Gemeinde Vechelde – Grüne nennen Tops und Flops

Vechelde.  Die Partei lobt die Wedtlenstedter Grundschule, kritisiert aber die Gemeindeverwaltung und die Versiegelung.

Die Versiegelung durch Neubaugebiete wie dieses – „In den Kühläckern“ in Wahle – kritisieren die Bündnisgrünen.

Die Versiegelung durch Neubaugebiete wie dieses – „In den Kühläckern“ in Wahle – kritisieren die Bündnisgrünen.

Foto: Archiv

Blick zurück: 1974 hat die Gemeinde Vechelde ihre Arbeit aufgenommen. Seitdem hat die Peiner Ostkreisgemeinde einen erstaunlichen Wandel durchgemacht – von der „Schulden-Gemeinde“, vom „Schmuddelkind“ zur Vorzeige-Kommune mit der kreisweit besten Finanzsituation. Gute, aber auch schlechte Entscheidungen sind in den zurückliegenden Jahrzehnten gefällt worden – das wird je nach politischer Couleur sicherlich unterschiedlich bewertet. Unsere Zeitung befragt die im Gemeinderat vertretenen Parteien nach den Tops (Erfolge) und Flops (Misserfolge) in der Geschichte der Gemeinde – nach der SPD und der CDU nun die Bündnisgrünen in Person von Doris Meyermann: Die Wedtlenstedterin ist Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Gemeinderat – als Tops zählt sie auf:

• Betreuung und Bildung: Der Bau der Grundschule Wedtlenstedt (Start im August 1997) erweist sich laut Doris Meyermann sich als Top. „Ende 1993 haben Martina Goetzke und ich mit einer Unterschriftenaktion für eine Grundschule in Denstorf oder Wedtlenstedt begonnen, da der Vechelder Standort aus allen Nähten platzte“, erinnert sich die Fraktionschefin. Anfang 1994 gründete sich eine Elterninitiative, zu der auch Andreas Meyer gehört habe – die Drei bilden heute mit Claudia Wilke die Gemeinderatsfraktion der Grünen. „Dies ist ein wunderbares Beispiel für Partizipation und bürgerschaftliches Engagement“, ist Doris Meyermann überzeugt. 2001 erfolgte die erste Erweiterung der Wedtlenstedter Grundschule, in diesem Jahr soll die zweite folgen. „Zudem sehen wir den Erhalt der Grundschulstandorte Bettmar/Sierße als sehr positiv an“, setzt sie hinzu. Die Ganztagsbetreuung der Grundschüler – nach Bedarf auch montags und freitags – sei „kinder- und familienfreundlich“. Zudem: „In Vechelde sind alle Schulabschlüsse möglich vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur – ein großer Standortvorteil für die Gemeinde.“ Doris Meyermann räumt ein: „Wenngleich wir die intensiven Baulandausweisungen in der Gemeinde sehr skeptisch sehen, muss positiv bewertet werden, dass der Rechtsanspruch auf einen Kindergarten- oder Krippenplatz nahezu erfüllt wird, und durch den Bau weiterer Einrichtungen dem Bedarf entsprochen werden soll.“

• Leben und Versorgung: „Für die Entlastung des innerörtlichen Verkehrs in Vechelde hat sicher die Umgehungsstraße gesorgt, wenngleich nicht in dem erhofften Ausmaß“, meint Doris Meyermann. Die vielfältigen Einkaufsmöglichkeiten im Kernort Vechelde böten reichhaltige Angebote für fast alle Lebensbedarfe und könnten Fahrten in benachbarte Städte vermeiden: „Auch die Allgemein- und Fachärzte bieten noch eine gute Versorgung und lassen umliegende Gemeinden durchaus neidvoll nach Vechelde schauen.“ Für pflegebedürftige Menschen sei durch mehrere Seniorenheime/Pflegeheime gesorgt. „Die energetische stilvolle Sanierung des Rathauses in Vechelde ist gut gelungen“, lobt die Grüne. Die Polizei im Kernort und die Freiwillige Feuerwehren auch auf den Dörfern böten Sicherheit. Diverse Sportvereine und Fitness-Center sorgten für körperliche Ausgleich. Gefeiert werden könne außer in Gaststätten oder im Hotel auch in Dorfgemeinschaftshäusern und im Bürgerzentrum. Doris Meyermann ist überzeugt: „Verbunden mit dem guten Öffentlichen Nahverkehr per Bahn und Bus – aus vielen Dörfern zu den benachbarten Großstädten – bietet die Gemeinde Vechelde richtig gute Lebensbedingungen für Jung und Alt.“

