Industrie- und Gewerbegebiet

Neuer Anlauf für Groß-Gewerbegebiet Braunschweig-Salzgitter?

Lesedauer: 5 Minuten
Diese Fläche (hier der Blick in Richtung Salzgitter und Stichkanal) war für das Industrie- und Gewerbegebiet vorgesehen.

Diese Fläche (hier der Blick in Richtung Salzgitter und Stichkanal) war für das Industrie- und Gewerbegebiet vorgesehen.

Foto: Cornelia Steiner / Archiv

Braunschweig.  Die Bürgerinitiativen in den beiden Städten sind alarmiert. Braunschweigs OB-Kandidat Kornblum hat angekündigt, erneut Gespräche starten zu wollen.

Vor drei Jahren ist der Plan für ein interkommunales Industrie- und Gewerbegebiet von Braunschweig und Salzgitter gescheitert. Kommt er nach der Wahl wieder auf den Tisch? Die Bürgerinitiative Braunschweig-Südwest jedenfalls ist alarmiert. Denn OB-Kandidat Thorsten Kornblum (SPD) hatte im Interview mit unserer Zeitung angekündigt: „Ich werde die Gespräche wieder aufnehmen.“

Und weiter: „Wenn wir den Wohlstand hier erhalten wollen, muss er erwirtschaftet werden“, so Kornblum. „Dazu gehört auch, dass wir ein gesundes Wachstum schaffen – und dafür brauchen wir nachhaltige und moderne Gewerbegebiete.“ Die verkehrliche Anbindung des Geländes zwischen Thiede und Stiddien sei ideal: Autobahn, Schienen, Kanal.

Bürgerinitiative: Flächenversiegelung in großem Umfang

Zwar ist noch offen, wer Oberbürgermeister in Braunschweig wird. Die Stichwahl steht erst am Sonntag an. Aber auch Kornblums Herausforderer Kaspar Haller (parteilos, unterstützt von CDU, FDP, Volt) hat sich bislang nicht gegen ein mögliches Industrie- und Gewerbegebiet bei Stiddien ausgesprochen. Wie sich der neue Braunschweiger Rat mit den Grünen als nun zweitstärkster Kraft nach der SPD positionieren wird, ist offen.

Edgar Vögel, Vorsitzender der Bürgerinitiative Südwest-BS, macht deswegen schon mal vorsorglich deutlich: „Es ist schon sehr traurig feststellen zu müssen, dass für Herrn Kornblum die Zeit stehengeblieben zu sein scheint“, sagt er. „Flächenversiegelung in großem Umfang, ohne Ausgleichsflächen zu haben, extreme Klimaschädlichkeit durch (Zer-)Störung von Kaltluftleitbahnen, fehlende Verkehrsanbindung sowohl für potenziell Beschäftigte als auch für Lieferverkehr, Zerstörung wertvollen Ackerbodens und nicht zuletzt der Fetisch Wachstumsideologie – all dem hat Herr Kornblum nur ein ,weiter so wie bisher’ entgegenzusetzen.“ Vögel kündigt erneuten Widerstand der Bürgerinitiative an, falls der Rat einen erneuten Vorstoß machen sollte.

Stimmenpatt in Salzgitter

Rückblick: 2018 hatte der Braunschweiger Rat mit großer Mehrheit eine weitere Prüfung des interkommunalen Industrie- und Gewerbegebiets (InGe) beschlossen. Eine Studie hatte zuvor die grundsätzliche Machbarkeit für das dann größte Gewerbegebiet der Region dargelegt. Doch letztlich scheiterten alle weiteren Schritte am Stimmenpatt im Rat von Salzgitter: 20 Ja-Stimmen, 20 Nein-Stimmen, eine Enthaltung.

