Eintracht-Hauptversammlung: Wird Bratmann am Freitag Präsident?

Braunschweig.  Auf der Jahreshauptversammlung der Eintracht fällt die Entscheidung über das Präsidentenamt. Wir haben mit dem Kandidat Christoph Bratmann gesprochen.

Sportlich geht es für die Eintracht-Profis in dieser Saison nur um den Klassenerhalt. Der wäre auch mit Blick auf die Finanzen wichtig.

Sportlich geht es für die Eintracht-Profis in dieser Saison nur um den Klassenerhalt. Der wäre auch mit Blick auf die Finanzen wichtig.

Foto: Darius Simka / regios24

Der eine will Präsident von Eintracht Braunschweig werden, der andere ist Aufsichtratsvorsitzender bei den Zweitliga-Fußballern. Gemeinsam haben Christoph Bratmann und Frank Fiedler das Erbe des zurückgetretenen Sebastian Ebel bei den Löwen angetreten und gemeinsam wollen der SPD-Politiker und der Finanzvorstand von Volkswagen Financial Services die Blau-Gelben in den nächsten Jahren voranbringen. Vor der Jahreshauptversammlung der Eintracht am 13. November, wo Bratmann für das Präsidenten-Amt kandidiert, sprach das Duo im Interview mit unserer Zeitung über die Aufregung rund um die Ebel-Nachfolge, die neue Aufgabenverteilung, die Finanzen und die sportliche Entwicklung bei den Löwen.

Herr Bratmann, in den vergangenen Wochen herrschte eine große Aufregung um die Frage, wer für das Präsidentenamt bei Eintracht Braunschweig kandidiert. Sie stellen sich nun am 13. November zur Wahl. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die Abstimmung sowie die Jahreshauptversammlung, die wegen der Corona-Pandemie erstmals digital stattfinden wird?

Bratmann: Ich blicke positiv auf die Veranstaltung. Wir werden ein neues Format, eine volldigitalisierte Versammlung, nutzen. Erstens geht es wegen Corona nicht anders, und zweitens ist das mit Blick auf die Zukunft sicherlich eine gute Erfahrung. Auch nach Corona lassen sich durch hybride Versammlungen die Teilnahmemöglichkeiten verbessern. Es kommt dann nicht mehr darauf an, wer im Saal am meisten mobilisiert, sondern es können sich alle Mitglieder auch von zu Hause aus einbringen. Ich glaube, wir konnten im Vorfeld auch schon ein paar Dinge entschärfen. Wir haben eine Geschlossenheit im Vorstand und einen guten Austausch mit den organisierten Fans. Deshalb denke ich, dass es gar nicht so viel Konfliktpotenzial geben wird. Mit Blick auf meine Kandidatur für das Präsidentenamt war es mir wichtig, dass ich Zuspruch von allen Seiten spüre. Ich denke, dass wir, wenn es denn so kommt, eine Lösung gefunden haben, um in den nächsten Monaten gut im Sinne der Eintracht zu arbeiten.

Sie haben gesagt, dass Sie zunächst nur für ein Jahr als Eintracht-Präsident kandidieren. Schließen Sie aus, darüber hinaus zur Verfügung zu stehen?

Bratmann: Ich will mich auf jeden Fall noch viele Jahre bei der Eintracht engagieren, allerdings unabhängig vom Amt. Deshalb habe ich gesagt, dass ich nun erst einmal nur für ein Jahr als Präsident zur Verfügung stehe. Ich habe ja auch noch ein paar andere Ämter zu bekleiden, und zwölf Monate sind ein Zeitraum, den ich überblicken kann. Wenn es gelingt, jemanden als Vizepräsidenten zu finden, der auch perspektivisch infrage kommt, das Amt des Präsidenten zu übernehmen, bin ich gerne bereit, in die zweite Reihe zurückzukehren. Ich möchte keine Ära Bratmann prägen, sondern die Dinge anpacken, die nun angegangen werden müssen.

Herr Fiedler, mit dem Unternehmer Helmut Streiff hatten Sie ursprünglich einen anderen Kandidaten präferiert. Wie stehen Sie nun zu einer Kandidatur von Christoph Bratmann?

Fiedler: Seit dem Rückzug von Sebastian Ebel haben wir bei der Eintracht eine neue Konstellation. Sebastian Ebel war Präsident und gleichzeitig Aufsichtsratschef und musste viele Dinge nur mit sich selbst ausmachen. Die neue Situation macht es an gewissen Stellen nun schwieriger, hat aber auch seine Vorteile. Für uns im Aufsichtsrat ist es extrem wichtig, dass die Eintracht einen Präsidenten hat, denn nur so können wir Probleme gemeinsam lösen. Deshalb freut es mich, dass Christoph Bratmann kandidiert. Mit ihm arbeiten wir nun schon seit Monaten zusammen und stimmen uns regelmäßig ab. Wir haben das gemeinsame Ziel, dass Eintracht erfolgreich ist.

Aber ist durch die Unruhe rund um die Personalie Helmut Streiff nicht ein großer Schaden für die Eintracht entstanden. Wie viele Scherben müssen Sie beide zusammenkehren?

Fiedler: Was das Thema Scherben aufsammeln betrifft, muss man differenzieren. Im innersten Zirkel, im Eintracht-Präsidium sowie im Aufsichtsrat, stehen wir fest zusammen und sind in einem guten und regelmäßigen Austausch. Da gibt es nichts aufzuräumen. Aber natürlich sind im größeren Umfeld Irritationen entstanden, die wir ausräumen müssen. Helmut Streiff hatte Unterstützer, die sich bei Eintracht engagieren. Doch man unterstützt ja den Verein und nicht nur eine bestimmte Person, deshalb hoffen wir, dass sie trotzdem weiterhin an unserer Seite stehen.

Bratmann: Natürlich gab es Unruhe, aber wir stehen nicht vor einem Scherbenhaufen. Es ist richtig, dass wir kommunikativ ein Problem hatten und dass der öffentliche Umgang einiger Fans mit Helmut Streiff nicht in Ordnung war. Aber wir sind weit von tumultartigen Diskussionen entfernt, die es schon bei anderen Vereinen zu ähnlichen Themen gab. Der Schlüssel liegt im Dialog. Im Dialog zwischen Präsidium, Vorstand und Aufsichtsrat, aber auch im Dialog mit der Fanabteilung und den anderen Gruppierungen und Institutionen, die sich Eintracht Braunschweig zugehörig fühlen. Frank Fiedler und ich müssen nicht immer einer Meinung sein, aber wir müssen nach außen eine gemeinsame Linie vertreten, und ich bin sicher, dass wir das gut hinbekommen werden.

Fiedler: Die Unruhe ist auch dadurch entstanden, dass einige Mitglieder des Aufsichtsrates das Gefühl hatten, ihr Engagement für die Eintracht wird nicht gewürdigt. Natürlich kann man sich in so einem Gremium auch zurücklehnen und die Geschäftsführung einfach machen lassen. Aber das hat niemand gemacht. Wir haben in einer schwierigen finanziellen Lage, die sich durch Corona verschärft hat, zusammen mit der Geschäftsführung nach Lösungen gesucht. Und wenn man das Gefühl hat, dass das nicht gewürdigt wird, fragen sich einige schon: Warum mache ich das? Die gemeinsame Antwort des Aufsichtsrates ist: Weil es um die Eintracht geht!

Nehmen Sie bei dem einen oder anderen eine gewisse Amtsmüdigkeit wahr? Sind Veränderungen im Aufsichtsrat geplant? Julien Mounier geht nach Düsseldorf, seine Stelle muss sowieso neu besetzt werden.

Bratmann: Das können wir aber erst nach der Jahreshauptversammlung tun, weil der Nachfolger von Julien Mounier bei BS Energy erst Ende November feststeht. Das würde im nächsten Jahr über die Möglichkeit der Nachbestellung durch den Geschäftsführer passieren. Ich denke, es ist auch in Ordnung, dass es wieder ein Vertreter von Veolia wird, die über BS Energy ein wichtiger Sponsor sind. Stand jetzt wird es bei der Jahreshauptversammlung keine Wahlen zum Aufsichtsrat geben. Es gibt noch den Satzungsantrag auf einen Fanvertreter im Aufsichtsrat, aber der muss ja erstmal beschlossen werden und ist deshalb ein Thema für die Zukunft.

