"Diese Woche"-Podcast: Impf-Überraschung

Braunschweig.   Chefredakteur Armin Maus spricht im Podcast "Diese Woche" über den Impfstoff von Astrazeneca und die Impfreaktionen in Braunschweig.

Lesedauer: 5 Minuten
Der Impfstoff von Astrazeneca, sehnlich erwartet, hat in Braunschweig zu Impfreaktionen geführt, die weit über das erwartete Maß hinausgingen. 

Der Impfstoff von Astrazeneca, sehnlich erwartet, hat in Braunschweig zu Impfreaktionen geführt, die weit über das erwartete Maß hinausgingen. 

Foto: Jakob Studnar / FUNKE Foto Services

Das hat uns gerade noch gefehlt. Der Impfstoff von Astrazeneca, sehnlich erwartet, hat in Braunschweig und anderswo zu Impfreaktionen geführt, die weit über das erwartete Maß hinausgingen. Dass der Körper auf die Impfung reagiert, ist normal. Ihr Sinn ist es ja gerade, das Immunsystem gegen den Erreger aufzustacheln. Dass eine Impfung Müdigkeit und manches andere auslösen kann, weiß jeder, der einen der Klassiker hinter sich hat – gegen Pocken oder Masern etwa. Die Frage ist, warum das Vakzin von Astrazeneca den Rahmen sprengt.

Berufene vom Gesundheitsminister bis zum Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie treten den Sorgen entgegen. Astrazenecas Wirkstoff sei wirksam und gesundheitlich vertretbar. Und der im Vergleich zu Biontech und Moderna geringere Schutz sei kein Grund, diese Impfung auszulassen. Sie sei „um ein Vielfaches besser als keine Impfung“, sagt Generalsekretär Watzl.

Tatsächlich hat ja auch die klassische Impfung nie 100-prozentige Wirkung. Bei der Grippeschutzimpfung wird eine Quote von 60 Prozent genannt. Das war vielen von uns nur nicht bewusst. Impfung ist gleich Schutz, das gehörte zum Küchenwissen jeder Familie. Es war aber nie so.

Die Fachleute sehen keinen Grund, von der bisherigen Impfpraxis abzuweichen. Der allgegenwärtige SPD-Politiker Karl Lauterbach wollte eigentlich ab kommender Woche in einem Leverkusener Zentrum als Impfarzt arbeiten und sich, „wie alle Mitglieder des Impfzentrums, natürlich mit Astrazeneca impfen lassen“. Die beunruhigende Nachricht aus dem Herzogin-Elisabeth-Hospital und vielen anderen Einrichtungen hatte dennoch Folgen. Beschäftigte im Pflegedienst stornierten ihre Impftermine, in Braunschweig und anderswo. Plötzlich sind Impftermine frei, wo gerade noch lange Wartelisten geführt wurden. Die Sorge ist groß, man würde mit dem Vakzin gesundheitliche Schäden riskieren.

Diesen Bedenken kann man nicht nur mit strammer Haltung begegnen. Es muss dringend transparent werden, warum der neue Wirkstoff deutlich heftigere Reaktionen auslöst, als bisher angenommen worden war. Er wird bisher nur Männern und Frauen unter 65 empfohlen, weil für die Wirksamkeit bei älteren Mitbürgern ausreichende Daten fehlen. Die Zahl der Testpatienten aus dieser Altersgruppe war zu gering. Ist das vielleicht nicht die einzige Lücke im Zulassungsverfahren? Man will es nicht wünschen, weil die Impfkurve nur mit dem dritten Wirkstoff so steil steigen kann, wie es nötig ist.

Manche haben sich und uns gefragt, warum wir über die Impfreaktionen so umfangreich berichtet hätten, immerhin als Aufmacher auf der Titelseite. Es sei auch so schon schwer genug, skeptische Menschen zur Impfung zu bewegen. Die Antwort ist schnell gegeben: Die Massivität der Impfreaktion ist eine wichtige Nachricht. Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, das ganze Bild zu sehen, von den Erfolgen der Impfungen zu erfahren, aber auch von Problemen. Wer Bedenken entkräften will, muss glaubwürdige Beweise vorlegen und darf nicht auf schweigende Journalisten hoffen.

Es gibt ja einen Unterschied zwischen der Beschreibung dessen, was ist, und der Herbeirufung der Katastrophe. Dass Journalisten schlechte Nachrichten lieben, ist ein Gerücht, das so langlebig wie falsch ist. Mir persönlich sind in den letzten Tagen zu viele Virologen auf die mediale Bühne getreten, die die Perspektiven in Schwarz malten. Hatten wir nicht gerade gehört, dass das Virus unglaublich schlecht zu berechnen sei? Und dann weiß man plötzlich, dass die nächste, verheerende Welle droht? Mäßigung ist geboten. Denn jede wissenschaftliche Bewertung hat Folgen. Sie prägt die Entscheidungen der Regierungen des Bundes und der Länder. Sie hat massive Auswirkungen.

Ich hatte diese Woche ein langes Gespräch mit einer sehr tüchtigen Friseurmeisterin. Sie schilderte mir, wie es ihr in den zehn Wochen des Lockdowns ging. Die Hygienevorschriften hatten sie und ihre Mitarbeiterinnen vorbildlich umgesetzt – ich kann es bezeugen. Dann kam das Arbeitsverbot. Wie alle musste sie das Kurzarbeitergeld ihres Teams vorstrecken, von der Überbrückungshilfe hat sie noch nichts gesehen. Die Miete läuft aber weiter. Sie bekommt nur drei Viertel ihrer Fixkosten ersetzt, bei ihrem Lebensunterhalt hilft ihr keiner. Und wie ihre Friseurinnen mit dem Kurzarbeitergeld zurechtkommen? Zwei Drittel von einem Gehalt zwischen 1300 und sehr selten einmal 1800 Euro reichen hinten und vorne nicht.

Diese tapfere Handwerkerin ist alles andere als eine Jammerliese. Aber sie gesteht, dass sie Tränen vergossen hat und erst wieder Mut schöpfte, als sie von der Öffnung ab dem 1. März hörte. Auf eine solche Chance hoffen auch viele andere Branchen.

Die Regierungsverantwortlichen müssen eine vertretbare Balance finden zwischen dem, was perfekte Pandemiebekämpfung wäre, und dem, was unsere Wirtschaft und Gesellschaft aushalten. Das ist harte Arbeit, für die sie selten Beifall ernten. Dabei ist der Kampf gegen die Pandemie in Deutschland um einiges erfolgreicher verlaufen als in vielen anderen Ländern.

Wenn es jetzt gelingt, endlich die Corona-Hilfen zu den Empfängern zu bringen, wenn sich Sorgen um Astrazeneca als unbegründet erweisen und wir uns auf ein intelligentes Konzept wie den niedersächsischen Stufenplan verständigen könnten – dann wäre für die nächsten Wochen viel gewonnen.

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Hinweis: Dieser Text wurde aktualisiert.

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