„Es werden mehr Unternehmen an Corona sterben als Menschen“

Braunschweig.  Volksbank Brawo-Chef Jürgen Brinkmann spricht im großen Interview über die Corona-Krise, den Konsumschock und Bankenregulierung.

Brawo-Chef Jürgen Brinkmann

Brawo-Chef Jürgen Brinkmann

Foto: Bernward Comes

Schon 1999 wurde Jürgen Brinkmann Mitglied im Vorstand der damaligen Volksbank Braunschweig. Seit 2012 ist Vorstandsvorsitzender der Volksbank Braunschweig. Wir sprachen mit dem erfahrenen Finanzkenner über die Dimensionen der Corona-Krise.

Herr Brinkmann, wie bewerten Sie die wirtschaftlichen Konsequenzen der Corona-Krise?

Sie führen zur größten Wirtschaftskrise der Geschichte, die Finanzkrise war im Vergleich dazu nichts. Alle Branchen sind betroffen und das weltweit. Deshalb wird die Krise Spuren auch in unserer Region hinterlassen. Ein Beispiel: Viele unserer Kunden aus dem Handel und aus der Gastronomie haben derzeit keine Perspektive. Nur weil die Geschäfte und Restaurants wieder aufgeschlossen werden, ist nicht die ursprüngliche Kundenfrequenz wieder da.

Dieser Umsatzverlust wird nicht mehr aufgeholt werden können. Das ist fatal. Hinzu kommt, dass viele Hilfen im Prinzip Kredite sind, die zurückgezahlt werden müssen, dazu gehören das Stunden von Steuern und Sozialabgaben und die KFW-Kredite. Das führt zu enormen finanziellen Belastungen. Viele mittelständische Unternehmer werden aus Verantwortung gegenüber ihren Mitarbeitern trotzdem weitermachen. Viele kleine Unternehmen werden dagegen aufhören. Ich bin ganz sicher: Es werden mehr Unternehmen an Corona sterben als Menschen.

Wie kann der Konsumschock gelöst werden?

Indem den Menschen Sicherheit vermittelt wird. Es ist das klassische menschliche Verhalten, dass die Menschen in einer Krise ihr Geld zusammenhalten. Und die Nachrichten werden nicht besser: Von den rund 33 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland sind 10 Millionen in Kurzarbeit. Da kauft niemand ein Auto oder eine Küche.

Bei uns läuft der Hausverkauf auf äußerst geringem Niveau. Wenn wir aber heute keine Häuser verkaufen, dann hat das Handwerk in sechs bis neun Monaten nichts mehr zu tun. Das ist ein Domino-Effekt, von denen es viele gibt. Wenn keine Autos verkauft werden, trifft das nicht nur die Hersteller, sondern die Zulieferer, die Spediteure, die Tankstellen, die Werkstätten und am Ende die öffentliche Hand, weil Steuereinnahmen fehlen.

Was kann für Sicherheit sorgen?

Eine entsprechende Kommunikation der Politik. Nach wie vor gilt, dass der wirtschaftliche Erfolg zu 90 Prozent von der Psychologie abhängt – also von der Stimmung. Die Menschen müssen wieder Licht am Ende des Tunnels sehen. Erst dann wird die Bereitschaft zum Konsum steigen – wer konsumiert, gibt das Geld aus, das er erwartet. Es kommt also auf die Perspektive an. Deshalb muss die Kernbotschaft der Politik lauten: Wir haben die Krise im Griff und können zur Normalität zurückkehren. Um den ohnehin schon immensen Schaden der Corona-Krise nicht noch größer werden zu lassen, spielt der Faktor Zeit von Tag zu Tag eine größere Rolle.

Wäre eine Kaufprämie für Neuwagen ein geeignetes Instrument, um der Wirtschaft zu helfen?

Das wird die Politik entscheiden müssen. Für mich ist die Forderung nach einer Kaufprämie das Ergebnis einer guten Lobby-Arbeit. Die Hersteller rufen immer als erste nach Hilfe. Dabei sind aktuell doch Branchen wie der Tourismus weitaus stärker betroffen.

Was könnte stattdessen helfen?

Die Bankenaufsicht muss sich überlegen, ob sie regulatorische Auflagen für Banken lockert. Aktuell haben wir noch die Situation, dass wir die Fähigkeit von Unternehmen, ihre Kredite zu bedienen, neu berechnen müssen, sobald sie in die roten Zahlen rutschen. Das gilt auch dann, wenn das Unternehmen vorher zehn Jahre Gewinn gemacht hat und durch die Krise Verluste schreibt. Diese Neuberechnung führt in der Regel zu großen Belastungen.

Ich habe außerdem die Sorge, dass Unternehmen, die in Schwierigkeiten sind, auf Banken treffen, die mit ihrer eigenen wirtschaftlichen Situation zu tun haben und daher nicht helfen können. Die Hamburger Sparkasse zum Beispiel nimmt aus diesen Gründen keine neuen Kunden mehr an. In der jetzigen Situation die Kredite zu reduzieren, ist aber falsch. Auch in diesen Fällen müsste sich die Bankenaufsicht Gedanken über eine Lösung machen.

