Kiew. Die ukrainische Gegenoffensive lief schleppend an, nimmt aber offenbar Tempo auf. Das scheinen mehrere Fotos und Videos zu belegen.

Seit dieser Woche steht fest: Die seit dem 4. Juni laufende ukrainische Gegenoffensive im Süden hat einen ersten Zwischenerfolg erzielt. Nach verschiedenen Fotos und Videos gelang es den ukrainischen Truppen, die erste Hauptverteidigungslinie der Russen an mehreren Punkten zu durchstoßen.

Dies ist auf dem Bildmaterial aus ukrainischen und russischen Armeekreisen an einigen Stellen der Front im Bezirk Saporischschja und in Nachbargegenden der Region Donezk zu sehen. Das strategische Hauptziel der Offensive besteht darin, die russische Landbrücke im Süden der Ukraine zu durchbrechen.

Die politische Führung in Kiew hatte ursprünglich mit einem schnelleren ersten Vorstoß gerechnet. Die Ukrainer haben fast zwei Monate gebraucht, um dieses Ergebnis zu erreichen. Allerdings mussten sie ihre Taktik umstellen: Erste Angriffsversuche mit moderner westlicher Technik – darunter die deutschen Leopard-Panzer – auf den stark verminten Feldern misslangen, was zu bedeutenden Verlusten an Material führte. Zum Teil lag dies daran, dass bei dem Vormarsch Unterstützung aus der Luft fehlte.

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Die Ukrainer konzentrierten sich auf Nadelstich-Angriffe der Infanteriegruppen

Die ukrainischen Kommandeure um den Armeebefehlshaber Walerij Saluschnyj konzentrierten sich danach auf viele kleinere Nadelstich-Angriffe der Infanteriegruppen. Dazu gab es verstärkte Luftschläge gegen russische Kriegslogistik. Diese Umstellung hatte zwei Folgen: Die Verluste der Ukrainer gingen zurück. Im Gegenzug verlangsamte sich das Tempo.

Nun hat die ukrainische Armee aber mit Angriffen auf Orte begonnen, die bereits als Bestandteile der russischen Hauptverteidigungslinien betrachtet werden. Dafür werden auch zusätzliche Reserven eingesetzt: An der Front sind Teile der Brigaden zu sehen, die vorher nicht im Einsatz waren.

Noch fehlen aber Anzeichen dafür, dass es sich bereits um einen Hauptschlag der Ukrainer handelt, was kürzlich von der „New York Times“ mit Verweis auf US-Regierungsbeamte vermutet wurde.

Stand heute gibt es kaum visuelle Belege, dass eine prinzipiell neue Phase der ukrainischen Offensive begonnen hat. Die Reserven werden vielmehr im kleinen Rahmen gleichmäßig auf mehreren Richtungen eingesetzt. Diese zielen zwar allesamt auf die Küste des Asowschen Meeres, sind aber nicht direkt miteinander verbunden.

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Die Kiewer Truppen wollen eine Hafenstadt am Asowschen Meer erobern

Im Klartext bedeutet das: Die Stoßrichtung des Hauptschlages lässt sich nur erahnen. Die Ukrainer haben großes Interesse, südlich von der Stadt Orichiw im Bezirk Saporischschja vorzustoßen – zuerst in Richtung des sehr wichtigen Knotenpunktes Tokmak und dann zur Schlüsselstadt Melitopol. Das ist der kürzeste Weg in die Nähe der Krim. Hierfür wäre es nicht nötig, den Dnipro-Fluss zu überqueren.

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Am besten sieht es für die Ukraine weiter östlich aus – nämlich an der Grenze der Regionen Donezk und Saporischschja. Nach einer Reihe von kleinen Orten wie Neskutschne, Blahodatne und Makariwka konnten die Ukrainer nun auch das Dorf Staromajorske von den Russen befreien, wie Präsident Wolodymyr Selenskyj am Donnerstag mitteilte.

Dort haben die Ukrainer gute Aussichten, die Russen zum Rückzug auf die zweite Verteidigungslinie zu zwingen. Das strategische Ziel besteht darin, eine der beiden Hafenstädte am Asowschen Meer – Berdjansk oder Mariupol – zu erobern.

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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LandUkraine
KontinentEuropa
HauptstadtKiew
Fläche603.700 Quadratkilometer (inklusive Ostukraine und Krim)
Einwohnerca. 41 Millionen
StaatsoberhauptPräsident Wolodymyr Selenskyj
RegierungschefMinisterpräsident Denys Schmyhal
Unabhängigkeit24. August 1991 (von der Sowjetunion)
SpracheUkrainisch
WährungHrywnja