Betriebsräte von Alstom und Bombardier in Sorge um Jobs

Braunschweig.  Alstom will offenbar Bombardiers Zugsparte übernehmen. In unserer Region besorgt das Arbeitnehmervertreter.

Bahnwaggons stehen im Görlitzer Bombardier-Werk.

Bahnwaggons stehen im Görlitzer Bombardier-Werk.

Foto: Sebastian Kahnert / dpa

Für sieben Milliarden Euro will der französische Alstom-Konzern nach „Handelsblatt“-Informationen die gesamte Zugsparte des kanadischen Bombardier-Konzerns übernehmen. Zuvor hatten bereits der Finanznachrichtendienst Bloomberg und französische Medien über Gespräche zwischen den Konzernen berichtet. Anleger spekulieren ohnehin schon länger über Spartenverkäufe. Sprecher von Bombardier und Alstom sagten auf Nachfrage, sie würden Marktgerüchte nicht kommentieren.

Durch den Deal zwischen Alstom und Bombardier würde ein neuer großer Eisenbahntechnikkonzern mit etwa 15 Milliarden Euro Umsatz entstehen. Alstom hat derzeit nach eigenen Angaben rund 36.300 Mitarbeiter in 60 Ländern. Bombardier Transportation hat nach Unternehmensangaben rund 40.650 Beschäftigte, Hauptsitz der Sparte ist Berlin. Insgesamt hat der Bombardier-Konzern, dessen zweites Standbein der Flugzeugbau ist, mehr als 68.000 Mitarbeiter. Zwischenzeitlich sei auch der japanische Zugbauer Hitachi interessiert gewesen.

Bombardier macht Milliardenverlust

Bombardier tut sich schon länger schwer. Das vergangene Geschäftsjahr hat der Konzern mit tiefroten Zahlen abgeschlossen, wie er am Donnerstag mitteilte. Im vierten Quartal lag das Betriebsergebnis mit umgerechnet 1,6 Milliarden Euro im Minus. Im Vorjahreszeitraum hatte das Unternehmen noch einen Gewinn von 314 Millionen Euro gemacht. Grund für den starken Rückgang sind unter anderem hohe Kosten im europäischen Eisenbahngeschäft. Im Geschäftsjahr 2019 machte Bombardier einen Nettoverlust von 1,5 Milliarden Euro, im Vorjahr hatte das Unternehmen noch 292 Millionen Euro verdient. Der Umsatz ging um drei Prozent auf 14,5 Milliarden Euro zurück.

Vor der Bilanzvorlage hatte Bombardier bereits bekanntgegeben, aus seinem letzten großen Flugzeugprogramm auszusteigen. Airbus und die kanadische Provinz Québec übernehmen Bombardiers verbliebenen Anteil an den Gemeinschaftsunternehmen für den Kurz- und Mittelstreckenjet A220.

Braunschweiger Bombardier-Betriebsrat würde für den Standort kämpfen

Zu möglichen Konsequenzen einer Übernahme der Zugsparte durch Alstom für die drei Standorte der beiden Konzerne in unserer Region wollten sich die Unternehmen ebenfalls nicht äußern. Der Betriebsratsvorsitzende des Braunschweiger Bombardier-Standorts, Uwe Schmieder, wirkte am Donnerstag verhalten optimistisch. „Wir hier am Standort sind eigentlich in einer relativ guten Situation.“ In Braunschweig wurde eine Restrukturierung bereits vor zwei Jahren abgeschlossen: Inzwischen beschäftigt der Standort nur noch rund 85 Mitarbeiter – nach zuvor 135. „Wir sind schon schlanker geworden, und die Auftragsbücher füllen sich wieder“, berichtete Schmieder.

Die Braunschweiger entwickeln, vertreiben und installieren elektronische Stellwerke, laut Schmieder ist es Bombardiers deutscher Standort für das Stellwerkgeschäft. Alstom biete dies nicht an, der Braunschweiger Bombardier-Standort könnte also eine Ergänzung des Alstom-Portfolios darstellen. Dennoch treibt den Betriebsratschef eine gewisse Sorge um den Standort und vor einem weiteren Stellenabbau um. „Wir würden natürlich für den Standort und die Mitarbeiter kämpfen.“

Salzgitteraner Alstom-Betriebsrat: Ein Kauf wird immer Köpfe kosten

Der Betriebsratschef des Salzgitteraner Alstom-Werks, Thomas Ueckert, zeigte sich am Donnerstag „völlig überrascht“ von den Übernahmeplänen. „Das war nie ein Thema für uns.“ Falls es tatsächlich dazu komme, müssten die Arbeitnehmervertreter die Situation und möglichen Folgen erst einmal prüfen, zum Beispiel wo sich das Produktportfolio überschneide. Klar sei aber schon jetzt, dass die Übernahme nicht mit der geplanten Fusion mit der Siemens-Zugsparte vergleichbar wäre, die die EU vor einem Jahr aus Wettbewerbsgründen untersagt hatte. „Ein Kauf ist keine Fusion und wird immer Köpfe kosten“, stellte Ueckert klar. Zudem sei fraglich, was es bedeute, ein so angeschlagenes Unternehmen zu übernehmen.

Um wettbewerbsfähiger zu werden, müssen die Alstom-Mitarbeiter schon jetzt herbe Einschnitte hinnehmen. In Salzgitter, Braunschweig und Berlin sollen bis 2023 insgesamt rund 600 Arbeitsplätze sozialverträglich abgebaut werden, im Herbst gab es noch etwa 2300. Grund: Die Werke werden in diesem Jahr nicht ausgelastet sein. Um Massenentlassungen zu verhindern, verzichten die verbleibenden Mitarbeiter auf Geld. Außerdem beginnen für rund 1300 Beschäftigte bald zwölf Monate Kurzarbeit. Das Werk Salzgitter ist das weltweit zweitgrößte Alstom-Werk, der Service-Standort Braunschweig hatte zuletzt etwa 150 Mitarbeiter.

Konzerne führten schon früher Gespräche

Vor den Fusionsplänen mit Siemens hatten Alstom und Bombardier schon einmal Gespräche geführt. Bereits nach dem Aus der Fusionspläne spekulierten Analysten über einen Zusammenschluss von Alstom mit Bombardier. 2017 hatte es außerdem Spekulationen gegeben, Bombardier und Siemens könnten ihre Zugsparten zusammenlegen.

Der Deal zwischen Alstom und Bombardier könnte allerdings ebenfalls auf Widerstand der Kartellbehörden stoßen. Alstoms Zusammenschluss mit der Siemens-Bahnsparte hatten die Aufseher trotz Warnungen vor einer zunehmenden Bedrohung durch chinesische Konkurrenz gestoppt.

Alstom hatte zuletzt Aufträge für 3,6 Milliarden Euro erhalten, darunter ein Großauftrag für das Schienennetz der australischen Metropole Perth, wie der Konzern Mitte Januar mitteilte. Damit verzeichnete das Unternehmen den höchsten Wert in einem Quartal im laufenden Geschäftsjahr.

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