Wann ist die Krise überstanden?

Die Zukunft ist ganz schwer zu prognostizieren.

War die Reaktion der Politik auf das Coronavirus angemessen?

Ich halte nichts davon, jetzt im Rückblick Korrekturen einzufordern. Ich hätte zu Beginn der Corona-Krise kein Politiker sein wollen. Historische Daten für Entscheidungen fehlten, Experten haben sich zum Teil deutlich widersprochen. Trotz dieser schwierigen Ausgangslage ist vieles gut gelaufen. Jetzt müssen wir es schaffen, so schnell wie möglich zur Normalität zurückzukehren.

Sie sprachen von klaren Botschaften der Politik, die erforderlich sind, um das Klima zu drehen. Reichen die Lockerungen nicht aus?

Sie haben noch nicht die Kraft, das allgemeine Klima zu beeinflussen. Die Politik tut sich mit weiteren Öffnungen schwer. Das ist nachvollziehbar, weil es niemand verantworten will, wenn es doch zu einer zweiten Infektionswelle kommt. Es geht um eine Abwägung zwischen Menschenleben und dem Abwürgen der Konjunktur.

Wozu tendieren Sie?

Wir haben es in vielen Lebensbereichen gelernt, mit Risiken umzugehen. Denken sie nur an das Unfallrisiko im Straßenverkehr oder an die gesundheitlichen Risiken beim Konsum von Tabak und Alkohol. Das ist uns im Umgang mit dem Coronavirus noch nicht gelungen, ich bin aber überzeugt, dass wir durch diesen Lernprozess hindurch müssen, um zu einer neuen Normalität zu kommen. Diese Art der selbst gemachten Krise können wir uns nicht noch einmal leisten. Auf uns rollt eine Lawine zu, die niemand stoppen kann.

Wir haben bisher nur über die Folgen der Corona-Krise in Deutschland gesprochen. Als Exportnation sind wir aber auf das Funktionieren der Märkte im Ausland angewiesen. Wie sehen Sie die Situation im europäischen Ausland?

Italien zum Beispiel wurde massiv von den Corona-Folgen getroffen. Das Land war schon vor der Krise wirtschaftlich angeschlagen. Daher fehlt mir die Fantasie, wie Italien die Kosten der Krise auffangen will. Nicht viel besser sieht es in Frankreich und Spanien aus. Es wird der Tag der Bilanz kommen und damit die Frage: Wer bezahlt das alles?

Wer denn?

Deutschland übernimmt am 1. Juli die EU-Ratspräsidentschaft. Da werden die Erwartungshaltungen der europäischen Nachbarn sehr groß sein. Wir sind ja schon jetzt der größte Beitragszahler. Ich erwarte, dass wir weitere Zugeständnisse machen müssen.

Kommen dann doch die umstrittenen Eurobonds, also gemeinsame Staatsanleihen, für die Deutschland mit bürgen müsste?

Davon bin ich überzeugt, nur unter anderem Namen. Deutschland wird dann für italienische Schulden zahlen müssen. Das macht die Situation nicht einfacher.

Was meinen Sie?

Die EU hat schon bessere Zeiten erlebt. Die Corona-Krise, die wirtschaftlichen Folgen, der nicht bewältigte Brexit und die absehbare politische Diskussion um die Zukunft des Euro sind ein explosiver Cocktail.

Wie geht es der Volksbank in der Corona-Krise?

Wir sind alle sehr traurig, dass wir von Corona so ausgebremst werden. 2019 war für uns mit großem Abstand das beste Geschäftsjahr aller Zeiten, wir haben mehr als doppelt so viel verdient wie der Durchschnitt der Volks- und Raiffeisenbanken in Deutschland. Auch das erste Quartal 2020 ist noch einmal sehr gut gelaufen. Es ist schade, dass wir das Erreichte nicht so zeigen können wie wir wollten. Dazu gehört auch, dass wir in 2019 die Grenze von 1000 Mitarbeitern überschritten haben.

Warum war das vergangene Jahr so erfolgreich?

Wir haben seit zehn Jahren investiert und unser Geschäftsmodell breiter aufgestellt. Das zahlt sich nun aus, ein Rädchen greift in das andere.

Welcher Bereich war der Treiber des Erfolgs?

Es wäre ungerecht, jetzt einzelne Abteilungen als Treiber herauszugreifen, weil wir ausnahmslos in allen Bereichen in der Zielerfüllung über 100 Prozent lagen – egal, ob Kredit- und Einlagengeschäft oder Immobilienfinanzierung. Das hat es noch nie gegeben.

Erläutern Sie bitte, wie die Rädchen ineinander greifen?

Nehmen Sie zum Beispiel unsere Privatbank, die 2014 mit dem Ziel begonnen hat, vermögende Kunden zu beraten. Schon nach fünf Jahren hatten wir unser Zehnjahres-Ziel erreicht. Ursprünglich hatten wir vor allem das Wertpapiergeschäft im Blick. Unsere Kunden – darunter Stiftungen – sind dann aber immer öfter mit dem Wunsch nach alternativen Anlagen an uns herangetreten.

Dazu gehören zum Beispiel Immobilien, daher haben wir in diesem Segment Know-how aufgebaut und verfügen inzwischen über eine große Kompetenz im Immobilien-Einkauf, in der -Bewertung und -Verwaltung. Das spricht sich herum. Wir haben sogar schon Immobilien-Aufträge von anderen Banken bekommen. Dieses Geschäft nutzen wir, um weitere Dienstleistungen zu vermarkten, zum Beispiel Versicherungen. So baut das eine auf dem anderen auf. Sehr gut läuft auch unser Beteiligungsgeschäft.

Das heißt, die Volksbank beteiligt sich an anderen Unternehmen?

Ja, wir sind in diesem Bereich sehr flexibel aufgestellt, halten Beteiligungen zwischen 10 und 90 Prozent. Dabei treten auch Unternehmen an uns heran, die eigentlich keinen Kapitalbedarf haben. Ein Unternehmen, an dem wir beteiligt sind, sitzt sogar bei uns im Haus: Es ist das Start-up Jitpay, das digitale Abrechnungs- und Factoringdienstleistungen für die Logistik-Branche anbietet.

Sondern?

Sie suchen einen starken Partner, der sie mit seiner Expertise unterstützt. Das stellt uns vor die Aufgabe, die entsprechenden Ressourcen zu schaffen und Personal aufzubauen.

In welchem Radius beteiligt sich die Volksbank an Unternehmen?

Deutschlandweit, aber mit dem Schwerpunkt auf unserem Geschäftsgebiet.

Was hat Sie veranlasst, die Volksbank so breit aufzustellen?

Der rückläufige Zinsüberschuss in unserem klassischen Bankgeschäft. Das war mit Beginn der Finanzkrise absehbar, daher haben wir seit 2008 umgesteuert.

Und nun kommt Corona.

Ja, das hindert uns aber nicht daran, die vielen für dieses Jahr geplanten Projekte fertigzustellen.

Zum Beispiel?

Die Umgestaltung des Schlosscarrees in Braunschweig und die Brawo-City am Nordkopf in der Wolfsburger Fußgängerzone. Hinzu kommen viele andere Projekte, über die ich jetzt aber noch nicht sprechen möchte.

Verwerfen oder verschieben Sie wegen der Corona-Krise Ihre Planungen?

Nein, dafür gibt es überhaupt keinen Anlass. Wir halten uns auch nicht zurück mit der Immobilien- und Baufinanzierung, weil wir von diesem Geschäftsmodell absolut überzeugt sind. Aktuell haben wir in unserem Geschäftsgebiet eigene Neubauprojekte für mehr als 500 Millionen Euro in der Planung. Davon fließen allein 25 Millionen Euro in das Schlosscarree, 45 Millionen Euro in neue Gebäude im Brawo-Park in Braunschweig und 40 Millionen Euro in das Wohnquartier Langer Kamp in Braunschweig.

Im vergangenen Jahr wollten Sie das Einkaufszentrum im Bahnhof Hamburg-Altona übernehmen. Allerdings hat die Stadt Hamburg ihr Vorkaufsrecht genutzt. Ist das Projekt damit gestorben?

Nein, wir haben es nicht aufgegeben und klagen gegen die Stadt Hamburg. Nach unserer Auffassung existiert dieses Vorkaufsrecht nicht, weil es sich um ein erbbaurechtliches Grundstück handelt, das eisenbahnrechtlich gewidmet ist. Wir hatten nur das Pech, in den Hamburger Wahlkampf zu geraten.

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die Stimmung in der Volksbank aus?

Die Belegschaft ist schon verunsichert. Unsere Berater haben jeden Tag mit Menschen in Not zu tun, führen Gespräche, in denen Tränen fließen. Das lässt niemanden kalt. Deshalb ist die interne Kommunikation ganz, ganz wichtig – auch um Zuversicht zu vermitteln. Unser Haus ist stabil aufgestellt, wir verfügen über mehr als 100 Millionen Euro Reserven in unseren 120 Tochtergesellschaften.

Wie bewerten Sie die Corona-Krise für Ihr Haus?

Wir kalkulieren natürlich kein Rekordergebnis mehr, sondern eine Delle. Wir erwarten zum Beispiel im Vertrieb einen Rückgang von 10 Prozent, weil aus dem Homeoffice heraus weniger Kunden betreut werden konnten und weil die Nachfrage nach Bausparverträgen und Versicherungen rückläufig ist. Außerdem wird sich das Bewertungsrisiko im Kreditgeschäft wegen des zu erwartenden deutlichen Konjunkturabschwungs erhöhen. Einen Vorgeschmack gibt die fehlende Nachfrage bei Volkswagen. Die Konsumenten sind wegen der Corona-Krise in einem regelrechten Konsumschock. Das hat weitreichende Auswirkungen. In Summe landen dann alle Probleme bei den Banken, also auch bei uns.

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