Tennis-Chefin Barbara Rittner empört über neues Davis-Cup-Format

Braunschweig.  Die Tennis-Frauen-Chefin spricht im Interview über die traumhafte Zusammenarbeit mit Boris Becker, die Braunschweig Womens Open und Talentförderung.

DTB-Frauen-Chefin Barbara Rittner lobt das Weltranglisten-Turnier in Braunschweig und Boris Becker und kritisiert den Weltverband wegen der neuen Turnier-Formate heftig.

DTB-Frauen-Chefin Barbara Rittner lobt das Weltranglisten-Turnier in Braunschweig und Boris Becker und kritisiert den Weltverband wegen der neuen Turnier-Formate heftig.

Foto: Ina Fassbender / dpa

Sie wollte Mittwoch auf dem Weg zu den US-Open in die Region kommen, wo das mit 25 000 Dollar dotierte Weltranglistenturnier Braunschweig Womens Open läuft. Doch dann musste Barbara Rittner, Chefin des deutschen Frauentennis, wegen Magen-Darm-Problemen kurzfristig absagen. So gab sie das vereinbarte Interview mit Redakteurin Ute Berndt telefonisch und mit den Livestream-Bildern aus der Löwenstadt vor Augen.

Frau Rittner, warum wären Sie normalerweise heute nach Braunschweiger angereist?

Ich lasse mich bei den Stationen der German Masters Serie gerne sehen, auch um den Turnieren zu zeigen, dass sie dem DTB wichtig sind für die Nachwuchsarbeit. Dadurch, dass jetzt für den Fed-Cup in erster Linie Jens Gerlach verantwortlich ist, kann ich mich noch ein bisschen mehr auf die Talent-Förderung fokussieren. In Braunschweig sind ja viele Spielerinnen aus unserem Talent-Team am Start, die ich beobachte und versuche zu pushen.

Das Braunschweiger Turnier feiert den zehnten Geburtstag. Was bedeutet es für den DTB?

Es ist wahnsinnig wichtig, ich war ja schon öfter da, als es noch ein 10 000-er-Turnier war, die idyllische Anlage ist besonders schön. Solche Turniere sind einfach für die Entwicklung unserer Spielerinnen sehr wichtig und gut. Im eigenen Land bekommen sie den einen oder anderen Trainingsplatz mehr, und wir können durch die Wildcards Spielerinnen reinbringen. Es ist ein ganz wichtiges Sprungbrett, denn man sieht ja, dass sie sich zu Hause wohler fühlen und die Turniere einen Tick besser nutzen können. 25 000-er-Turniere bieten die Möglichkeit, gegen Bessere zu spielen und Erkenntnisse zu gewinnen.

Sehen Sie die erhofften Fortschritte bei Ihren Schützlingen?

Ja. Katharina Gerlach hat in Horb ein 25-er-Turnier gewonnen, Lena Rüffer war in Essen im Halbfinale. Sie haben sich an die ersten 300 der Weltrangliste rangespielt. Oder Jule Niemeier. Die hat im Mai Abitur gemacht und ist jetzt von nichts auf 600 vorgerückt, obwohl sie noch nicht voll professionell trainieren konnte.

Stichwort Abitur. Viele Spielerinnen wollen die Schule schmeißen und so früh wie möglich auf die Tour gehen. Was empfehlen Sie?

Den Schulabschluss. Denn man weiß ja nie, was passiert und ob man gesund bleibt. Die Alternative in der Tasche zu haben und zu wissen, man kann später auch eine Ausbildung machen oder studieren, ist immer gut. Ich rate immer zum Schulabschluss. Da muss man eben in Kauf nehmen, dass man in der Zeit nicht so viele Turniere spielen kann und aushalten, dass die Spielerinnen aus dem Ostblock ohne Schulpflicht erstmal vorbeiziehen. Deshalb ist das Konzept des DTB auch so ausgelegt, dass wir länger an den Spielerinnen festhalten.

Man muss ja nicht mit Anfang 20 seinen Zenit erreichen. Da haben wir mit Angelique Kerber und Julia Görges die besten Beispiele. Man muss eine gesunde Basis schaffen und dann das tun, was Kerber vorlebt: Durchhalten, die sportlichen Hausaufgaben machen, sich durchbeißen. Ein Wunderkind, dem alles zufällt, das als Model arbeitet und nebenbei noch die Nummer eins der Welt ist, sehe ich bei uns in den nächsten Jahren nicht – und will ich auch nicht haben.

Kerber und Görges sind also genau die Vorbilder für die Jüngeren die Sie sich wünschen?

