So „grün“ sind die Basketball-Löwen gar nicht

Braunschweig.  Mit der Erfahrung aus 465 BBL-Spielen starten die Braunschweiger in Göttingen in die Saison, vorneweg Scott Eatherton, der bisher jedes Derby gewonnen hat.

Der Derbysieger: Scott Eatherton, hier gegen Göttingens Darius Carter, ging in allen seinen sechs Duellen als Gewinner vom Feld.

Der Derbysieger: Scott Eatherton, hier gegen Göttingens Darius Carter, ging in allen seinen sechs Duellen als Gewinner vom Feld.

Foto: Susanne Huebner / imago/Hübner

Ein emotionaler Höhepunkt gleich zum Auftakt – der Start in die neue Basketballsaison mit dem Nachbarschaftsduell in Göttingen setzt die Löwen sofort unter Zugzwang. „Es ist ein Spiel, das wir gewinnen sollten, der Start ist extrem wichtig“, fordert Sportchef Sebastian Schmidt im Blick auf das Folgeprogramm gegen die stärker einzuschätzenden Gegner Ludwigsburg im Pokal sowie Ulm und München.

Die Spieler und Trainer können es nach sieben Wochen Vorbereitung kaum erwarten, dass es endlich losgeht. Und auch viele Löwen-Fans werden sich neugierig auf den kurzen Trip nach Süden machen.

„Das Spiel wird gleich ein Gradmesser und Richtungsweiser für uns“, sagt Thomas Klepeisz und lacht: „Die Jungs werden sehen, wie es beim Niedersachsenderby zugeht, die Stimmung wird extra hitzig sein.“ Der Österreicher bildet in seiner vierten Löwen-Saison mit Garai Zeeb und Henry Pwono ein Kapitäns-Trio. „Aber wenn es darauf ankommt, ist Tommy der Präsident“, verdeutlicht Trainer Pete Strobl. Er habe die Duelle mit den „Veilchen“ als stets intensiv und körperlich, aber auch als fair und hochinteressant in Erinnerung, sagt Klepeisz. „Und sie sind zuletzt immer gut für uns ausgegangen.“

Das liegt auch daran, dass die Löwen den personifizierten Derbysieg in ihren Reihen haben: Scott Eatherton. Der vor zwei Jahren aus Göttingen nach Braunschweig gewechselte Center hat bislang in allen sechs Duellen sein Team auf die Siegerseite geführt – zweimal die Veilchen, dann viermal die Löwen.

Auch in den bisherigen Testspielen bewies der in der Vorsaison effektivste Import-Profi der BBL seine Extraklasse. In einem überraschend reboundschwachen Team war er die Lebensversicherung unter dem Korb und dürfte seinen Trainer das ein oder andere Mal vor der Verzweiflung gerettet haben.

Die neuen Spieler blicken zu dem 27 Jahre alten Amerikaner auf. „Scott ist einer der Topcenter der Liga, ich habe ihn immer schon von Serbien aus verfolgt“, schwärmt Youngster Kostja Mushidi. „Ein toller Typ, auf dem Feld, aber auch in der Kabine.“

Ein anderer Führungsspieler muss erst noch auf Touren kommen, Trevor Releford. Der erst am Samstag in Braunschweig eingetroffene Regisseur kann noch nicht in Wettkampfform und schon gar nicht eingespielt mit den Kollegen sein. „Aber ich glaube, er ist erfahren genug, um uns auch am Mittwoch schon helfen zu können“, sagt Klepeisz.

Der Center und der Spielmacher, das sind die festen Positionen im System von Pete Strobl, denen feste Aufgaben zugewiesen sind. Der Rest des Teams soll variabel auf dem Feld rotieren und dabei in der jeweiligen Situation die eigenen Stärken beziehungsweise die Schwächen des Gegners erkennen und nutzen. Deshalb hatten Strobl und Schmidt bei der Teamzusammenstellung Wert darauf gelegt, dass die Löwen-Profis möglichst mehrere Positionen einnehmen können.

Vor allem bei den jungen Deutschen, die das Gesicht der Mannschaft über mehrere Jahre bilden sollen, kommt diese Idee zum Tragen. Der Ex-Chemnitzer Lukas Wank und der Ex-Frankfurter Garai Zeeb können wie Klepeisz auf der Position eins als Spielgestalter und auf der Zwei als Scorer fungieren. Kostja Mushidi und Karim Jallow sind athletisch genug für die Positionen zwei bis vier, und Lars Lagerpusch, zuletzt als Center aktiv, arbeitet daran, sein Spiel auf die Vier auszuweiten, um ein starker BBL-Profi zu werden.

