Ausflüge in musikalische Parallelwelten

Mit „Notes“ startet das Staatstheater Braunschweig am Donnerstag ein Festival für zeitgenössische Musik.

Isabel Ostermann, Operndirektorin Staatstheater Braunschweig

Foto: Andreas Berger

Isabel Ostermann, Operndirektorin Staatstheater Braunschweig

Bevor alle in die Ferien sausen, macht das Staatstheater Braunschweig noch mal tüchtig Wind. Zeitgenössische Musik soll nochmal die Gehörgänge durchpusten. Von den feinen, an der Wahrnehmungsgrenze spielenden Klänge Salvatore Sciarrinos über Lucia Ronchettis arios weinende Gesänge am Schluss von „Rivale“ zu Karlheinz Stockhausens Geräuschmusik aus Klavier, Elektronik und vielen Sprachstimmen. Zum Ausblick aufs Festival und Rückblick auf ihre erste Saison am Staatstheater Braunschweig sprach Andreas Berger mit Operndirektorin Isabel Ostermann.

Sie kommen ja aus Braunschweig, machten hier Abitur und erste Theatererfahrungen. War es für Sie nun doch vertraut oder neu in Braunschweig?

Beides. Ich habe vieles mit neuen Augen gesehen. Kurz nach dem Abitur bin ich weggegangen, da war einem natürlich anderes wichtig als jetzt. Damals gingen wir ins Jolly Joker oder Atlantis. Heute sind mir die Parks, die Natur viel wichtiger, die muss man dringend bewahren. Da ich inzwischen in Sachen Oper viel herumgereist bin und viele Städte kenne, fällt mir die Schönheit der Architektur in Braunschweig auf. Noch bin ich oft nach Berlin gependelt, weil mein jüngstes Kind Abitur machte, dann sind beide raus aus dem Haus, dann werde ich noch mehr in Braunschweig sein können. Für Kino oder das Herzog-Anton-Ulrich-Museum habe ich mir mal Zeit abgeknapst, das muss mehr werden.

Treffen Sie Freunde und Bekannte von früher?

Das ist erstaunlich, viele Mitschüler sind hier geblieben, haben elterliche Betriebe oder Praxen übernommen. Daher kenne ich hier nun mehr Menschen privat, ohne dass ich sie über den Beruf kennengelernt habe, als in Berlin. Und manchmal steht dann etwa ein ehemaliger Lehrer oder der Chorleiter Manfred Ehrhorn vor mir im Foyer, das sind schöne Begegnungen. Auch wenn mir der Physiklehrer gleich gesagt hat „na, im Physikunterricht waren Sie aber nicht so eloquent“.

Wie empfanden Sie die erste Saison?

So eine erste Spielzeit ist immer unberechenbar. Wir wollten groß und vielseitig starten. Daher am Anfang Verdis „Don Carlo“, aber auch Sciarrino, Weill und Cage. Natürlich gab es Stimmen, dass da zu viel Moderne drin sei. Aber wenn man die Wiederaufnahmen mitrechnet, Massenets „Werther“ und Puccinis „Tosca“, dann vor Weihnachten Humperdincks „Hänsel und Gretel“, dann hatten wir eigentlich einen sehr romantischen Start. Richard Strauss’ „Elektra“ war hier 40 Jahre lang nicht mehr zu sehen, für viele, die nicht durch alle Opernhäuser reisen, war es das erste Mal. Da bekommen wir dann auch sehr begeisterte Rückmeldung, zumal weil wir doch eher dem Publikum zugewandte Inszenierungen hatten.

Die künstlerische Qualität der Produktionen war in der Regel bemerkenswert, aber die Zuschauerauslastung könnte größer sein. Woran liegt’s?