Die Oberbürgermeister Frank Klingebiel und Ulrich Markurth waren tief enttäuscht. Beide hatten damals mehrfach betont, dass ihre Städte mangels geeigneter Flächen nicht mehr allen Anfragen von Unternehmen nachkommen könnten. Die Bürgerinitiativen in Braunschweig und Salzgitter hingegen jubelten, als das Projekt gestoppt wurde. Denn sie befürchteten mehr Lärm, Dreck und noch mehr Verkehr durch rund um die Uhr produzierende Betriebe. Und die betroffenen Landwirte fürchteten, Ackerflächen von bester Qualität und damit ihre Existenz zu verlieren.

Küch: Das Projekt ist tot

Aus all diesen Gründen hält Ulf Küch auch die erneute Idee, das Industrie- und Gewerbegebiet wiederaufleben zu lassen, für absurd. Der Sauinger ist Sprecher der immer noch existenten „Bürgerinitiative gegen das Industriegebiet Salzgitter-Braunschweig“. „Das hat fraktionsübergreifend im Rat keine Mehrheit gefunden“, sagt er – und es bestehe auch keine Notwendigkeit für die Stadt Salzgitter, das Projekt wieder aufzunehmen.

„Das Projekt ist tot“, ist er überzeugt. Man habe in Salzgitter bereits genügend Industrieflächen. Und man habe hier eine der ertragreichsten Ackerflächen vorliegen. Diese zu überbauen „wäre eine Schande vor dem Hintergrund der Klimaveränderung“. Auch werde der Lieferverkehr zunehmen, wie jetzt schon durch den Amazon-Standort in Lengede zu spüren sei, argumentiert Küch. Die Bürgerinitiative befürchtet darüber hinaus, dass die avisierten Arbeitsplätze kaum Salzgitter nutzen würden, ähnlich wie bei vielen Logistikstandorten. „Die Kuh, die in Salzgitter frisst, wird in Braunschweig gemolken“, so Küch.

Was ist mit der Autobahnausfahrt?

Edgar Vögel von der Braunschweiger Bürgerinitiative sieht noch weitere Punkte, die gegen das Vorhaben sprechen: So meint er beispielsweise, dass der für das Gebiet erforderliche Bau einer weiteren Autobahnausfahrt gar nicht mehr möglich sei, weil New-Yorker-Chef Friedrich Knapp das benötigte Gelände gekauft habe.

Doch dazu erläutert Salzgitters Pressesprecherin Simone Kessner, eine Autobahnausfahrt lasse sich immer noch einrichten, etwa auf den nebenliegenden und gegenüberliegenden Flächen. „Der Grundstücksverkauf verhindert nicht eine mögliche Erschließung einer gewerblichen Entwicklung der Flächen“, sagt sie. „Das ,InGe‘ und die notwendigen Infrastrukturmaßnahmen wären baulich noch umsetzbar.“ Eine aktuelle Planung oder eine weitere verkehrliche Begutachtung sei jedoch nicht erfolgt, da der Grundsatzbeschluss des Rates keine weitere Projektverfolgung vorsehe.

Vögel: Gebiet wichtig fürs Stadtklima

Edgar Vögel hofft, dass es dabei bleibt. Der Schaden wäre aus seiner Sicht immens. Immer wieder weist er in diesem Zusammenhang auch auf eine Studie der TU Braunschweig zu Kaltluftleitbahnen hin. Kaltluftleitbahnen sorgen dafür, dass kühle, frische Luft aus dem Umland in die Stadt hinein transportiert wird. Sie sollen möglichst unversiegelt und unbebaut sein. Das Institut für Geoökologie der TU hatte 2019 anhand vieler Messdaten ermittelt, wo sich Kaltluftleitbahnen befinden und wie wirksam sie sind.

Das Ergebnis: Den Wissenschaftlern zufolge haben die Flächen am Südwestrand von Braunschweig für das Stadtklima große Bedeutung. Denn dort liege ein großes Kaltluft-Entstehungsgebiet.

Für Vögel ist das ein zusätzliches Argument gegen ein Industrie- und Gewerbegebiet an dieser Stelle. Er bleibt dabei: „Die Überlegungen von Herrn Kornblum werden auf Widerstand stoßen!“

Fragen zum Artikel? Mailen Sie uns: redaktion.online-bzv@funkemedien.de

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder