Nachhaltige Geldanlagen boomen

Braunschweig.  Ihr Anteil am Gesamtanlagevolumen liegt aber immer noch im einstelligen Prozentbereich

Ein Wald im bayrischen Spessart. Forstwirtschaft, Photovoltaik, Wind- und Wasserkraft oder Investitionen in Bildung gehören zu „grünen“ Geldanlagen. Aber auch und vor allem Unternehmen wie Microsoft, Pepsi oder McDonalds sind in „nachhaltigen“ Fonds zu finden.

Ein Wald im bayrischen Spessart. Forstwirtschaft, Photovoltaik, Wind- und Wasserkraft oder Investitionen in Bildung gehören zu „grünen“ Geldanlagen. Aber auch und vor allem Unternehmen wie Microsoft, Pepsi oder McDonalds sind in „nachhaltigen“ Fonds zu finden.

Foto: Karl-Josef Hildenbrand / dpa

Etwas für den Umweltschutz tun und dabei auch noch Rendite einfahren – das wollen immer mehr Verbraucher. Bei der Sparkasse Hildesheim-Goslar-Peine zum Beispiel, mit 400.000 Kunden die größte Sparkasse in unserer Region, stieg das Anlagevolumen in nachhaltigen Fonds innerhalb von zwei Jahren von 0,5 Millionen Euro (2017) auf 11,4 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Dennoch macht der Anteil nur rund 7 Prozent am gesamten Anlagevolumen aus, wie die Sparkasse erklärte. Auch ein Sprecher der Volksbank Brawo sagte: „Immer mehr Kunden fragen aus Überzeugung bei uns nach ,sauberen’ Investments, also Geldanlagen unter ökologischen, ethischen und sozialen Aspekten.“ Laut Finanzprofessor Marc Gürtler von der Technischen Universität Braunschweig wächst die Bedeutung grüner Anlagen, das Volumen in Deutschland bewege sich aber immer noch im nur einstelligen Prozentbereich.

„Nachhaltig" ist nicht verbindlich definiert

Doch was verbirgt sich überhaupt hinter „sauberen“ Investments und „nachhaltigen“ Anlagen? Wie der Fachverband Forum für nachhaltige Geldanlagen (FNG) erklärt, gibt es inzwischen zwar ein „grundlegendes Verständnis“, darüber, was eine nachhaltige Kapitalanlage ist. „Jedoch ist der Begriff nicht verbindlich geschützt oder definiert“, sagt FNG-Referentin Nayice Atalay. Als „nachhaltig“ deklarierte Fonds halten sich in der Regel an die sogenannten ESG-Kriterien, sie stehen für ökologische (environmental), soziale (social) und unternehmerische (Governance) Nachhaltigkeit. Solche Fonds schließen etwa Unternehmen aus, die Waffen und Rüstung produzieren, als korrupt gelten oder ihr Geld mit der Herstellung von Tabak, Alkohol oder Pornografie verdienen. „Ob das dem Nachhaltigkeitsverständnis des Anlegers entspricht, ist natürlich zu hinterfragen“, sagt Atalay.

Auch Stefan Adam, Finanzberater bei der Verbraucherzentrale Niedersachsen, betont: „Was sich ein Verbraucher unter ,nachhaltig’ vorstellt, findet er nicht unbedingt in den Fonds wieder.“ So würde beispielsweise der weltweit größte, US-amerikanische Index-Anbieter MSCI in seinem Index mit den strengsten Nachhaltigkeitsanforderungen – dem MSCI World Social Responsible Index – auch Unternehmen wie McDonalds (Platz 8) oder Pepsi (Platz 6) listen. „Selbst Nestlé ist in einigen nachhaltigen Fonds vertreten. Das ist ein Problem, weil sich viele Verbraucher damit nicht mehr identifizieren können“, sagt Adam. Er empfiehlt Verbrauchern deshalb, genau in die Fonds hineinzuschauen. „Wer sichergehen will, in bestimmte Unternehmen nicht zu investieren, muss sich tiefer mit den Details seiner Geldanlage beschäftigen“, sagt Adam. Hilfreich sei, auf Nachhaltigkeits-Siegel zu achten, wie zum Beispiel das FNG-Siegel, das Ecoreporter-Siegel oder jenes von Öko-Test. „Je mehr Siegel ein Fonds hat, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Unternehmen im Fonds auch wirklich nach Nachhaltigkeitskriterien überzeugen.“

Finanzprofessor Gürtler empfiehlt Verbrauchern zudem, sich auch mit den Siegeln selbst „intensiv auseinanderzusetzen“. „Nur so können sie für sich entscheiden, ob die Gewichtung der Nachhaltigkeitskriterien eines Siegels den eigenen Ansprüchen gerecht wird“, sagt Gürtler. Er verweist auf eine Initiative der Europäischen Union, die Anlegern in Zukunft mehr Klarheit geben soll: So entwickelt die EU eine sogenannte Taxonomie, das heißt ein Klassifikationsmodell, um nachhaltige Finanzprodukte zu definieren. Dazu gehört etwa auch das „Eco“-Label, das ab 2021 auch an Finanzprodukte vergeben werden soll. Bisher ist allerdings noch nicht endgültig entschieden, ob zum Beispiel Aktien von Atomkraftwerkbetreibern auch als „grün“ zu bewerten sind. Auch hier gilt im Zweifel also: Verbraucher sollten sich genauer mit dem Siegel und der Geldanlage beschäftigen.

Wie das Forum nachhaltige Geldanlagen erklärt, ist der Markt für solche Investments spätestens seit dem März 2018 besonders dynamisch – damals erschien der Aktionsplan der EU zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums. Dieser Aktionsplan sieht noch viel mehr vor, als das Vergeben des „Eco“-Labels. Er definiert insgesamt zehn Maßnahmen, die das Ziel haben, Kapitalflüsse in nachhaltige Investitionen zu lenken. Dazu gehört unter anderem auch, dass Kunden – laut FNG vermutlich ab dem zweiten Quartal dieses Jahres – in ihrer Anlageberatung verpflichtend nach ihrer Nachhaltigkeitspräferenz gefragt werden müssen.

Eine Sprecherin der Sparkasse Hildesheim-Goslar-Peine erklärt, dass die Sparkasse schon jetzt aktiv nachhaltige Fondslösungen anbiete und sie das Angebot dieser Fonds zudem ausgeweitet habe. Zugleich sei aber auch die Kundennachfrage danach deutlich gestiegen.

Finanzprofessor Gürtler glaubt, dass „die Möglichkeit in nachhaltige Fonds oder Aktien zu investieren und damit ein gutes Gefühl bei der Investition zu haben“, für viele Verbraucher den Ausschlag geben könnte, sich intensiver mit der eigenen Geldanlage zu beschäftigen.

Treiber des starken Wachstums der „grünen“ Anlagen sind dennoch nicht die Bundesbürger, sondern institutionelle Investoren wie Versicherungen, kirchliche Einrichtungen oder betriebliche Pensionskassen. Laut einem Marktbericht des Forums nachhaltige Geldanlagen stehen sie für knapp 93 Prozent aller grünen Fonds. 2018 haben sie demnach um 48 Prozent zugelegt, die der Privatinvestoren dagegen um elf Prozent.

Zu den institutionellen Anlegern gehört auch die Öffentliche Versicherung Braunschweig. Sie hat ein Anlagevolumen von rund 3 Milliarden Euro und ist jüngst der Initiative „Principles for Responsible Investment“ (PRI, zu deutsch: Grundsätze für verantwortungsvolles Investieren) der Vereinten Nationen beigetreten. „Wir sind der Überzeugung, damit ganz im Sinne unserer Kunden zu handeln und hoffen, dass wir damit auch andere Unternehmen dazu ermutigen, mit ihren Kapitalanlagen die nachhaltige Entwicklung zu fördern“, sagte Vorstandsmitglied Alexander Tourneau.

Öffentliche will fast komplett nachhaltig investieren

„Die Initiative PRI ist ein Gütesiegel, das in der Finanzindustrie einen hohen Stellenwert genießt“, erklärt Jörg Steffens, Bereichsleiter Kapitalanlage bei der Öffentlichen. Die Öffentliche habe aber bereits 2018 eine eigene Strategie zur nachhaltigen Kapitalanlage entwickelt, die bereits in der Umsetzung sei und weiter gehe als die Initiative. Bis Ende des Jahres 2021 will der Versicherer mindestens 95 Prozent des eigenen Anlagevolumens in nachhaltige Kapitalanlagen investieren. Aber was bedeutet für die Öffentliche nachhaltig?

Sie vertraut dabei auf die Zusammensetzung des schon erwähnten Index-Anbieters MSCI und lässt dessen „MSCI World ESG Leaders Index“ gemäß der eigenen Investment-Strategie eins zu eins nachbilden. In diesem laut Steffens nach Nachhaltigkeitskriterien „mittelstrengen“ Index sind 800 Unternehmen gelistet. Firmen, die ihr Geld überwiegend mit Alkohol, Glücksspiel, Tabak, Kriegs- und Schusswaffen oder Atomkraft verdienen, fehlen hier. Auch Unternehmen, die in Skandale verwickelt sind – wie etwa Nestlé wegen der Wasserprivatisierung in Afrika, Apple wegen Verstößen gegen Arbeitnehmerrechte in Asien oder derzeit auch noch Volkswagen wegen des Diesel-Betrugs – tauchen dort ebenfalls nicht auf. Steffens betont, dass die Kapitalanlage dadurch nicht in ihrem Rendite-Risiko-Profil beeinträchtigt ist. Für einige Anlagen würde sich das Rendite-Risiko sogar verbessern. „Wir möchten die Nachhaltigkeitsaspekte umsetzen, ohne das Risiko zu erhöhen“, sagt Steffens.

Würde der Versicherer den strengsten MSCI-Index wählen, sei das Rendite-Risiko-Profil schwächer, erklärt Steffens. Darin sind nur noch 400 Unternehmen gelistet, weshalb die Konzentrationsrisiken höher seien. „Microsoft ist zum Beispiel ein sehr nachhaltiges Unternehmen. Im MSCI World Social Responsible Index werden aber acht bis neun Prozent des Anlagevolumens Microsoft zugeteilt. Das heißt, dass wir hier ein Konzentrationsrisiko und damit eine insgesamt erhöhte Risikosituation haben“, erklärt Steffens.

Lukrative Erdöl-Branche fehlt ingrünen Fonds

Sowohl institutionelle als auch private Anleger beschäftigt auch die Frage nach der Rendite bei nachhaltigen Fonds. Laut TU-Professor Gürtler gibt es dazu eine Vielzahl von Studien, die aber kein eindeutiges Bild liefern. „Auch wenn es in der Vergangenheit bereits Zeiträume gegeben hat, in denen nachhaltige Fonds besser abgeschnitten haben als konventionelle Fonds, muss man natürlich festhalten, dass aus wirtschaftlicher Sicht lukrative Branchen, wie zum Beispiel die Erdöl-Industrie, in nachhaltigen Geldanlagen fehlen. Renditetreiber und das Potenzial, das Anlagerisiko zu streuen, werden dabei also nicht vollständig genutzt“, sagt der Finanzprofessor. Aber Anleger, die nachhaltig investieren wollten, sähen einen anderen persönlichen Nutzen, betont Gürtler: Die Unterstützung nachhaltiger Investitionen. „Und diese Komponente bieten eindeutig nachhaltige Fonds.“

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