Ich finde, dass das Publikum der Region sehr aufgeschlossen ist. Wie die „Elektra“ bei der Premiere gefeiert wurde, das war für uns selbst überwältigend. Die Braunschweiger können richtig aus dem Häuschen sein, da ist Leidenschaft da. Wenn dann die nächste Vorstellung nur halb voll ist, ist man natürlich schon traurig. Die Menschen, die zu uns kommen, sind meist begeistert, bleiben auch gern zu den Nachgesprächen und kommen immer wieder. Aber es müssen noch mehr von uns erfahren. Wir haben jetzt Einladungen für „Elektra“ nach Tel Aviv, die Titelsängerin wurde prompt nach London als Brünnhilde verpflichtet, die überregionale Beachtung ist gut und positiv. Wir müssen noch stärker deutlich machen, dass hier gerade Oper auf höchstem Niveau geboten wird.

Wie kann man die Produktionen noch mehr auslasten?

Wir würden gern einige Abonnementreihen zusammenlegen, dann sind es vielleicht etwas weniger Vorstellungen, aber die sind voll, und das gibt auch Sängern und Musikern ein gutes Gefühl. Wir machen ja nebenher mehr kleine Formate, die Jugendoper, die Kammeropern von Debussy/Janácek und Lucia Ronchettis Uraufführung, das lief sehr gut. Und Kooperationen mit anderen, auch internationalen Häusern sind möglich, da gibt es Anfragen für Gastspiele mit Ensemble oder nur Austausch der Dekorationen und Inszenierungen. Mit Schostakowitschs „Moskau, Tscherjomuschki“ hätten wir in Ungarn gastieren können, mit Sängern und Orchester. Das ging leider terminlich ist. Wir brauchen jemanden im Haus, der da künftig anbietet, koordiniert, organisiert.

Am Saisonende noch ein Festival für zeitgenössische Musik, das ist ja auch mutig. Da sind viele Menschen ja schon mit einem Bein im Urlaub.

In Berlin, wo ich ein entsprechendes Festival im Sommer an der Staatsoper und in der Werkstatt initiiert hatte, lief das sehr gut. Da war einfach Ausnahmezustand, das haben die Leute gespürt und waren neugierig. Nochmal kompakt hintereinander unsere zeitgenössischen Stücke hören zu können, dazu Vorträge und Diskussionen, das ist ja auch ein Angebot, so eine Art Ferienlager. Klar, Oper ist bereits für viele eine Parallelwelt, und zeitgenössisches Musiktheater ist nochmal die Parallelwelt der Parallelwelt. Das ist vielleicht gerade der Anknüpfungspunkt für Menschen, die sonst nicht in die große Oper und unseren Staatstheatertempel gehen. Die Konzepte von Cage oder Stockhausen sind ja Anti-Oper, die wollten die Formen brechen und die Präsentationsweisen öffnen. In Stockhausens „Originalen“ wirken ja Laien mit, Originale aus der Stadt, vom DJ bis zum Zeitungsausträger, vom Dichter Georg Oswald Cott bis zum Eintracht-Maskottchen. Das ist größtmögliche Offenheit, Musik aus Sprechen, Geräuschen, Klang. Das war bei Stockhausen ein Demokratisierungsversuch. Wir stellen ihn zur Diskussion. Und wir wollen wirklich diskutieren. Wir sind ja keine Jünger. Ich denke an den Cage-“Europeras“ merkt man, dass unsere jungen Sänger das auch etwas augenzwinkernd machen. Wir sind ja auch keine Neue-Musik-Spezialisten, aber wir wollen da beweglich bleiben. Unsere „Notes“ sind auch eine Herausforderung für uns, nämlich wie man außerhalb der Spezialistenfestivals einfach an einem Staatstheater Neue Musik präsentieren kann.

Nun war mit Sciarrino, Cage und Stockhausen der Anti-Opern-Anteil für eine Spielzeit vielleicht etwas hoch. Auch wenn Sciarrinos „Porta della Legge" dann ganz anders, als erzählende Oper inszeniert war. Es gibt ja auch eine Tradition neuen dramatischen Musiktheaters.

Die nehmen wir uns in der nächsten Spielzeit mit Opern von Britten, Weinberg und Reimann vor.

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