Und ganz so „grün“ wie ursprünglich gedacht, als noch die Rookies Gage Davis und Sacha Killeya-Jones im Team waren, sind die Löwen auch nicht mehr. Mit Releford und dem ebenfalls nachverpflichteten Aleks Marelja kommt das Team auf eine Erfahrung aus 465 Bundesligaspielen. Neben Klepeisz (100) und Eatherton (95) haben da auch Lagerpusch (70), Jallow (64) und Zeeb (64) schon einiges vorzuweisen.

Doch sind die neu formierten Braunschweiger schon weit genug für einen Auswärtssieg? In der Vorbereitung war offensiv wie defensiv noch vieles Stückwerk.

Der Gegner

In den Testspielen haben sich die Göttinger mit wechselndem Erfolg zumeist mit belgischen Teams gemessen. Im einzigen BBL-Vergleich gegen Rasta Vechta musste sich die BG mit 76:84 beugen.

Auf den deutschen Positionen kann Trainer Johan Roijakkers auf einen bewährten Kern bauen. Mathis Mönninghoff, Dominic Lockhart und Dennis Kramer sind erfahrene BBL-Profis und Leistungsträger. Neu dabei und auf Anhieb eine Verstärkung ist Spielmacher Bennet Hundt aus dem Nachwuchs von Alba Berlin, ein A-2-Nationalmannschaftskollege der Löwen Karim Jallow und Lukas Wank.

Bei den Import-Profis starten die Veilchen anders als im Vorjahr mit dem vollen Kontingent von sechs Ausländern. Geblieben sind Powerforward Darius Carter und Flügel Mihajlo Andric. Von den Neuen haben bislang der Belgier Elias Lasisi und US-Powerforward Terry Allen am meisten gepunktet.

Sorgenkind der BG ist bislang der Mann, der eigentlich den schmerzhaften Weggang des herausragenden Regisseurs Michael Stockton kompensieren soll. Doch der Ex-Bayreuther Kyan Anderson spielte schwach und wurde zur Generalprobe von Roijakkers wegen „Lustlosigkeit“ zu Hause gelassen.

KOMMENTAR

Noch viele Fragezeichen

Von Ute Berndt

Was darf man von den neuen Löwen erwarten? Die Fans wollen ja vergleichen. Ist das Team wirklich tiefer und besser besetzt als im Vorjahr? Diese Einschätzung von Braunschweigs Sportdirektor Sebastian Schmidt, mit der er seine Play-off-Hoffnungen verbindet, steht auf dem Prüfstand.

Für die Tiefe in einem Team sind die deutschen Spieler zuständig. Denn sechs solide Import-Profis bringt mittlerweile jeder Erstligist aufs Parkett. Und wer falsch rekrutiert, tauscht aus – wie es die Löwen bereits zweimal getan haben. Wer dazu deutsche Profis ohne großen Qualitätsverlust in die Rotation einbauen kann, steht gut da. Und hier wähnen sich die Löwen mit ihren vier hochtalentierten Neuverpflichtungen im Vorteil. Allerdings muss erstmal einer so eine Top-Saison abliefern wie Chris Sengfelder. Oder dem Team einen Zusatznutzen verschaffen wie Wirbelwind Bazou Koné, wenn er fit war. Auch ganz bescheiden solide Kurzeinsätze abzuliefern und zur guten Teamchemie beizutragen, wie es Dennis Nawrocki getan hat, ist eine Qualität. Klar ist es realistisch, dass in dieser Saison mehr deutsche Spieler mehr Minuten spielen können – deren Güte muss sich aber noch zeigen. Und ein Trainer kann auch nicht alle Talente auf einmal fördern.

Bei den Ausländern wird die Führungskraft DeAndre Lansdownes mit Sicherheit fehlen. In ihm und Scott Eatherton hatten die Löwen gleich zwei Ligastars in ihren Reihen, und in diese Kategorie wird es so schnell keiner der neuen Akteure schaffen.

Das neuformierte Team braucht noch Zeit, und wenn in den ersten Spielen – wie vergangene Saison – kein Sieg gelingen sollte, wäre das kein Beinbruch. Vorausgesetzt, Pete Strobls Spielidee funktioniert über kurz oder lang. Bislang haben die Löwen bei Verteidigung und Rebounding – besondere Stärken des Vorjahresteams – enttäuscht. Und offensiv ist das, was der Trainer plant, nämlich den Spielern freie Hand für eigene Entscheidungen zu lassen, die ganz hohe Schule.

Vorerst spricht noch nicht viel für eine stärkere Leistungsfähigkeit des neuen Teams und einen Play-off-Platz. Sympathisch ist das Projekt mit vielen potenziellen deutschen Leistungsträgern aber auch so.

BG Göttingen – Braunschweig,

heute, 20.30 Uhr, Arena

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