Ein Ex-Profi über das Outing im Fußball

Braunschweig  Der Ex-Profi Marcus Urban spricht im Interview über schwule Fußballer, homophobe Fan-Gesänge und die Zeit vor seinem Coming-out.

Markus Urban im Gespräch.

Markus Urban im Gespräch.

Foto: Peter Sierigk

Vor seiner Lesung beim Braunschweiger Sommerloch-Festival nahm sich Marcus Urban Zeit für die Fragen von Sportredakteur Christian Schiebold.

Herr Urban, 2008 haben Sie in einem Interview die Hoffnung geäußert, dass die Zeit des ewigen Entweder-oder für schwule Fußball-Profis bald endlich vorbei sein könnte. Ihre Hoffnung hat sich heute, vier Jahre danach, noch nicht erfüllt ...

Na ja, aber die Front bröckelt, sehr stark sogar. Erst vor wenigen Tagen saß ein schwuler Fußball-Funktionär eines Verbandes bei mir, der sich 25 Jahre lang versteckt hat – und mit dem ich jetzt sein Coming-out plane.

Wenn Sie sagen, die Front bröckelt: Warum hat sich denn dann immer noch niemand getraut, sich öffentlich zu outen?

Das Problem ist, dass man die Entwicklung nicht sieht, das meiste läuft ja im Hintergrund ab. Wenn jemand in der Ostsee einen Groschen fallen lässt, gibt es eine Welle. Aber es dauert, bis die hier ankommt. Was glauben Sie, wie viele Spieler mir mittlerweile untergekommen sind, ehemalige Nationalspieler, Helden meiner Jugend, die heute noch versteckt schwul leben. Das sind mehr als Sie denken, und zwar längst nicht nur Fußballer.

Aber noch einmal: Warum traut sich im Spitzensport niemand, dazu zu stehen?

Wenn sich ein Spieler outet, hätte das eine enorme positive Wirkung und würde vielen Menschen das Leben retten. Entscheidend sind aber zunächst einmal die Rahmenbedingungen, die sich ändern müssen. In den Schmelztiegeln dieser Welt laufen nicht so viele Schwule und Lesben rum, weil die Stadt Berlin oder New York heißt, sondern weil dort eine offene, kreative Atmosphäre herrscht. Wenn Schwule und Lesben nicht Hand in Hand laufen, stimmt irgendetwas mit der Atmosphäre nicht. Und genau das ist im Stadion der Fall. Es muss uns gelingen, dass unsichtbare Merkmale wie Religion, Weltanschauung oder aber auch sexuelle Orientierung automatisch akzeptiert werden. Erst wenn Männer Hand in Hand in der Kurve stehen, hätten wir eine Sicherheit für Akzeptanz.

Warum ist das im Fußball, anders als in der Wirtschaft oder der Politik, noch nicht der Fall?

Weil Sie im Stadion niemanden haben, der sich hinstellt und den Leuten sagt: Wenn du dich daneben benimmst, fliegst du raus. In Firmen gibt es für so etwas sogenannte Compliance-Manager. Aber im Fußball kommen und gehen die Fans ohne Verträge ins Stadion. Sie müssen die Leute also auf der Basis der Freiwilligkeit überzeugen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Es soll im Stadion humorvoll und deftig bleiben – aber nicht auf Kosten anderer Menschen. Wir brauchen eine bessere Kultur von Beschimpfung.

Sie haben sich damals, als Sie als hoffnungsvolles Talent galten, nicht geoutet, aus Angst, es würde Ihre Karriere gefährden. Glauben Sie, dass die Angst vor dem Karriere-Ende auch heute noch berechtigt ist?

Die Angst entsteht ja im Vorfeld im Kopf, man stellt sich verschiedene Szenarien vor, weil wir es noch nicht erlebt haben. Das Problem ist, dass Sie nicht wissen, wo homophobe Leute stecken – und ihnen deshalb ausgeliefert sind. Es kann sein, dass es in der Mannschaft jemanden gibt, der aus einem muslimischen Land kommt, wo Homos eingesperrt werden – und ein Problem damit hat. Was ist, wenn die Fans Sie als „schwule Sau“ beschimpfen? Sind Sie dann noch verkaufbar an andere Vereine?

Das heißt, Sie würden Profi-Fußballern von einem Coming-out abraten?

Nein, natürlich nicht. Schließlich stehe ich doch für Authentizität. Zumal ich selbst erfahren habe, dass glücklich sein wichtiger ist als Fußball-Profi zu werden.

Man sagt, dass etwa zehn Prozent der Menschen homosexuell seien. Was glauben Sie, wie hoch der Anteil im Fußball ist?

Warum sollte es im Fußball anders sein? Ich behaupte sogar, dass besonders der Leistungssport etwas für Schwule und Lesben ist. Man ist ständig unterwegs, muss sein ganzes Leben auf den Sport einstellen, hat in vielen Fällen keine Familie und keine Kinder. Fußball ist also fantastisch, um sich zu verstecken, weil dort niemand Schwule erwartet. Genau wie in der Kirche. Oder was glauben Sie, warum es dort so viele Schwule gibt?

Im Gegensatz zu Ihren männlichen Pendants machen viele Fußballerinnen kein Geheimnis aus ihrer Homosexualität. Wie erklären Sie sich das?

Ganz einfach: Sie spielen der vorherrschenden Meinung damit in die Karten. Eine Fußballerin ist ja eigentlich keine richtige Frau, sondern ein halber Kerl, ein Mannsweib, wie man so schön sagt. Mit den Fantasien der Männer ist eine lesbische Fußballerin also kompatibler als ein schwuler Fußballer – weil das wären ja nur halbe Männer.

Gehen Sie selbst eigentlich noch ins Stadion?

Ja, mittlerweile wieder. Zu St. Pauli, oder aber auch zum HSV. Ich finde die Atmosphäre einfach toll.

Ist es dann nicht jedes Mal ein Stich ins Herz, wenn Spieler oder Schiedsrichter mit homophoben Sprüchen beschimpft werden?

Ach wissen Sie, ich habe mir in der Beziehung einen Schutzmechanismus aufgebaut. Mittlerweile muss ich nur noch drüber lachen. Schlimm war es, als ich früher versteckt gelebt habe. Da war ich viel verletzbarer.

Wie war das denn seinerzeit, als Sie vor Ihrem Coming-out noch aktiv Fußball gespielt haben und in der Kabine mal ein dummer Spruch fiel?

Um halbwegs damit klarzukommen, habe ich das Spiel mitgemacht – und meine Gegenspieler durchaus auch mal als schwule Sau beschimpft. Aber innerlich wurde ich immer ein Stück kleiner. Und wenn immer wieder jemand in die Narbe reinstößt, bekommen Sie irgendwann nachhaltige Verletzungen. Und zwar welche, die Sie nicht sehen – und dementsprechend auch nicht zu greifen kriegen. Das macht das Leben zur Hölle.

Was haben Sie denn gedacht, als der italienische Nationalspieler Antonio Cassano bei der Fußball-EM mit schwulenfeindlichen Aussagen für Schlagzeilen gesorgt hat?

Natürlich ist das eine bescheuerte Aussage gewesen. Aber irgendwie bin ich auch froh, dass es so bescheuerte Leute noch gibt, die ihre Homophobie offen zeigen. Jeder homophobe Satz eines Prominenten ist PR gegen Rückständigkeit.

Zur Person: Marcus Urban (40)

Der gebürtige Thüringer galt in seiner Jugend als begnadeter Fußballer. Bis Anfang der 90er Jahre stand der DDR-Jugendnationalspieler beim Zweitligisten Rot-Weiß Erfurt unter Vertrag. Weil der Druck, sich als Homosexueller in der Fußballwelt verstecken zu müssen, zu groß wurde, beendete er seine Karriere. Im November 2007, im Alter von 36 Jahren, outete sich Urban in einem Interview als homosexuell. Ein Jahr später erschien seine Biografie mit dem Titel „Versteckspieler. Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban.“

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