Basketballer Mushidi: Aus der „Hölle“ in den Löwen-Himmel

Braunschweig.  Der einstige NBA-Anwärter der Löwen Braunschweig erzählt, wie er nach einer schrecklichen Saison in Serbien wieder Licht im Tunnel sieht.

Brüllender Löwe: Kostja Mushidi jubelt über den Heimsieg gegen den MBC und schmückt nun in ähnlicher Manier auch das Löwen-Plakat fürs Heimspiel gegen Gießen am Sonntag.

Brüllender Löwe: Kostja Mushidi jubelt über den Heimsieg gegen den MBC und schmückt nun in ähnlicher Manier auch das Löwen-Plakat fürs Heimspiel gegen Gießen am Sonntag.

Foto: Florian Kleinschmidt / Florian Kleinschmidt/BestPixels.de

Wenn er nicht Basketball-Profi geworden wäre, wäre er Politiker geworden. So sagt es Kostja Mushidi in einem Video-Fragebogen, den die Löwen jüngst in der VW-Halle laufen ließen. „Weil ich gut reden kann, viele Sprachen spreche und Leute überzeugen kann“, begründet der 21 Jahre alte Jungstar auf Nachfrage.

Das mit den Sprachen ist kein Wunder. Seine Mutter ist Belgierin, sein Vater ein „Vollblut-Russe“ aus Moskau, sein Stiefvater Franzose. Die Großeltern mütterlicherseits kommen aus Kinshasa/DR Kongo. Mushidi, in Brüssel geboren, ist seit seinem zweiten Lebensjahr in Düsseldorf, der „schönsten Stadt der Welt“ aufgewachsen. Und vor seinem Wechsel nach Braunschweig hat er drei Jahre in Serbien gespielt. „Ich bin ein richtiger Weltbürger“, sagt er, und es klingt sehr stolz.

Basketballerisch betrachtet, hätte er gerne auch schon die USA auf seiner Weltkarte. Konkret: Die NBA. Denn vor zwei, drei Jahren schien es nur noch eine Frage von Monaten, wann das damals 17-jährige Supertalent einen Profivertrag in der besten Liga der Welt erhält.

2015 war der zielstrebige Flügelspieler aus dem NBBL-Team Bonn/Rhöndorf für das europäische U18-Allstar-Spiel nominiert worden. Weil er in Bonn nicht wie erhofft in den BBL-Kader aufstieg, heuerte er mit 17 Jahren in Straßburg an. „In Deutschland gab es für junge Spieler keine Spielzeit, deshalb mussten wir ins Ausland gehen“, sagt er für sich und seinen Freund Isaiah Hartenstein aus Quakenbrück, der ins litauische Kaunas wechselte.

Zu jung für die NBA-Draft

Bei Straßburgs Männern war die Konkurrenz aber zu groß, er durfte nur in der U21 spielen. „Vielleicht fehlte einfach auf meiner Seite noch ein bisschen“, räumt Mushidi ein. In Deutschland meldet er sich im Frühjahr 2016 mit einem Paukenschlag zurück, als er die U18 zum ersten Sieg beim Albert-Schweitzer-Turnier führte und von den Trainern zum besten Spieler gewählt wurde. „Danach gab es Gespräche mit NBA-Teams“, berichtet er. „Doch ich konnte noch nicht gedraftet werden, weil ich zu jung war.“

Was also tun, um im Fokus der NBA-Späher zu bleiben? Mushidi wechselte nach Serbien zu KK Mega Leks, einem Team, das Talente in die NBA schleuste. „Da wollte jeder hin“, schwärmt er. Wie erhofft, bekam er mit seinen 18 Jahren gleich eine Rolle im Männerteam, das auch international antrat. „Das hat mich schnell besser gemacht.“

Im Frühjahr 2017 spielte Mushidi mit Hartenstein beim „Hoop Summit“ in Portland in der U19-Weltauswahl. Ein Event, bei dem sich auch schon Dirk Nowitzki und Dennis Schröder für die NBA empfohlen hatten. „Ich hatte dann die Chance rüberzugehen, man hat mir gesagt, dass ich in der zweiten Runde gedraftet würde“, erzählt er.

„Eine ekelhafte Verletzung“

Aber seine Agenten wollten einen sicheren Erstrunden-Pick und rieten ihm, in Serbien zu bleiben, um noch besser zu werden. „Leider habe ich mir in der Vorbereitung den Fuß gebrochen, eine ekelhafte Verletzung“, berichtet er. Nach einem Rückfall wurde er operiert und fiel fast ein Jahr aus. „Da geht der Hype natürlich weg.“

Der Sommer im Nationaltrikot baute ihn wieder auf. Er holte mit der U20 in Chemnitz EM-Bronze, fühlte sich endlich wieder gesund, durfte Verantwortung übernehmen.

Doch seine dritte Saison in Serbien lief trotzdem schief. „Ich bin durch die Hölle gegangen, ich hatte ein mentales Tief“, erzählt er. „Ich habe mir nur Druck gemacht, wollte einen Status verteidigen, keinen Fehler machen.“ Alles Probleme, die er im Nachhinein selbstkritisch analysiert hat und bei denen auch mit hineinspielte, dass mehrere seiner Kumpels mittlerweile schon in der NBA gelandet waren.

Jedenfalls ging seine Trefferquote tief in den Keller, und Mega Leks schob ihn zum schwächeren Team OKK Belgrad ab. Dazu kam medialer Druck, hämische Kommentare bei Instagram, man wunderte sich, was mit NBA-Anwärter Mushidi los war. „Auf einmal habe ich mich total alleine gefühlt“, berichtet er. „Ich wusste, ich muss den Kopf aus dem Sand kriegen, aber ich hatte überhaupt keine Lust mehr auf Serbien, ich habe das Licht am Ende des Tunnels nicht gesehen.“

Bei den Löwen sieht er es wieder. „Pete Strobl hat mich überzeugt im Sommer, er vertraut uns jungen Spielern, es macht Spaß“, lobt er den Trainer. Er sei rundherum zufrieden: „Braunschweig ist ideal für mich, ich werde jeden Tag besser.“

„Kostja spielt wie ein Mann“

Die Löwen sind ebenfalls zufrieden mit ihrem energiegeladenen Jungstar, der in der Halle für Emotionen sorgt, im Schnitt 13 Punkte sowie 4,8 Rebounds abliefert und entschlossen die zweitmeisten Würfe nach Scott Eatherton nimmt.

„Kostja spielt wie ein Mann“, lobt Strobl die Selbstverständlichkeit, mit der Mushidi in engen Phasen schon Verantwortung übernimmt. „Das habe ich in Serbien gelernt, weil ich schon mit 18 Champions League gespielt habe“, blickt der inzwischen wieder positiv auf seine Lehrjahre zurück. „Wenn ich jetzt in der BBL auf dem Feld stehe, habe ich keinen Druck.“

Den möchte er sich auch im Blick auf die NBA nicht mehr machen. „Ich will nicht mehr reden wie früher, sondern im Moment leben“, betont er. „Ich will frei sein, meine beste Leistung bringen, und dann kommt die Belohnung ganz von selbst.“ Dann wolle er nach der Saison sehen, welche Möglichkeiten sich ihm eröffnen. In die Politik gehen wird er jedenfalls nicht. Diese Aussage im Video sei eigentlich nur Spaß gewesen, räumt er ein. Und im Sportartikel schreiben sei er übrigens auch ganz gut.

Braunschweig – Gießen 46ers

Sonntag, 15 Uhr, VW-Halle

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