

Stadt: Kein Spielraum bei der Auslegung

Michael Loose als Verantwortlicher bei der Stadt sieht aber keine zu restriktive Verordnungsinterpretation seiner Behörde. „Wir legen die Verordnung dem Wortsinne nach aus, und Ausnahmegenehmigungen sind darin nicht vorgesehen“, betont er. Die Städte könnten die Vorgaben nur verschärfen, nicht aber unter dem Restriktionsniveau bleiben.

In Verordnung stört das „Und“

Bei den Basketballerinnen geht es darum, dass ihre U18- und U20-Bundeskaderspielerinnen nach Ansicht der Stadt im Sinne der Landesverordnung keine Spitzensportlerinnen seien. In Paragraf 16 heißt es, dies seien Sportler, die einem Bundeskader angehören und an einem Stützpunkt oder Leistungszentrum trainieren. „Da steht eben „und“ und nicht „oder“ drin“, verdeutlicht Loose. „Und die Braunschweiger Kaderspielerinnen trainieren nicht an einem Stützpunkt, weil es hier keinen gibt.“

Loose wehrt sich gegen Vorwurf

Loose wehrt sich dagegen, dass dies als Wortklauberei ausgelegt wird, dass er und seine Leute als Verhinderer dastehen. Die städtischen Juristen hätten die Sache extra nochmal geprüft und seien zum Ergebnis gekommen, dass es eben keine Auslegungssache sei. „So was kommt dabei heraus, wenn 16 Bundesländer ihre Regeln machen, die Ligen aber übergreifend spielen“, verdeutlicht der Referatschef und spielt den Ball zum Land.

Er hat sogar die niedersächsische Verordnung mit der anderer Bundesländer verglichen. „Der Text aus Bayern ist fast identisch, nur eben ohne die Stützpunkt-Sache“, berichtet er. „Dort könnten die Basketballerinnen trainieren.“

Schwarzer Peter mit dem Land

Aber eben auch anderswo in Niedersachsen. Loose kann es sich nur so erklären, dass die Zweitliga-Korbjägerinnen in Osnabrück, Rotenburg und Hannover mehr Profis in ihren Reihen haben oder eben Kaderathletinnen, die an Stützpunkten trainieren. Doch laut Rosenbaum trifft dies nach Recherchen der Eintracht-Verantwortlichen bei den Ligarivalen nicht zu.

Wie kommt die Kuh vom Eis? „Bei uns müsste in Paragraf 16 nur das Wort „und“ raus, und schon gäbe es in Braunschweig keine Probleme“, spielt Lohse den Ball an das Land weiter. Der Ratschlag an Eintracht sei auch nicht sarkastisch, sondern ganz ernst gemeint gewesen, beteuert er: „Die Stadt empfiehlt dem Verein, sich an das Land zu wenden“, stand in der Stellungnahme an unsere Zeitung.

Stadtsportbund eingeschaltet

Das hat der Verein inzwischen auch getan, indirekt über den Stadtsportbund und den Landessportbund. „Der LSB hat schon Gespräche mit dem Sportreferat des Innenministeriums geführt“, berichtet Braunschweigs SSB-Vize Norbert Rüscher von einem Telefonat mit LSB-Chef Reinhard Rawe. „Die haben gesagt, die Entscheidung muss vor Ort getroffen werden, und da gebe es eben Kommunen, die das großzügiger sehen, während die Braunschweiger besonders streng seien“, rekapituliert Rüscher.

Spitzengespräch am Donnerstag

Ein klassisches Schwarzer-Peter-Spiel, so scheint es, bei dem es aber trotzdem noch eine Lösung geben könnte. Am Donnerstag soll ein Gespräch zwischen dem LSB und den kommunalen Spitzenverbänden stattfinden, bei dem versucht werden soll, eine einheitliche Umsetzung im Sinne der Gleichbehandlung in die Wege zu leiten.

Bundesweite Lösung angestrebt

„Bezahlte Sportler sind ja keine Amateure“, sagt Rüscher und setzt darauf, dass sich die Forderung des DOSB durchsetzt. Demnach sollten bundesweit die ersten bis dritten Ligen und im Fußball noch die vierte dem Spitzensport zugeschlagen werden, der seinen Betrieb unter Hygieneauflagen weiterführen darf. „Wenn das für die gemischten Teams aus Profis und Amateuren länderübergreifend gilt, wäre das eine klare, nachvollziehbare Lösung“, sagt der SSB-Vize. „Oder man verbietet es eben komplett.“

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