Ja. Und auch Andrea Petkovic und die anderen aus dieser Generation. Wir haben harte Arbeiterinnen, die ihr Talent nutzen über die Jahre und auch Rückschläge wegstecken. Die Kunst der Topleute ist es, mit den Widrigkeiten richtig umzugehen und sich nicht runterziehen zu lassen. Das ist auch das, was wir auf unseren Lehrgängen vermitteln. Das Talent zu arbeiten ist viel wichtiger als das Talent in der Hand. Es geht darum, an die Grenzen zu gehen. Und Spielerinnen mit so einem guten Gesamtpaket haben wir entwickelt.

Ihr neues Pendant als „DTB-Head of...“ ist im Männerbereich Boris Becker. Wie ist Ihr Kontakt zu ihm, gibt es eine Zusammenarbeit?

Natürlich. Wir sehen uns oft. Bald auch wieder bei Eurosport bei den US-Open, wo wir viel Zeit haben. Zwischen den großen Turnieren bin ich intensiver an mehr Orten und beobachte auch mal einige seiner Spieler. Oder wir sprechen über unsere Trainer. Mit Boris über Tennis zu reden, ist ein Traum. Er hat da so viel Leidenschaft, damit packt er mich sofort. Oder ich zeige ihm unsere Besten im Training und frage ihn nach seiner Meinung.

Er guckt Tennis nochmal mit anderen Augen. Die Dinge, auf die wir so viel Wert legen, hat er ja in Perfektion umgesetzt. Er ist über Grenzen gegangen und hat Spiele wegen seiner Monstermentalität gewonnen. Leider zahlt er jetzt den Preis dafür mit körperlichen Problemen. Aber ich bin froh, dass ich die Möglichkeit habe, mit ihm zusammenzuarbeiten. Ich wiederum habe viel mehr Erfahrungen mit den ganzen Strukturen im Verband, mit denen ich ihm helfen kann. Es ist also eine Kooperation auf Augenhöhe.

Was sagen Sie zu dem von ITF-Präsident David Haggerty gepushten neuen Davis-Cup-Format mit einem zentralen Turnier im November, wofür Investoren angeblich drei Milliarden Dollar zahlen?

Es ist ein Drama, dass das Geld so die Welt regiert, dass alles Bewährte egal ist. Ich bin ein Freund von Traditionen. Die Heim- und Auswärtsspiele machen doch den Davis-Cup und den Fed-Cup aus. Bei den Jungs in Spanien oder bei uns in Stuttgart oder Prag haben tausende Zuschauer so geile Stimmung gemacht. Das waren mit die schönsten Momente, und die kreierst du nur mit Heim- und Auswärtsspielen. Jetzt soll dieses große Turnier kommen, das die Saison künstlich verlängert, und es sollen nur noch zwei Einzel und ein Doppel gespielt werden, was ich auch Mist finde. Ich habe überhaupt kein Verständnis für diese Reform, und ich hatte auch gedacht, das geht nie durch.

Was passiert mit dem Fed-Cup?

Das ist ja überhaupt ein absoluter Witz und die größte Respektlosigkeit dem Frauentennis gegenüber, dass David Haggerty die große Neuerung für den Davis-Cup verkündet und den Fed-Cup mit keinem Wort erwähnt hat. Dabei hat er letztes Jahr noch gesagt, der Fed-Cup sei eigentlich wertvoller. Das ist bodenlos. Ich bin gespannt, wie das jetzt beim Davis-Cup läuft. Der Fed-Cup soll dann, so hört man es zumindest, für 2020 nach demselben Modell verändert werden. Das Einzige, was ich daran gut finde, ist, dass die Weltgruppe aus 16 statt nur aus 8 Teams besteht.

Bei den Turnierserien gibt es auch Veränderungen. Weltranglistenpunkte werden künftig erst ab den 25 000-Dollar-Turnieren vergeben, darunter wird eine Qualifikationsserie gespielt. Was halten Sie davon?

Das ist genau so ein Quatsch. Damit macht man die vielen kleinen 10- und 15 000-er-Turniere kaputt, weil dort keine guten Leute mehr spielen, die Veranstalter aber keine 50- bis 60 000 Euro für ein 25 000-er-Turnier haben. Es gibt eine tolle Jugend-Tour U 18 und die tolle Frauen-Tour. Warum muss man noch was dazwischen erfinden?

Werden dadurch Braunschweig und die anderen 25 000-Dollar-Turniere noch wichtiger für Sie?

Ja natürlich. Die zählen für uns dann praktisch doppelt.

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