Der Zweite Weltkrieg: Éin Salzgitteraner erinnert sich

Salzgitter-Bad.  Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 in der Wolfsschanze mussten viele noch stärker auf der Hut sein, wenn sie sich negativ äußerten.

Reichsmarschall Hermann Göring (helle Uniform) und der Chef der „Kanzlei des Führers", Martin Bormann (links), begutachten die Zerstörung im Raum der Karten-Baracke im Führerhauptquartier Rastenburg, wo Oberst Stauffenberg am 20. Juli 1944 eine Sprengladung zündete, mit der Absicht, Hitler zu töten.

Reichsmarschall Hermann Göring (helle Uniform) und der Chef der „Kanzlei des Führers", Martin Bormann (links), begutachten die Zerstörung im Raum der Karten-Baracke im Führerhauptquartier Rastenburg, wo Oberst Stauffenberg am 20. Juli 1944 eine Sprengladung zündete, mit der Absicht, Hitler zu töten.

Foto: hoffmann / picture alliance / dpa

Die Folgen konnten verheerend sein. Ich weiß von zwei Fällen. Unmittelbar nachdem im Rundfunk über das Attentat auf den Führer berichtet worden war, begannen am Arbeitsplatz meines Vaters Diskussionen über dasselbe.

Die meisten Kollegen, wenn sie überhaupt etwas sagten, äußerten sich wie folgt: „Gott sei Dank hat der Führer überlebt. Die Verräter sollte man sofort einen Kopf kürzer machen.“ Dazu hörte man nur ein allgemeines Gemurmel. Ja, ja richtig. Ob diese Sprüche wirklich ehrlich gemeint waren, ist zu bezweifeln. Denn unter vier Augen, vertrauten Leuten gegenüber, wurden ganz andere Sprüche geflüstert.

Ein Arbeitskollege meines Vaters, in der falschen Annahme, das
III. Reich wäre in wenigen Tagen kaputt, sagte waghalsig vor einigen Arbeitskollegen Folgendes: „Ja, wenn das Attentat den Führer getötet hätte, wäre der Krieg sofort zu Ende. Unter den Verschwörern waren auch einige Generäle und die Soldaten hätten sofort die Waffen niedergelegt. Wir haben doch alle die Schnauze voll vom Krieg.“ Es folgte betretenes Schweigen, aus welchem man schließen konnte, dass – wenn nicht alle – aber viele der gleichen Meinung waren.

Die Pause war zu Ende und man ging zurück zur Arbeit. Aber die böse Überraschung folgte unmittelbar. Beim Verlassen der Zeche am Ausgang warteten zwei in Ledermäntel gekleidete Beamte der Gestapo. Der Kumpel wurde wegen kriegszersetzender Äußerungen verhaftet. Keiner bekam ihn mehr zu sehen und auch seine Frau bekam keine Auskunft über sein Schicksal. Wir vermuteten das Schlimmste.

Aber unmittelbar nach dem Einmarsch der Amerikaner am 10. April 1945 (zwei Tage später) tauchte er zu Hause auf. Wie es ihm ergangen war, wollte mein Vater mir nicht sagen. „Aber eins ist sicher,“ sagte Vater, „er ist froh, mit dem Leben davongekommen zu sein.“ Der entlassene Gefangene war gezeichnet. Er verbrachte die nächsten Wochen nur zu Hause und scheute auch fortan die Öffentlichkeit.

Über die nächste Kritikerin des Führers, unsere Briefträgerin, kann ich Folgendes berichten: Die Frau (schon älter) trug nach dem Attentat wie stets Zeitungen und Post aus. Sie rief dabei lautstark auf der Straße zu mehreren, vor den Häusern stehenden Frauen: „Schade, dass das Attentat auf den Führer nicht gelungen ist, sonst wäre der Krieg gleich vorbei!“ Die ansonsten beliebte Briefträgerin wurde nicht wiedergesehen, auch wagte keiner, sich nach ihr zu erkundigen. Das war zu gefährlich.

Auch nach Kriegsende haben wir nichts über das Schicksal der Postbotin erfahren können. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Frau den einen kurzen unüberlegten Satz nicht mit dem Leben bezahlen musste.

Die erwähnten beiden Beispiele stehen für Tausende ähnlicher Fälle.

Der 88-jährige Friedrich Piskulla schreibt über seine Jugend im Zweiten Weltkrieg.

In dieser Serie erscheinen insgesamt elf Berichte von ihm.

Der Großteil spielt in Salzgitter-Bad – heute wohnt Piskulla in Lebenstedt.

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