Fiedler: Es ist bei allen aktuellen Aufsichtsratsmitgliedern die Bereitschaft da, sich weiter zu engagieren. Durch die Etablierung von Gremien können inzwischen auch alle in ihren Schwerpunkten noch besser ihren Beitrag leisten, und wir sind breiter aufgestellt. Wichtig ist aber immer nur die Unterstützung der Geschäftsführung. Da sind der sportliche und der finanzielle Bereich, aber auch das Thema Fans und Vereinsangelegenheiten, was in dieser Form neu ist. Darüber hinaus haben wir einzelne Spezialisten, und jeder hat damit seine Rolle. Entscheidend ist aber die Vertrauensbasis. Auf der einen Seite müssen die Fans darauf vertrauen, dass für den Erfolg in solchen Gremien auch ihre Belange berücksichtigt werden. Auf der anderen Seite müssen die Sponsoren und Finanzierungspartner das Gefühl haben, dass professionell mit ihrem Geld umgegangen wird. Diese Interessen müssen wir ausbalancieren. Wir wollen ein Traditionsverein bleiben, aber eben auch professionell arbeiten.

Bratmann: Wir müssen da sicherlich auch einer gewissen Legendenbildung entgegenwirken. Es steht nicht zur Diskussion, dass die Eintracht verkauft oder von einem Unternehmen übernommen wird und Fusionen sind auch nicht geplant. Ich denke, die meisten Fans finden es ganz gut, dass Volkswagen bei uns Hauptsponsor ist und wissen auch zu schätzen, wenn der Klub professionell geführt wird. Aber natürlich darf dabei die Identität unseres Vereins nicht auf der Strecke bleiben.

Sehen Sie mehr Vor- als Nachteile, wenn es eine Trennung zwischen dem Amt des Präsidenten und dem des Aufsichtsratschefs gibt?

Fiedler: Wir müssen uns natürlich mehr abstimmen, als wenn eine Person beide Ämter inne hat. Das ist sicherlich manchmal ein Nachteil. Aber ich halte es für falsch, wenn einer sich finanziell engagiert, Aufsichtsratsvorsitzender und Präsident ist und sich am Ende nur noch selbst kontrolliert. Deshalb war für mich immer klar, dass ich nicht beide Ämter übernehmen würde. Das entspricht nicht meinem Prinzip der Gewaltenteilung und war bei Sebastian Ebel auch etwas anders gelagert. Die Trennung von Aufsichtsratsvorsitz und Präsidentenamt halte ich daher für ideal. Und manchmal muss man sich um der Sache Willen auch streiten.

Bratmann: Ordnungspolitisch ist das die bessere Lösung, ganz klar, auch wenn Sebastian Ebel das über viele Jahre erfolgreich hinbekommen hat. Natürlich hängt der Erfolg einer Ämtertrennung auch immer davon ab, ob die beiden Personen gut miteinander arbeiten können. Das können Frank Fiedler und ich, und wir werden das auch in Zukunft gut hinbekommen. Es ist unheimlich wichtig, dass die Aufgaben gut verteilt und die Rollen klar sind. Im modernen Profifußball ist das essenziell, auch wenn sich manche vielleicht Zeiten zurückwünschen, wo alles angeblich noch so einfach und familiär war. Aber viele Vereine, die nur auf eine Person konzentriert oder von einem Mäzen abhängig waren, sind in Probleme geraten.

Ein wichtiges Thema bei der Jahreshauptversammlung wird das Thema Finanzen sein. Die vergangenen zwei Jahre waren für die Eintracht sehr schwierig, und die Corona-Pandemie macht es nicht einfacher, wie stehen Kapitalgesellschaft und Verein da?

Fiedler: Durch die 3. Liga sind in den vergangenen zwei Jahren schon einige Reserven verbraucht. Wir sind für die 2. Liga auch wieder etwas ins Risiko gegangen, um eine Chance auf den Klassenerhalt zu haben. Dank der großen Solidarität unserer Fans und Partner konnten wir die vergangene Saison positiver abschließen als zunächst geplant und so die Ausgangsposition für 2020/2021 verbessern. Dafür sind wir extrem dankbar. Trotzdem hatten wir wegen Corona auch in der 2. Liga einen schwierigen Start, und mit Blick auf die nächsten Monate wird es nochmal herausfordernder. Wir brauchen also erneut Hilfe und müssen wieder eng zusammen stehen. Deshalb ist es gut, wenn auch in unserer Struktur Klarheit herrscht und wir die Probleme gemeinschaftlich anpacken können.

