Der Nazi-Vergangenheit auf der Spur

Salzgitter  Leser unserer Zeitung entdecken bei einer besonderen Stadtrundfahrt die Anfänge Salzgitters.

Elke Zacharias berichtete den Lesern in der KZ-Gedenkstätte von den Lebensumständen der Inhaftierten.

Elke Zacharias berichtete den Lesern in der KZ-Gedenkstätte von den Lebensumständen der Inhaftierten.

Foto: Schweiger

Als Elke Zacharias die Mütze eines ehemaligen KZ-Häftlings in die Höhe hielt, herrschte Stille im kleinen Besprechungsraum in der KZ-Gedenkstätte Drütte. Zacharias, Leiterin des Arbeitskreises Stadtgeschichte in Salzgitter, der die Gedenkstätte betreut, berichtete von den unglaublichen Zuständen im Konzentrationslager. Ein Beispiel: „Wer seine Mütze verlor, erhielt 25 Gummiknüppel-Schläge als Strafe.“

Die erste Entdeckertour dieses Jahres führte am vergangenen Samstag knapp 80 Leser unserer Zeitung auf eine ganz besondere Stadtrundfahrt. Anlässlich des 75. Stadtjubiläums, das Salzgitter in diesem Jahr feiert, ging es auf eine Zeitreise zurück zu den Anfängen der Stadt. Auf dem Programm stand viel Informatives über die rasche Industrialisierung des Gebiets durch die Nazis, die Wohnraum-Planung des Dritten Reichs, die Siedlungen aus dem Boden stampfen ließ und natürlich auch über die vielen Zwangsarbeiter und Inhaftierten, die in Salzgitter gelebt haben – oder besser gesagt: leben mussten.

„1937 wurden die Reichswerke Hermann Göring gegründet“, erklärte Zacharias. „Eine der größten Industrieanlagen der damaligen Zeit.“ Und bereits 1939 kamen die ersten Zwangsarbeiter in die Stadt – 2500 Polen.

Lebten 1936 „nur“ 22 000 Menschen im künftigen Stadtgebiet, waren es 1940 schon 120 000. Zehntausende arbeiteten für die Nazis. „Die meisten nicht freiwillig“, erläuterte Zacharias.

Viele andere, privilegierte Beschäftigte der Reichswerke, konnten sich mit Glück eine der neu erbauten Wohnungen mieten. Zum Beispiel in der Ost-West-Siedlung in Salzgitter-Bad, ein Ort, der auch mit dem Bus angesteuert wurde.

Insgesamt dauerte die Entdeckertour vier Stunden, schließlich ging es im Kreis durchs große Salzgitter-Gebiet. Am beeindruckendsten, ohne Frage: die KZ-Gedenkstätte auf dem Gelände der heutigen Salzgitter AG. Im Oktober 1942 bezogen die ersten 50 Häftlinge ihre Unterkünfte, zeitweise waren 3000 Menschen dort untergebracht. In der Gedenkstätte KZ Drütte ist eine Dauerausstellung eingerichtet, in der ehemalige Häftlinge von ihrem Leben als Zwangsarbeiter berichten. In vielen Interviews, berichtete Zacharias der Gruppe, hätten Überlebende darüber gesprochen, wie schrecklich die permanente Enge, die Angst und die katastrophalen hygienischen Bedingungen im KZ waren.

Die Tour durch Salzgitter, sie zeigte den Teilnehmern eine Stadt, in der es noch viele Geheimnisse zu entdecken gibt. Wo es heute grün ist, wurde vor 75 Jahren für die Industrie geschuftet, vermeintlich alte Häuser stellen sich als Nazi-Architektur heraus. Oder um es mit den Worten von Teilnehmerin Regina Thomas zu sagen: „Ich lebe schon fast seit 50 Jahren in Salzgitter – und ich habe heute noch Neues entdeckt.“

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