Darüber hinaus nennt Doris Meyermann diese Flops:

• Aufenthalt: Die Grüne erinnert, der Verlust der Identität der Bevölkerung mit ihrem jeweiligen Heimatdorf sei eine „Folge des Wachstums und der Zentralisierung im Kernort Vechelde“. Auch das bürgerschaftliche Engagement – etwa im Vechelder Kulturverein, im Ersten Energie- und Umweltzentrum (EVEU) oder in der Bürgerinitiative (BI) „Schacht Konrad“ – sei längst beendet, die Themen auf Verwaltung oder Profi-Organisationen übergegangen. Doris Meyermann kritisiert allerdings: „Partizipation der Bürger und die ernst gemeinte Aufforderung zum selbstständigen Mitmachen gehen von der Gemeindeverwaltung nicht aus.“ Dort seien sie „zu sehr darauf bedacht, alle Entwicklungen zu kontrollieren und bürokratischen Vorgaben unterzuordnen“. Wenig transparente Entscheidungen und eine „oft verletzende und arrogante Kommunikation“ hätten keine Lust aufs Ein- und Mitmischen gemacht. Weiterhin seien die Bürger der Gemeinde in der „Holpflicht“: „Einen automatischen Newsletter der Gemeinde an alle Einwohner mit wichtigen Infos – auch vor Entscheidungen – fordern wir seit langer Zeit“, stellt Doris Meyermann fest: „Wir vermissen einen öffentlichen Wohlfühlfaktor in der Gemeinde – öffentliche Plätze mit Flair und Aufenthaltsqualität statt versiegelter/bewirtschafteter Flächen sowie statt Monument am Vechelder Bahnhof und Strickliesel am Vechelder Dornbergcarree.“

• Gemeindeentwicklung, Baugebiete und Umwelt- und Naturschutz: Vechelde ist laut Doris Meyermann „sehr schnell gewachsen: „Große Bau- und Gewerbegebiete sind entstanden, riesige Flächen versiegelt – leider ohne Gemeindeentwicklungskonzept.“ Auswirkungen auf Krippe, Kindergarten, Schulen, Verkehr und weitere Infrastrukturbedarfe seien nicht bedacht worden und müssten aus dem Boden gestampft werden. „Berechtigte Wünsche der Eltern können oft nicht erfüllt werden – den rechtlichen Vorgaben kann aber noch entsprochen werden“, sagt Doris Meyermann. Auch alte Dorfkerne mit historischem Häuserbestand würden nicht per Satzung geschützt und verschwänden für oftmals gesichtslose Neubauten. In den meisten Dörfern gebe es keine Nahversorgung mehr und damit keinen Klön- und Treffpunkt. Die Hildesheimer Straße in Vechelde – vor allem zwischen Kreuzung und Bahnhof – sei zu einem „gefährlichen Nadelöhr“ geworden, das bereits ein Todesopfer gefordert habe. Ein genehmigungsfähiges nachhaltiges Verkehrsberuhigungskonzept für ein ungefährdetes gleichberechtigtes Miteinander aller Verkehrsteilnehmer fehle immer noch. Meyermann: „Gut ausgebaute Fahrradwege, die die gesamte Gemeinde verbinden, suchen wir vergeblich – auch ein Konzept dafür.“ Der Grünen-Antrag, den Klimanotstand auszurufen und alle Vorhaben einem entsprechenden Konzept unterzuordnen, habe im Rat keine Mehrheit gefunden: „Unsere Welt kollabiert, und wir schauen zu.“ Zur Fürsorge für Kinder und Enkel gehöre auch ein konsequentes Vorgehen gegen Schottergärten. Beim Natur- und Umweltschutz ginge deutlich mehr. Blühende, naturbelassene Flächen als Labsal fürs Auge und Futter für Insekten hätten laut den Grünen mehr Platz verdient. Ausgleichsflächen für die großen Baugebiete werden ausgewiesen, aber „sie sind nicht wirklich sichtbar – außer in Wierthe“.

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