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Muss man sich um die Eintracht Sorgen machen? Es gibt viele Vereine, die durch Corona um ihre Existenz kämpfen…

Fiedler: Auch wir müssen kämpfen, allerdings darum, dass wir den engen Finanzplan, den wir uns vor der Saison gesteckt haben, auch erfüllen können. So gab es weniger TV-Geld als zunächst gedacht, zudem fehlen Zuschauer- und Catering-Einnahmen. Da sind die Planungen nicht mehr zu erreichen, zumal die Entwicklungen extrem dynamisch sind. Diese Verluste müssen wir zwingend auffangen. Dafür haben wir verschiedene Ideen. Es geht aber aktuell nicht um die Existenz der Eintracht, dafür arbeiten wir alle tagtäglich hart.

Bratmann: Beim Gesamtverein ist die Lage durchaus gut. Natürlich kostet Amateursport Geld – für Hallenzeiten, Übungsleiterpauschalen und so weiter. Und wenn nichts stattfindet, fallen auch Kosten weg. Deshalb haben wir in Zeiten des Lockdowns zwangsweise Geld gespart. Unsere Bilanz ist auch deshalb ganz ordentlich, weil wir Mitgliederzuwächse und eine hohe Spendenbereitschaft hatten. So sind wir ganz gut durch die Zeit gekommen, als es weniger Zuwendungen durch die Kapitalgesellschaft gab. Trotzdem stehen wir vor finanziellen Herausforderungen, weil wir zum Beispiel im Basketball, Hockey oder Damenfußball weitere Schritte gehen wollen, die ohne Unterstützung nicht machbar sind.

Kommen wir zur sportlichen Lage. Wie zufrieden sind Sie mit dem Saisonstart?

Fiedler: Mit dem Spiel im Pokal gegen Hertha BSC hatten wir einen tollen Start. Aber wir haben in den ersten Spielen auch gesehen, was 2. Liga bedeutet. Wir müssen darum kämpfen, dass wir den Klassenerhalt schaffen – aus verschiedenen Gründen. Das wird schwer genug.

Bratmann: Die Voraussetzungen sind auch anders als beim letzten Zweitliga-Aufstieg. Wir sind etwas glücklich aufgestiegen und haben einen großen Umbruch zu leisten. Ich hoffe, dass wir damit das Fundament geschaffen haben, auf dem wir in den nächsten Jahren aufbauen können. Wir sollten in diesem Jahr nicht gleich zu hohe Ansprüche haben.

Wie bewerten Sie die Arbeit des neuen Cheftrainers Daniel Meyer?

Fiedler: Ich glaube, dass er ein echter Glücksfall für uns ist. Er überzeugt mich vor allem mit seiner inneren Ruhe und der klaren Verfolgung seines Plans. Er hat von Anfang an gesagt, dass es für uns nicht einfach wird und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Wir müssen alle Geduld haben.

Bratmann: Daniel Meyer ist absolut der richtige Trainer dafür, um ein Grundgerüst aufzubauen, das uns in den nächsten Jahren trägt. Seine Außenwirkung kommt positiv hinzu, er ist sehr eloquent und kompetent. Er hat immer die richtige Ansprache, ob nun vor Fans oder Sponsoren. Nach den vergangenen zwei Jahren, die eine wilde Fahrt waren, ist es wichtig, dass wir wieder Kontinuität reinbringen.

Und wie fällt Ihr Urteil aus zu Sport-Geschäftsführer Peter Vollmann, dessen Vertrag nach dieser Saison endet?

Fiedler: Er ruht in sich, hat eine hohe Lebenserfahrung und die Kaderplanung im Sommer sehr gut vorbereitet. Zudem bildet er ein gutes Team mit Daniel Meyer und auch mit seinem Geschäftsführer-Kollegen Wolfram Benz. Es stimmt, sein Vertrag läuft Ende der Saison aus. Weihnachten ist immer eine gute Zeit für Gespräche.

Bratmann: Peter Vollmann ist im Profifußball hervorragend vernetzt und eine wichtige Konstante für den sportlichen Erfolg.

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