„Tierbestand zu mindern darf kein Tabu sein“

Braunschweig.  Wie Klimaschutzziele für die Landwirtschaft umgesetzt werden können, diskutieren Politik, Wissenschaft und Agrarwirtschaft auf einer Fachtagung.

Zwei Kühe auf einer Weide bei Fischerhude in Niedersachsen.

Zwei Kühe auf einer Weide bei Fischerhude in Niedersachsen.

Foto: Ingo Wagner / dpa

Strengere Klimaschutzvorschriften werden kommen, und darauf wird sich neben den Sektoren Verkehr, Industrie oder Energiewirtschaft auch die Landwirtschaft einstellen müssen. Wie ihr mehr Klimaschutz gelingen kann, darüber tauschten sich rund 250 Teilnehmer aus Politik, Wissenschaft und Landwirtschaft am Dienstag auf einer Fachtagung im Thünen-Institut in Braunschweig aus. Eingeladen dazu hatte die Landwirtschaftskammer Niedersachsen gemeinsam mit dem Institut.

Wolfgang Zornbach vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft stellte fest, dass Landwirtschaft zugleich „Täter“ und „Opfer“ des Klimawandels sei. Weltweit verantworte sie mit der Forstwirtschaft zusammen ein Viertel der Treibhausgas-Emissionen. In Deutschland mache der Anteil elf Prozent der Emissionen aus. Andererseits litten die Landwirte unter den zunehmenden Extremwetterereignissen. Es gehe deshalb für den Bauern um zwei Dinge: um eine Anpassung an den Klimawandel sowie um den Schutz des Klimas. Einen Zahn zog Zornbach Zuhörern aber gleich: CO2-frei werde Landwirtschaft niemals werden. Das bekräftigte auch Gerhard Schwetje, Präsident der Landwirtschaftskammer: „Die Emissionen der Landwirtschaft beruhen größtenteils auf natürlichen Prozessen. Eine klimaneutrale Milchproduktion kann es nicht geben.“

Prof. Heinz Flessa, Leiter des Instituts für Agrarklimaschutz am Thünen-Institut, machte auf der Tagung deutlich, welche Anstrengungen von der Landwirtschaft nichtsdestotrotz verlangt werden. So habe sich Deutschland international verpflichtet, seine Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 um 55 Prozent bis 2030 zu verringern, um einen weltweiten Temperaturanstieg um mehr als 1,5 Grad Celsius zu verhindern. Der Anteil der Agrarwirtschaft soll um 31 bis 34 Prozent zurückgehen – also um ein Drittel. Zornbach betonte, wie sportlich das ist: „Bis dahin sind es nur noch zehn Jahre!"

Laut Schwetje hat die niedersächsische Landwirtschaft in den vergangenen 30 Jahren, also seit 1989, ihre Emissionen quasi gar nicht reduziert – dafür ist ihre Produktionsmenge aber ungleich angestiegen. So würden im Vergleich zu 1990 etwa vier Mal so vier Hähnchen produziert und 30 Prozent höhere Pflanzenerträge erwirtschaftet. Kammer-Präsident Schwetje folgert daraus, dass Deutschland Lebensmittel mit einem verhältnismäßig kleinen CO2-Fußabdruck produziere. Es sei „grundfalsch“, jetzt Kapazitäten aus „vermeintlichen Klimaschutzgründen“ herunterzufahren – allein schon wegen der wachsenden Weltbevölkerung.

Sei’s drum, dass Zornbach in seinem Vortrag zuvor erwähnt hatte, dass weltweit ein Drittel aller produzierten Lebensmittel weggeworfen werde. „Wenn wir in Deutschland die Produktion zurückfahren, muss andernorts umso mehr erzeugt werden“, sagte Schwetje mit Blick auf die Exportnation Deutschland. Flessa fragte jedoch, wie viel landwirtschaftliche Exporte sich Deutschland nach ökologischen Gesichtspunkten leisten wolle?

Landwirtschaft größter Verursacher von Lachgas, Ammoniak und Methan

Wie Flessa in seinem Vortrag erläuterte, ist die Landwirtschaft in Deutschland der größte Verursacher von gleich mehreren klimaschädlichen Gasen: Lachgas (81 Prozent), Methan (60 Prozent) und Ammoniak (95 Prozent). Um Lachgas-Emissionen zu mindern, sei der wichtigste Ansatz, stickstoffhaltigen Dünger so effizient wie möglich einzusetzen.

