Wieder die schwierigste Vorbereitung der Grizzlys-Historie

Wolfsburg.  Nach Trainerwechseln und Umbrüchen in den Vorjahren gestaltet 2020 Corona den Sommer zur Herausforderung für Wolfsburgs Eishockey-Erstligist.

Grizzlys-Manager Charly Fliegauf hat es in den vergangenen Jahren nicht leicht gehabt. Alle Saisonvorbereitungen wiesen große Tücken auf.

Grizzlys-Manager Charly Fliegauf hat es in den vergangenen Jahren nicht leicht gehabt. Alle Saisonvorbereitungen wiesen große Tücken auf.

Foto: Darius Simka / regios 24

Das Adjektiv schwierig wurde in den vergangenen Jahren regelmäßig bemüht, wenn es um die Vorbereitung der neuen Saison bei den Grizzlys ging. Im Sommer 2018 war es zum Weggang von Erfolgstrainer Pavel Gross und zum Umbruch gekommen – schwierig. 2019 gab es eine komplett verkorkste Saison mit zwei Trainerwechseln und dem Verpassen der Play-offs – noch schwieriger. Aber am schwierigsten stellt sich die Corona-Lage 2020 für Charly Fliegauf dar. Der Manager des Wolfsburger Eishockey-Erstligisten hat aufgrund des fiesen Virus’ so viele offene Baustellen wie nie zuvor.

Doch der 59-Jährige jammert nicht, wenngleich er derzeit immer mal wieder erschöpft wirkt. Wie am Montagabend, als er nach einer intensiven Videokonferenz mit der kompletten Mannschaft zur Lage in der Deutschen Eishockey-Liga kaum noch Stimme hatte. „Wir haben unseren Spielern einen Abriss gegeben, wie sich die Situation momentan darstellt. Welche wirtschaftlichen Zwänge durch Mindereinnahmen oder komplette Einnahmeausfälle drohen. Mein Geschäftsführerkollege Hartmut Rickel und ich haben für solche Dinge sensibilisiert und Fragen beantwortet“, erzählt Fliegauf.

Sein unfreiwilliger Lieblingssatz aktuell lautet: „Man bringt nichts weg vom Schreibtisch.“ Da schlummert so einiges in der Ablage „unerledigt“. Zum Beispiel eine nicht ganz kurze Liste mit Spielernamen. Vier bis fünf Import-Profis fehlen ebenso noch wie der eine oder andere junge Deutsche und ein dritter Torwart. „Wir halten uns derzeit aber an den für alle DEL-Klubs geltenden, selbstauferlegten Transferstopp.“

Trotzdem läuft das Video-Scouting. Die Nachricht, dass die American Hockey League (AHL), die zweithöchste nordamerikanische Eishockey-Liga, anders als die Top-Liga NHL die Saison abgebrochen hat, bewertet der Grizzlys-Manager positiv. „Das könnte dazu führen, dass der Nordamerika-Markt wieder mehr Spieler-Potenzial für Europa bietet, wenn die nordamerikanischen Ligen wegen der geplanten NHL-Fortsetzung mit der neuen Saison später anfangen als sonst.“

Erst einmal bleibt das Scheckbuch jedoch stecken. Dafür hatten Fliegauf und Co. alle Hände voll zu tun, trotz der starken Einschränkungen aufgrund von Corona einen Start der Fitnesstests und des Sommer-Trockentrainings der deutschen Spieler hinzubekommen. „Das ist uns gut gelungen“, sagt er und lobt die medizinische Abteilung und vor allem auch Fitnesstrainer Peter Kruse.

Seit knapp einer Woche läuft der Betrieb in und vor der Eis-Arena, in deren Kraftraum, Umlauf, auf deren abgetauter Spielfläche, in Kleingruppen und zeitversetzt, um die Hygiene- und Abstandsregeln einhalten zu können. Schließlich funktioniert es derzeit nur mit einer Ausnahmegenehmigung durch das Gesundheitsamt der Stadt. Auch auf der Laufbahn des VfL-Stadions am Elsterweg waren die Grizzlys bereits.

Ein großes Lob verteilt Fliegauf an die Spieler. Obwohl diese nicht wie in den Vorjahren ihr individuelles Training in Fitnessstudios absolvieren durften, habe sich das nicht negativ in den Testwerten bemerkbar gemacht. „Wir sind sogar sehr zufrieden mit den Ergebnissen“, berichtet er und vermutet: „Wahrscheinlich hatten die Jungs durch die eingeschränkten Freizeit-Möglichkeiten mehr Zeit fürs Training.“ Auch die übermittelten Daten der ausländischen Spieler gäben Anlass zur Zufriedenheit.

Nur ein Akteur hinkt unverschuldet meilenweit hinterher: Steven Raabe. Wegen einer Hüftverletzung hätte der junge Verteidiger schon im März unters Messer gesollt. Doch erst Corona und nun seine schriftlichen Abiturprüfungen verhinderten laut Fliegauf die „unabwendbare OP“. Raabe habe „zeitnah“ einen neuen Operationstermin. „Sollte die Saison später als geplant losgehen, gewinnt er Zeit.“

Noch aber hofft die DEL, ihren Start Mitte September halten zu können. „Wir tun alles, um unseren Teil dazu beizutragen“, unterstreicht Fliegauf. Das Auftreten von Corona-Fällen in den Teams würde es erschweren, das Ziel zu erreichen. Deshalb stünden Hygiene und Abstand ganz oben auf der Prioritätenliste. „Auf Teambuildingmaßnahmen müssen wir erst einmal verzichten. Trotz der fehlenden Nähe hilft es den Spielern sicherlich, sich beim Training wenigstens wieder zu sehen.“

Nach und nach, hofft der Manager, die Ablage „erledigt“ füllen zu können. Doch kurzfristig rechnet er damit, dass sich der Stapel an Arbeit auf seinem Schreibtisch eher noch erhöht als abnimmt. Denn: „Wir können nicht agieren, oft noch nicht einmal reagieren.“ Die erneut schwierigste Saisonvorbereitung der Grizzlys-Historie wird Fliegauf und seine Kollegen vermutlich noch viel Kraft kosten im Sommer 2020...

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