Carpendale: „Ich bin heute ein anderer“

Salzgitter.  Howard Carpendale eröffnet am 10. August die Open-Air-Konzerte im Schlosshof Salder. Nina Hagen und Gentleman kommen auch.

Howard Carpendale.

Howard Carpendale.

Foto: Jens Kalaene / dpa

Howard Carpendale hat mit Hits wie „Hello Again“, „Das schöne Mädchen von Seite 1“ und „Alice“ deutsche Schlagergeschichte geschrieben. Seit mehr als 50 Jahren steht er auf der Bühne, und er nimmt immer noch neue Alben auf. Am Freitag, 10. August, eröffnet er den Kultursommer Salzgitter-Salder. Im Vorprogramm tritt die junge Schlagersängerin Maria Voskania auf. Mit Carpendale (72) sprach Florian Arnold.

Herr Carpendale, es heißt, an Ihrem Karrierestart in Deutschland vor 50 Jahren hatte eine ostfriesische Wirtin großen Anteil. Stimmt das?

Ich bin mit einer englischen Band 1966 nach Deutschland gekommen. Unser zweites Engagement war in Norddeich. Da gab es einen bekannten Club -- ich glaube, den gibt es heute noch --, der wurde von einer Frau namens Meta geführt. Das war eine tolle, verrückte Frau, und der Club war entsprechend. Wir haben da einen Monat lang gespielt, und Meta hat mir dann auch eine Arbeitserlaubnis besorgt -- ohne die hätte ich nicht in Deutschland bleiben können.

Damals haben Sie Rock’n’Roll gesungen. Als Sie dann einen Plattenvertrag bekamen, hatten Sie schnell ein anderes Image als Schlagersänger – warum?

Weil es damals in Deutschland praktisch nur Schlager gab, wenn man auf Deutsch sang – und darauf bestand die Plattenfirma.

Auf Ihrem aktuellen Album „Wenn nicht wir“ blicken Sie im Song „Immer noch da“ auf ihre Karriere zurück. Dabei erwähnen Sie ein Attentat, das in Berlin stattfand, während Sie „nebenan“ auftraten. Was ist damit gemeint?

In den 70er Jahren gab es den RAF-Terror, der die ganze Nation aufgewühlt hat. Als Hanns Martin Schleyer in Köln entführt wurde, saß ich ein paar hundert Meter entfernt im Studio. 1986 gab es den Anschlag auf die Diskothek La Belle -- an dem Abend war ich auch in Berlin mit Freunden unterwegs. Und am 11. September 2001 saß ich in einem Flugzeug im Luftraum über New York, als die Anschläge auf das World Trade Center begangen wurden. Ich habe viel Glück gehabt.

„Wenn nicht wir’’ hat melancholische Seiten, doch die positive Grundstimmung überwiegt. Was gibt Ihnen den Optimismus in einer Zeit, die allgemein als angespannt und krisenhaft erlebt wird?

Es ist eine schwierige Welt im Moment. Aber ich finde, die Aufgabe von Kunst und Musik ist es auch, ein bisschen Hoffnung zu verbreiten und dazu beizutragen, dass wir wieder ein „Wir“-Gefühl entwickeln.

Mit 72 Jahren kann ich aber auch nicht nur Texte machen, in denen es um Liebe geht. Ich lege schon Wert darauf, Musik zu machen, die in die Zeit passt

Im Song „Babylon’’ äußern Sie sich kritisch zu Zeitphänomenen wie Trash-TV, Schönheitswahn, aber auch Klimawandel und Trumpismus. Welche Entwicklungen machen Ihnen wirklich Angst?

Politische Führer, die aus dem Bauch heraus handeln, können sehr gefährlich sein. Mit Trump haben wir eine miserable Entwicklung in Amerika. Ich kenne die Amerikaner gut, ich habe lange dort gelebt, und ich bin gar nicht sicher, ob Trump in zwei Jahren abgewählt wird. Danach wird es auch nicht leicht, die Uhr wieder zurückzudrehen. Was mich aber am meisten enttäuscht, ist der Verlust unserer Werte. Autofirmen, Banken, Manager, Prominente handeln eigennützig und unfair. Ronaldo ist ein toller Fußballer, aber wenn er 18 Millionen an Steuern hinterzieht, gehört er in den Knast. Kleine Leute werden viel härter bestraft.

Die 60er, 70er und 90er Jahre waren Zeiten des Aufbruchs, der Liberalisierung. Popmusik war der Soundtrack dazu. Sie haben die Deutschen auch Lässigkeit gelehrt. Erleben wir jetzt einen Rollback?

Danke für das nette Kompliment, aber ich bin nicht sicher, ob ich in dem Sinne überhaupt zur Kultur beigetragen habe. Ich habe meine Schlager gemacht, die waren sehr beliebt, und ich glaube, ich habe damit vielen Leuten Spaß bereitet. Das macht mich zufrieden, aber ich bin heute auch ein anderer Mensch und sage meine Meinung. Was das Rollback angeht: Wir erleben in vielen Ländern eine Bewegung gegen das Establishment. Ich habe das kommen sehen. Die Politik hat sich immer mehr von uns entfernt. Es muss jemand kommen, der anders als Frau Merkel ist. Wir brauchen jüngere Menschen in der Politik. Ich bin selber 72, und ich finde, wir alten Säcke gehören nicht in Berufe, in denen wir über die Zukunft entscheiden.

„Wenn nicht wir’’ ist ihr 35. Studioalbum. Was motiviert Sie auch nach über 50 Karriere-Jahren zu immer wieder neuen Songs?

Meine größte Motivation sind meine Söhne. Musikalisch geht es mir um gutes Entertainment. Damit meine ich nicht zweieinhalb Stunden voller Hits. Sondern ein Konzert, über das die Leute hinterher sagen, „das war eine guter Abend’’. Dafür brauche ich auch neue Titel. Ich möchte nicht ein Dinosaurier sein, der nur von alten Hits lebt.

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