Ammoniak-Emissionen muss Deutschland nach Vorgaben der EU bis 2030 um 29 Prozent reduzieren. Die Emissionen stammen aus der Tierhaltung – die Ausscheidungen der Tiere enthalten hohe Anteile an Ammoniumstickstoff, der bei Kontakt mit der Atmosphäre in Ammoniak umgewandelt wird. Fast die Hälfte kommt aus der Rinderhaltung. Die Emissionen entstehen etwa bei der Ausbringung und Lagerung von Gülle, Gärresten und Mist.

Laut Flessa stehen zahlreiche „technisch-organisatorische Maßnahmen“ zur Verfügung, um in diesem Bereich Emissionen zu reduzieren. Eine, die beispielsweise die neue Düngeverordnung vorsieht, ist die schnelle Einarbeitung von Gülle in den Acker. Staatssekretär Rainer Beckedorf vom niedersächsischen Landwirtschaftsministerium forderte in diesem Zusammenhang, die Düngeverordnung konsequent umzusetzen.

Methan-Emissionen aus der Gülle-Lagerung können nach Angaben Flessas deutlich verringert werden, wenn man tierische Ausscheidungen für die Biogasproduktion nutzt. Für die durch die Verdauung von Kühen verursachten Methan-Emissionen gibt es offenbar noch keinen vielversprechenden Minderungs-Ansatz – bis auf die Reduktion des Tierbestands. Die dürfe kein Tabuthema sein, sagte Flessa.

Neben dem optimierten Stickstoffmanagement ist auch die Wiedervernässung von Moorgebieten wesentlich, um die angestrebten Klimaschutzziele zu erreichen, wie Flessa erläuterte. Moore mit ihrem Torf sind CO2-Speicher und setzen zugleich bei Trockenlegung Unmengen von Kohlenstoffdioxid frei. Laut Staatssekretär Beckedorf werden 70 Prozent der Fläche der Moore und weiterer kohlenstoffreicher Böden in Niedersachsen landwirtschaftlich genutzt. Sie sind demnach Basis der intensiven Milchviehhaltung und leisten damit auch einen „beachtlichen Beitrag zur Wertschöpfung“. Die Flächen würden aber zugleich hohe CO2-Emissionen aufweisen. Laut Beckedorf resultieren aus der landwirtschaftlichen Nutzung zusätzlich etwa 10 Millionen Tonnen Treibhausgase, das seien 35 bis 40 Prozent der gesamten Emissionen der Landwirtschaft in Niedersachsen. „Insofern müssen wir uns diesem Thema in Niedersachsen stellen“, sagte der Staatssekretär.

Dafür gebe es bereits verschiedene Projekte, die dem Torfschwund in Moorböden entgegenwirken sollen. Thünen-Institutsleiter Flessa äußerte sich etwas deutlicher: „Moorschutz wird nur bei einer vollständigen Wiedervernässung der Flächen, die die herkömmliche landwirtschaftliche Nutzung ausschließt, erreicht.“ Damit das passiert, sehe er eigentlich nur eine Möglichkeit: Den „Rauskauf“ solcher Flächen durch die Politik.

Welche detaillierten Pläne die Bundesregierung in Sachen Klimaschutz hat, wollte eigentlich Zornbach vom Bundeslandwirtschaftsministerium darstellen. Aber das Klimaschutzgesetz sei schlicht noch nicht fertig, sagte er. Unter anderem seien mit den Themen Moore und Braunkohle noch dicke Bretter zu bohren. Man diskutiere noch intensiv. Das Ministerium habe aber einen Zehn-Punkte-Plan vorgeschlagen, mit dem die Klimaziele bis 2030 erreicht werden könnten. Diese Maßnahmen sollen so weit wie möglich freiwillig – also mit Fördergeldern –, kostenneutral und synergien-nutzend umgesetzt werden, betonte Zornbach. Bernhard Osterburg, Leiter der Stabsstelle Klima und Boden beim Thünen-Institut, stellte in seinem Vortrag jedoch die Frage, wie sinnvoll Freiwilligkeit beim Klimaschutz ist. „Fällt die Förderung weg, fällt auch der Klimaschutz weg“, erklärte er. „Wollen wir also wirklich Freiwilligkeit oder eine Transformation?“

Die Frage steht vielleicht symptomatisch für die Fachtagung: Sie bewegte sich im Spannungsfeld wissenschaftlicher Erkenntnisse, politischer Machbarkeit und wirtschaftlicher Zwänge der Landwirtschaft. Dass hier alle Akteure aufeinandertrafen, um diese verschiedenen Ansprüche unter einen Hut zu bringen, könnte für den Klimaschutz in der Landwirtschaft Hoffnung machen.

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