"Diese Woche"-Podcast: Mehr Licht, weniger Kälte

Braunschweig.  Chefredakteur Armin Maus spricht im Podcast "Diese Woche" über das Impfchaos. Er sagt: Gut informierte Bürger durchschauen das Schwarze-Peter-Spiel.

Lesedauer: 5 Minuten
An der Impfstrategie gibt es aktuell viel Kritik.

An der Impfstrategie gibt es aktuell viel Kritik.

Foto: Marijan Murat / dpa

Mit dem Schnee schien etwas Licht in diese Woche zu kommen – und das nicht nur, weil das lang ersehnte Weiß die Sonne reflektiert. Die Corona-Zahlen sinken deutlich und halbwegs stetig. Es wird endlich auch besondere Hilfen für die Schwächsten der Gesellschaft geben. Und in das Impfchaos kommt ganz langsam eine gewisse Ordnung.

Dabei stoßen wir allerdings auf ernüchternde Erkenntnisse. Die EU hat für ihre Mitgliedsländer sehr sparsam verhandelt und zurückhaltend bestellt. Deshalb werden selbst hier produzierte Impfstoffe häufig anderswo eingesetzt. Dass einzelne Verantwortliche in Deutschland auf diesen politisch-administrativen Fehler mit der Forderung reagierten, man solle die Hersteller härter rannehmen, ist erstaunlich. Wer die Reihe der auf Brüssel zeigenden Zeigefinger abschreitet, mag sich übrigens überlegen, ob Brüssel wohl erstmals ohne Zutun der Regierungen der Mitgliedsstaaten gehandelt hat.

Gut informierte Bürger durchschauen das Schwarze-Peter-Spiel. Der (Wieder-) Aufbau von Vertrauen gelingt ganz besonders in diesem Fall nur durch Eingeständnis des eigenen Anteils am Fehler und die Arbeit an seiner Behebung.

Mit gemischtem Landesstolz müssen wir feststellen, dass Niedersachsen seine ganz eigene Handschrift entwickelt, im Guten wie im Schlechten. So ist der Stufenplan, den die Landesregierung in schöner Koalitionseintracht vorstellte, ein offensichtlicher Fortschritt. Die Mechanik der Pandemie-Bekämpfung wird deutlich feiner, ihre Intelligenz nimmt zu. Was Stephan Weil und Bernd Althusmann da präsentierten, könnte Vorbildcharakter bekommen.

Umso ärgerlicher, dass bei der Organisation der Impfungen schwere Fehler zu beklagen sind. Erst schickt die Landesregierung auf Basis veralteter Daten Impf-Einladungen an Verstorbene, zum Schmerz der Hinterbliebenen. Man habe den bürokratischen Aufwand einer Abfrage bei den Einwohnermeldeämtern gefürchtet, erklärt das Sozialministerium. Und dann stranden Zehntausende von alten Menschen in den Warteschleifen überlasteter Impftermin-Hotlines. Bis in diese Woche kamen trotz langer Wartezeiten längst nicht alle durch, die sich einen Termin sichern wollten.

Man muss sich die Lage derer versetzen, die da hängenblieben: Es sind alte Menschen, häufig verunsichert und längst nicht so belastbar wie diejenigen, die diese Zumutung zu verantworten haben. Ja, es war schwierig, so viele Anrufe entgegenzunehmen. Aber der Engpass war selbst gemacht. Leserinnen und Leser unserer Zeitung haben in dieser Woche auf unserer Leserseite berechtigte Hinweise gegeben, wie intelligente Terminvergabe hätte aussehen können.

Der Murks ist zu groß, um ihn mit einem verlegenen Räuspern abzutun. Zu einem klaren Bekenntnis eigener Versäumnisse hat sich in Niedersachsen aber bisher niemand bereitgefunden. Ist das nur schlechter Stil oder Ausdruck fehlender selbstkritischer Erkenntnis? Peinlich ist es allemal.

Am Ende ist fast alles eine Frage der Haltung. Wie man in einer konkreten Situation mit Menschen umgeht, ist sehr häufig Ausdruck einer Einstellung, die viel tiefer reicht. Es war in diesem Sinne ein lichtgebender Moment, jetzt die Weiterentwicklung der Evangelischen Stiftung Neuerkerode zu beobachten. Das Sozialunternehmen mit seinen 2800 Beschäftigten und 200 Ausbildungsplätzen ließ sich als „Zukunftgeber“ zertifizieren. Mit dieser Initiative geben der Arbeitgeberverband Region Braunschweig und die Allianz für die Region Unternehmen die Möglichkeit, ihre Attraktivität als Arbeitgeber zu prüfen, zu entwickeln und zu zeigen. In diesem Prozess, der so schlank ist, dass ihn auch kleinere Unternehmen bewältigen können, aber so tief geht, dass er zu aussagekräftigen Ergebnissen führt, zeigten sich die Früchte harter Arbeit: Die Evangelische Stiftung Neuerkerode, namentlich ihr Vorstandsvorsitzender Rüdiger Becker, ist einer der Vorkämpfer für Tarifverträge in der Gesundheitsbranche. Nur so, lautet die Überzeugung der Personalleiterin Jessica Gümmer-Postall, kann harte und verantwortungsvolle Arbeit auf Dauer attraktiv bleiben. Wettbewerbsnachteile gegenüber nicht tarifgebundenen Anbietern nimmt die Stiftung in Kauf, weil ihr die Haltung wichtiger ist: Sie sieht Leistung und den Respekt vor der Würde der Betreuten und der Betreuenden als unteilbares Ganzes. Die Evangelische Stiftung, zu der neben der Keimzelle Neuerkerode mit dem Braunschweiger Marienstift eines der traditionsreichsten Krankenhäuser gehört, hat magnetische Wirkung. Die Gesundheitsdienste Lukas-Werk gehören ebenso dazu wie die Diakoniestationen Braunschweig, Gifhorn, Harz-Heide und Goslar, vier Seniorenwohneinrichtungen, das Dienstleistungsunternehmen Mehrwerk oder die gemeinnützige GmbH Sprössling, die Schulverpflegung anbietet. Das Gemeinsame dieser Unternehmungen wird seit dieser Woche durch einen neuen, klug gestalteten Markenauftritt als „ESN-Netzwerk“ sichtbarer. Die Basis, das wissen alle, ist aber nicht eine hübsche Graphik: Es ist die menschenfreundliche Basis. Sie macht dieses und andere diakonische Unternehmen im Übrigen zu guten Botschaftern einer christlichen Botschaft, der im engeren kirchlichen Kontext ganz offensichtlich immer weniger kraftvolle Stimmen zu Gebote stehen.

Man wünscht sich viele Unternehmen und Unternehmer, die sich diesem Beispiel in Offenheit nähern. Das Modell Neuerkerode ist nicht nur ethisch überzeugend, sondern auch wirtschaftlich erfolgreich – und damit eine der Lichtquellen, die unsere Region zuverlässig erhellen.

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