Peace, Brother – Braunschweig zeigt den Künstler John Lennon

Braunschweig  Urlaub vom Beatle-Sein: Die Stiftung Prüsse präsentiert künstlerische Arbeiten und andere Exponate von John Lennon.

In einem frühen Beatles-Song heißt es: „Here I stand Head in Hand, Turn my Face to The Wall…”

Natürlich darf man nicht eine Liedzeile mit einer Persönlichkeit kurzschließen. Aber man kann sich den jungen John Lennon ganz gut vorstellen als einen Typen in schwarzer Lederjacke, der mit dem Kopf in den Händen dasteht, das Gesicht zur Wand gedreht.

Die frühen fotografischen Porträts, von denen es sehr schöne gibt in der Ausstellung der Prüsse-Stiftung in Braunschweig, zeigen einerseits den Inbegriff eines ultra-coolen Rock’n’Rollers. Anderseits zeigen sie immer auch eine große Verlorenheit. Eine Gedanken-Verlorenheit, deren Kehrseite die Rotzigkeit ist.

Der dünnhäutige Mann, der sich der irren Welt mit der dickhäutigen Gelassenheit eines Walrosses entgegenstemmen will. Ein Mann auf der surrealen Suche nach den ewigen Erdbeerfeldern, wo es keinen Grund gibt zu verzweifeln. Der Mann, der Angst hatte, von der öffentlichen Meinung gekreuzigt zu werden. Was wohl nicht so weit hergeholt war. Der Sammler Michael-Andreas Wahle, aus dessen Beständen die Schau bestückt wurde, meint: „John und Yoko waren das meistgehasste Paar der Musikgeschichte.“

Prüsse präsentiert den Ex-Beatle in seiner Ausstellungsreihe mit Doppelbegabungen. Meine These ist: Einerseits war da ein junger, wohl eher empfindsamer, vergrübelter, sarkastischer und einfach irrsinnig kreativer junger Kerl, herausgerissen aus einer Außenseiter-Jugend, hineingeschleudert in eine geradezu wahnsinnige Berühmtheit, hineingedrängt in die Rolle eines Gurus, berühmter als Jesus. Andererseits machte er sein Privatestes öffentlich und zum Politikum.

Da geriet dem Jungen, der schon als Kind gezeichnet und an der Kunsthochschule in Liverpool studiert hatte, bevor seine Musiker-Karriere begann, seine zweite Begabung, also das Zeichnen, womöglich zur einzigen Möglichkeit, unverstellt von sich zu künden. Von seiner Familie, der Liebe zu Yoko, der Zärtlichkeit für seinen Sohn Sean – ganz privat, verspielt, lustig, selbstironisch. Kurios, zuweilen albern – quasi in lustvoller Kindlichkeit.

Das Zeichnen war sein kreativer Urlaub vom Beatles-Sein. Vom Zwang zur Bedeutsamkeit in Kunst und Politik, vom Die-Welt-retten-müssen.

„Seine Zeichnungen“, schreibt Jann Wenner, „wirken wesentlich lockerer als seine Musik, die meistens auf den großen Wurf aus war.“ Mit dem damaligen Herausgeber des Rolling Stone umkreiste er 1970 in zornigen Gesprächen die kommerziell einträgliche, persönlich aber verheerende Entfremdung, die er als Markenartikel der Kulturindustrie erfahren hatte. Hier wird deutlich, dass der Schatten-Teil einer Doppelbegabung eben auch eine wunderbar entlastende Funktion haben kann.

Man betrachte nur mein Lieblingsblatt in der Ausstellung: „Peace, Brother“: Wie er sich darstellt als tiefenentspannter Flower-Power-Schrat, der mit Sohn und Luftballon im New Yorker Central Park herumspaziert und dabei lässig grüßend sein Inkognito genießt.

Oder die Zeichnung „War is over“, in der er sich und Yoko selbstironisch zum haarigen, auch stacheligen Hippie-Knäuel schraffiert. Oder den „Träumer“, dessen Gesicht ganz kopflos im Himmel zu schweben scheint. Oder die schlicht-schönen Blätter für seinen Sohn Sean: die schnurrende Katze, das verliebt blinzelnde Fischweib, die Auto fahrende und heftig hupende Eule. Alle in heiter-warmen Farben.

Oder die durchaus virtuosen Blätter, mittels derer er sich der japanischen Sprache annähert. Da nähern sich seine Kritzeleien ihrerseits japanischen Schriftzeichen an. A propos: eins der schönsten Blätter ist diese ganz, ganz schlichte Zeichnung „Two in one“.

Er und sie: Brille, Nase, Mund. Schlitzaugen, Nase, Mund. Haare. Unverkennbar: John und Yoko.

Ein Bild, das sich in seinen minimalistischen Tusche-Strichen kongenial der Kalligraphie annähert. Und aus dem sich zwei Charakteristika dieser Ausstellung ablesen lassen. Das eine: Dieser Künstler schuf eine einmalige Ikonografie der Brille. Wir wissen von dem Sammler Wahle, dass John Lennon eine Art Brillen-Fetischist war. Kein Künstler, vielleicht mit Ausnahme von Horst Janssen, hat seine Brille derartig zum Charakteristikum seiner Kunst gemacht.

Das zweite, bedeutendere Charakteristikum: Diese Ausstellung ist eine Hymne an eine ganz große, geradezu symbiotische Liebe.

Von John Lennon hätte ich mir ein spannendes, ein entspanntes Spätwerk gewünscht – weniger musikalisch, ehrlich gesagt, da schien mir seine popkulturelle Jahrhundertleistung im Wesentlichen vollbracht. Aber – zumal jetzt, nach intensiver Beschäftigung mit seinen Zeichnungen - im Bereich der Kunst.

„Gerade“, so notierte der Kunsthistoriker Walter Grasskamp zu Lennons gewaltsamem Tod 1980 im Alter von 40 Jahren, „wollte er der Identität von Biografie und Star-Image als Künstler entkommen.“ Wie wir wissen, war ihm das nicht vergönnt.

Der Text ist die stark gekürzte Eröffnungsrede. Die Schau ist zu sehen in der Jakob-Kemenate (11-17 Uhr), im Augustinum, im Bankhaus Löbbecke, im Bahnhof und der Stadthalle.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder