Was die Söhne schon können, will die Mutter jetzt lernen

Salzgitter-Bad.  Neun Frauen aus Syrien und der Türkei besuchen im SOS Mütterzentrum die Fahrrad-Fahrschule. Unterstützt werden sie von „Zukunft Bilden“-Teilnehmern.

Projektleiterin Jenny Nemet (rechts) übt vor dem SOS Mütterzentrum mit Nurcan Baskurt (von links) Badrea Jobran, Hanan Kalaaji und Fatima Kassem das Fahrradfahren.

Foto: Doris Comes

Projektleiterin Jenny Nemet (rechts) übt vor dem SOS Mütterzentrum mit Nurcan Baskurt (von links) Badrea Jobran, Hanan Kalaaji und Fatima Kassem das Fahrradfahren.

Die Bekanntschaft mit dem Fahrrad ist in Deutschland meist eine Kindheitserfahrung. Für neun erwachsene Frauen aus Syrien und der Türkei beginnt das Abenteuer Fahrrad fahren erst jetzt: verbunden mit der Vorfreude in naher Zukunft mit dem Zweirad unterwegs sein zu können und ein bisschen Bauchweh vor den ersten Fahrübungen.

Angesiedelt ist das Projekt Fahrrad-Fahrschule im SOS Mütterzentrum in Salzgitter-Bad. Beteiligt sind aber auch Auszubildende, die beim Projekt „Zukunft Bilden“ unserer Zeitung mitmachen. Wie berichtet, haben sie unter anderem bereits gespendete Fahrräder wieder flott gemacht. Am Donnerstagvormittag war Verkehrssicherheitsberater Michael Scharf von der Polizei Salzgitter im Mütterzentrum, um die Frauen über Verkehrszeichen und Verkehrsregeln zu informieren. Begleitet wurde er von Ausländermittler Fikret Abaci, der bei Sprachproblemen unterstützend eingriff. Als ehrenamtliche Begleiterinnen für den Theorieteil waren am Donnerstag im Rahmen von „Zukunft Bilden“ die Auszubildenden Selina Steinberg, Crystie Pinkewitsch, Vanessa Datta und Stine Herdin mit dabei.

Eindringlich empfahl Scharf seinen Zuhörerinnen einen Fahrradhelm zu nutzen, auch wenn dies in Deutschland nicht verpflichtend sei. „Fast jeder schützt sein Handy mit einer Hülle. Ein Handy aber kann man neu kaufen, einen Kopf nicht“, veranschaulichte Scharf. Für Projektleiterin Jenny Nemet vom Mütterzentrum hatte Scharf auch etliche Tipps, was sie mit den Frauen noch üben sollte.

Doch dann Schluss mit der Theorie, draußen warten die Fahrräder. Scharf demonstriert, wie man am besten aufsteigt und – für Anfänger wichtig – möglichst den Sattel so einstellt, dass beim Sitzen noch beide Füße den Boden berühren. Scharf: „Das gibt mehr Sicherheit.“

Doch da geraten die am Donnerstag anwesenden Fahrschülerinnen, die Teilnehmerinnen sind zwischen 32 bis 52 Jahre alt, an ihre Grenzen. Die Fahrräder sind zu groß. „Wir brauchen dringend kleinere Räder“, stellt Projektleiterin Jenny Nemet im Praxistest fest. Nurcan Baskurt aus der Türkei versucht es trotzdem, mit Unterstützung von Nemet eine kleine Runde zu drehen. „Meine Tochter macht nächstes Jahr in der vierten Klasse ihre Fahrradprüfung“, erzählt sie. Vielleicht kann die Mutter sie ja dann begleiten. Badrea Jobran aus Syrien hat in ihrer Heimat schon Fahrrad fahren gelernt. „Aber seit zehn Jahren bin ich nicht mehr gefahren“, sagt sie lachend. Hanan Kalaaji aus Syrien schaut zweifelnd zu den Rädern: „Es ist schwierig“. Aber nicht für ihre beiden acht und zwölf Jahre alten Söhne. „Sie haben es schon als kleine Kinder gelernt“, sagt Kalaaji. Fatima Kassem aus Syrien hat auch noch nie auf einem Fahrrad gesessen. Sie möchte Radfahren, um mehr Bewegung zu haben.

„Seit sechs Wochen läuft das Projekt Fahrrad-Fahrschule und die Frauen sind total dabei“, zieht Jenny Nemet ein erstes positives Resümee. Einige Übungsstunden liegen sicherlich noch vor den Frauen, doch irgendwann wird Fahrrad fahren zu ihrem Alltag dazugehören. Die Frauen kommen aus dem Teilnehmerkreis des am Mütterzentrum angesiedelten Projekts „Gesellschaftliche Teilhabe und Inklusion für Frauen mit Fluchterfahrung und/oder Migrationshintergrund“.

Für die Fahrrad-Fahrschule bittet das Mütterzentrum noch um weitere Fahrradspenden. Möglichst Räder in der Größe für Jugendliche oder kleine Erwachsenenräder.

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