Wie Braunschweigs Basketballer ihre Quarantäne erleben

Braunschweig.  Die Löwen-Profis sollen bis zum verschobenen MBC-Spiel auch von Nelson Mandela lernen. Zeebs Energieproblem: „Ohne Bewegung rede ich viel zu viel“

Ungewohntes Mitfiebern morgens vor dem Fernseher: Garai Zeeb schaut Basketball.

Ungewohntes Mitfiebern morgens vor dem Fernseher: Garai Zeeb schaut Basketball.

Foto: privat

Braunschweigs neuester Bringdienst trägt das Löwen-Logo auf der Brust. Mitarbeiter aus der Geschäftsstelle der Erstliga-Basketballer haben erstmals am Montag im großen Stil die Einkaufslisten ihrer Profis abgearbeitet und ihnen Pappkisten mit Nahrungsmitteln nach dem jeweiligen Geschmack an die Wohnungstüren gebracht. Dahinter leben die Spieler seit Silvester in Quarantäne, versuchen sich so gut es geht halbwegs fitzuhalten und müssen dies noch bis mindestens Sonntag tun.

Das ist seit Dienstag offiziell, als ja eigentlich am Abend das Heimspiel gegen das Euroleague-Topteam Bayern München auf dem Programm stand. Nun ist auch noch die nächste Partie coronabedingt verschoben worden. Das für Samstag vorgesehene Heimspiel gegen den MBC aus Weißenfels wurde von der Liga als fünfte Löwen-Partie seit Weihnachten abgesetzt und als einziges bereits neu terminiert: für Donnerstag, 14. Januar.

Corona: Zweiter Profi der Basketball Löwen Braunschweig positiv

Ursprünglich hatten die Basketballer gehofft, sich schon an diesem Donnerstag aus der häuslichen Isolation „freitesten“ zu können. Doch am Abend ihrer Silvester-Tour nach Berlin, wo das geplante Pokalspiel kurzfristig abgesetzt worden war, weil das Braunschweiger Gesundheitsamt das Team zurückgerufen hatte, wurde noch ein zweiter Löwen-Profi schwach-positiv auf das Coronavirus getestet.

Der Positivtest des ersten betroffenen Spielers, der zwischenzeitlich Symptome zeigte, aber auf dem Weg der Besserung ist, stammt vom 28. Dezember, der zweite nun von Silvester. Somit hat die Behörde die Quarantäne für das gesamte Team und den Trainerstab verlängert. Denn der zweite positiv getestete Akteur, der bislang keinerlei Symptome hat, saß ja mit im Bus nach Berlin, während der erste schon isoliert zu Hause geblieben war.

Löwen wollten mehr Zeit vor dem ersten Spiel nach der Quarantäne

Die Kontrolltests vom Montag waren negativ, so dass Geschäftsführer Nils Mittmann gestern schon wieder ganz optimistisch nach vorne blickte. „Wir hoffen jetzt, dass wir uns am Sonntag ganz früh freitesten und dann gleich wieder ins Training einsteigen können.“

Seine Hoffnung des Vormittags, dass die BBL dem Team nicht schon nächste Woche das erste Nachholspiel ansetzt, sondern dass Zeit bleibt bis zum Wochenende darauf, wenn plangemäß Meister Alba Berlin anreisen soll, zerschlug sich schon am Nachmittag. „Die Ärzte und Trainer haben uns ganz klar gesagt, dass man nach zwei Wochen Quarantäne eine Woche braucht, um den Körper wieder auf die Belastung vorzubereiten“, betonte Mittmann. Die Neuansetzung des MBC-Spiels schon für Donnerstag konnte er aber nicht verhindern.

Dennis Schröder und die Lakers: Zeeb fiebert richtig mit

Umso wichtiger, so fit wie möglich wieder loszulegen. Aber wie macht man das und wie lebt es sich als Profi mit Bewegungsdrang in Quarantäne? „Der Sport fehlt mir am meisten“, sagt Garai Zeeb, der als einer von wenigen Löwen-Profis das Glück hat, dass seine Freundin Blanka mit ihm in der Wohnung lebt. „Die muss zwar nun auch zu Hause bleiben, aber ich bin wenigstens nicht so einsam“, sagt er dankbar. Aber eben unausgelastet. „Ich merke schon, dass ich hibbelig werde oder losquatsche, weil ich die Energie irgendwie loswerden muss“, berichtet der Spielmacher. „Ohne richtige Bewegung rede ich viel zu viel.“

Zu seiner Morgenroutine gehört es neuerdings, Basketballspiele zu schauen, beispielsweise NBA-Zusammenfassungen aus der Nacht, wo Löwen-Boss Dennis Schröder im Team der Los Angeles Lakers richtig auftrumpft. „Er spielt super, die scheinen schon richtig gut zu harmonieren“, urteilt Zeeb und hat sogar beim Fernsehgucken festgestellt, dass sein Körper irgendwo überschüssige Energie lassen muss: „Man fiebert plötzlich viel intensiver mit.“

Trainer Strobl: Wir machen alles, was die Nachbarn nicht stört

„Richtig“ trainiert wird bei allen Einschränkungen natürlich auch. Jeder Spieler habe so in etwa drei bis vier Stunden am Tag Programm, rechnet Mittmann vor. „Das ist ja fast schon wie an einem normalen Trainingstag.“

„Wir sind alle gesund und stecken voller Energie“, berichtet Trainer Pete Strobl. „Wir machen alles, was man zu Hause tun kann, ohne die Nachbarn zu stören.“ Schon am Wochenende hatten die Profis einige ihrer in der VW-Halle gelagerten Gewichte, Rollen, Matten und Bänder erhalten. Inzwischen wurde mit weiteren Hanteln und Kettlebells, aber auch mit Airbikes und Rudergeräten vom Löwen-Partnerstudio Fitnessland aufgestockt. „Die wollen wir rotieren lassen, damit jeder mal Cardiotraining machen kann“, sagt Mittmann.

Athletiktrainer Alvaro de Pedro überwacht die Heim-Einheiten

Nach Gutdünken vor sich hin trainieren müssen die Löwen nicht. Ihr Übungsprogramm wurde von Athletiktrainer Àlvaro de Pedro individuell ausgearbeitet und wird von ihm per Videoschalte überwacht. Auch der Essenbestellung lag eine Expertise des Spaniers zugrunde, damit die Spieler möglichst auch durch ihre Ernährung das Optimale tun, um Gewicht und Fitnessstand zu halten. Und so hatten die Einkäufer der Löwen keine sonderlich exotischen Wünsche zu erfüllen, sondern konnten zügig das Übliche einpacken, wie Hähnchen, Gemüse, Pasta.

Auch Zeeb nahm die Gelegenheit gerne wahr, hatte aber auch schon anderweitig vorgesorgt. „Übers Wochenende lagen noch vier Gerichte im Kühlschrank“, erzählt er. Bestellt über „Hellofresh“, einen Lieferdienst, der Rezepte mitsamt den zur Umsetzung benötigten Zutaten anliefert. „Das haben wir auch schon vor der Quarantäne oft genutzt“, sagt der Spielmacher. „Ist simpel umzusetzen, kann ich nur empfehlen.“

Freundin von Ex-Nationalspieler Hamann leitet Löwen beim Yoga an

Täglich einmal schaltet sich die Mannschaft per Zoom zu gemeinsamen Einheiten zusammen. Mal führt de Pedro durch ein Programm mit Mobilisation und Ausdauer, dreimal pro Woche ist eine Yogalehrerin gebucht. Es sei die Freundin von Ex-Nationalspieler Steffen Hamann aus München, berichtet Mittmann.

Und so hatte die erste Stunde am Montag mit Entspannung wenig zu tun, sondern war profisport-affines hartes Ganzkörpertraining. „Das war wirklich sehr anstrengend“, stöhnt Zeeb. „Aber so spürt man wenigstens seine Muskeln.“

Pete Strobl trifft seine Spieler täglich bei Zoomkonferenzen

Das Beste aus jeder Situation machen – die Lebensdevise von Trainer Pete Strobl gilt in diesen Tagen ganz besonders. Der Coach nutzt die viele Zeit, um mindestens jeden zweiten Tag mit jedem Spieler ausgiebig zu reden und beispielsweise die bisherige Saison zu reflektieren. Anhand von Videozusammenschnitten werden Stärken und Schwächen analysiert und Ziele formuliert. „Aber es geht auch darum, einfach zu reden“, betont er. „Ich mache mir schon Sorgen um die, die allein zuhause hocken.“

Auch Zoomkonferenzen mit dem gesamten Team gibt es regelmäßig. Dabei bespricht Strobl basketballerische Dinge, hat am Dienstag nochmal ausführlich das Defensivkonzept durchgekaut. Aber der Amerikaner wirkt auch gerne mit philosophischen Betrachtungen beziehungsweise Beispielen aus anderen Lebensbereichen auf die Köpfe seiner Schützlinge ein.

Löwen wollen nach dem Beispiel Nelson Mandelas mentale Stärke entwickeln

Eine Lektion diesmal: Menschen, die ihre Wohnung nicht verlassen dürfen. Aber nicht wegen einer vergleichsweise erträglichen Zehn-Tages-Quarantäne sondern über Jahre, beispielsweise aus politischen Gründen, wie Nelson Mandela einst im Gefängnis und im Hausarrest. „Der saß 27 Jahre im Knast und hat immer vorwärts gedacht, hat Worte benutzt, um seine Ziele zu erreichen, und hat unglaubliche mentale Stärke entwickelt“, sagt Strobl bewundernd.

Er wolle eben nicht, dass seine Spieler hadern und sich beschweren, sondern die Quarantäne produktiv nutzen. „Ich wünsche mir, dass wir als Team mental gestärkt zurückkommen“, sagt der 43-Jährige. „Ich verstehe mich auch als Lehrer und möchte gute Sachen in die Köpfe der Spieler kriegen - und nicht nur Netflix.“

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