Region: 61.000 Vollzeitbeschäftigte arbeiten für Niedriglohn

Braunschweig.  Im Landkreis Helmstedt ist fast jeder Dritte ein Geringverdiener, in Salzgitter hingegen nur jeder Zehnte – in Wolfsburg sogar nur jeder Zwanzigste.

In knapp 84 Prozent der Landkreise in Niedersachsen liegt das mittlere monatliche Gehalt unter dem bundesdeutschen Schnitt von 3400 Euro.

In knapp 84 Prozent der Landkreise in Niedersachsen liegt das mittlere monatliche Gehalt unter dem bundesdeutschen Schnitt von 3400 Euro.

Foto: dpa

Diese Zahlen lassen mitten in der Corona-Krise aufhorchen: In Niedersachsen arbeitet schon jetzt jeder fünfte Vollzeitbeschäftigte zum Niedriglohn und verdient somit weniger als 2267 Euro brutto im Monat. Insgesamt 380.000 Beschäftigte sind davon betroffen. Diese Geringverdiener erhalten weniger als zwei Drittel des mittleren Einkommens von 3400 Euro brutto pro Monat für Vollzeitbeschäftigte.

Damit schneidet Niedersachsen mit einem Anteil an Geringverdienern von 20,1 Prozent in Westdeutschland nach Schleswig-Holstein mit 21,1 Prozent am schlechtesten ab. Bundesweit liegt der Schnitt bei 18,8 Prozent.

Linken-Abgeordnete: Zahlen sind alarmierend

Diese Daten gehen aus einer Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage der Linken-Bundestagsabgeordneten Susanne Ferschl aus Bayern sowie ihrer Parteifreundin Jutta Krellmann aus Niedersachsen und anderen Abgeordneten der Linken-Bundestagsfraktion hervor. Die Antwort liegt unserer Zeitung vor. Die Zahlen sind laut Krellmann schon jetzt alarmierend. Dabei war der Stichtag – der 31. Dezember 2019 – noch vor der Corona-Pandemie.

Studie: Corona-Helden werden schlecht bezahlt

Schon jetzt legen die Daten Probleme aber schonungslos offen. So gibt es in Niedersachsen und vor allem in unserer Region mit Blick auf die Vollzeitbeschäftigten eine große Schere zwischen ärmeren Landkreisen und reicheren kreisfreien Städten. Insgesamt arbeiten in unserer Region knapp 61.000 Vollzeitbeschäftigte schon jetzt zu einem Niedriglohn.

Anzahl der Geringverdiener in Helmstedt besonders hoch

Der Anteil der Geringverdiener ist in Helmstedt mit 28,1 Prozent besonders hoch, gefolgt von den Kreisen Goslar (25,1), Peine (24,1) und Wolfenbüttel (22,1). Sie liegen alle über dem Landesschnitt und zum Teil weit über dem Bundessschnitt. In den Landkreisen unserer Region gibt es in Gifhorn (18,6 Prozent) und Göttingen (18,9) noch einen vergleichsweise moderaten Anteil an Geringverdienern.

Ganz anders ist die Situation in den kreisfreien, großen Städten unserer Region. In Braunschweig liegt der Anteil der Vollbeschäftigten, die für einen Niedriglohn arbeiten, nur bei 16,6 Prozent. In Salzgitter (10,3) ist fast nur jeder Zehnte, in Wolfsburg mit 6,3 Prozent gar fast nur jeder Zwanzigste betroffen. Wolfsburg und Salzgitter belegen damit die beiden Spitzenplätze in Niedersachsen, der Landkreis Helmstedt nach Cloppenburg und Wittmund hingegen den drittletzten Platz.

Starke Schwankungen in den vergangenen Jahrzehnten beim Niedriglohn

Derzeit leben zwischen Harz und Heide wie gesagt insgesamt knapp 61.000 Beschäftigte von einem Niedriglohn. Die Zahlen des Bundesarbeitsministeriums zeigen, dass es in den vergangenen Jahrzehnten starke Schwankungen gab. Vor zehn Jahren arbeiteten noch 66.653 Vollzeitbeschäftigte in unserer Region für einen Niedriglohn. Weitere zehn Jahre zuvor waren es allerdings nur 52.827.

Die Corona-Pandemie dürfte wieder für eine Steigerung sorgen. Schon jetzt sind Tausende von Arbeitnehmern in unserer Region in Kurzarbeit – vor allem die Gastronomie betrifft das. Knapp zwei Drittel der Vollzeitbeschäftigten in der Gastronomie erhielten schon kurz vor der Corona-Pandemie nur einen Niedriglohn. Kellner, Köche und Barkeeper zählen aufgrund des Lockdowns umso mehr zu den Geringverdienern. Das gilt auch für die Kulturbranche, die Logistik und den Handel, wie die Auswertung zeigt.

Krellmann: Tarifbindung muss in Niedersachsen erhöht werden

Die Linken-Bundestagsabgeordnete Krellmann legt den Finger in die Wunde. Sie sagte auf Anfrage: „Die Menschen in Niedersachen werden nach wie vor beim Einkommen abgehängt.“ Der große Niedriglohnsektor sei das Ergebnis bewusster Niedriglohnpolitik über viele Jahre hinweg. Mit Blick auf die Geringverdiener sprach Krellmann von den „Verlierern der Pandemie“. Sie befürchtet eine weitere Spaltung der Gesellschaft. „Das wollen wir uns nicht länger leisten“, sagte sie. Sie forderte, Werkverträge, Leiharbeit und Minijobs radikal einzudämmen. Krellmann: „Außerdem muss es endlich gelingen, die Tarifbindung der Betriebe in Niedersachsen zu erhöhen. Flächendeckende Tarifverträge müssen die Regel sein. Tarifflucht darf sich nicht länger lohnen.“

Auch Karl-Heinz Ehrenberg, Bezirksvorsitzender der Gewerkschaft IG Bau Braunschweig-Goslar, fordert eine höhere Tarifbindung. In unserer Region zähle neben der Gastronomie und der Landwirtschaft die Gebäudereinigung und auch die Floristik zu den Branchen, in denen am wenigsten gezahlt werde. „Je mehr Firmen aus Tarifverträgen aussteigen, desto schlechtere Karten haben die Beschäftigten. Es droht eine immer tiefere Spaltung des Arbeitsmarktes“, warnte Ehrenberg. Diese werde durch die Corona-Pandemie teils verschärft.

Wolfsburg ist Niedersachsens Spitzenreiter bei den monatlichen Bruttogehältern

Was sich bei den Niedriglöhnen zeigt, manifestiert sich in unserer Region bei den mittleren monatlichen Bruttogehältern. Wolfsburg ist wieder Niedersachsens Spitzenreiter. Hier verdienen Vollzeitbeschäftigte 5089 Euro brutto pro Monat. Salzgitter folgt auf dem zweiten Platz mit 4347 Euro. Braunschweig liegt hinter Emden mit 3637 Euro pro Monat auf dem vierten Platz. Auffällig: Die ersten vier dieser Rangliste sind allesamt VW-Standorte. Dass Salzgitter erneut so gut abschneidet, liegt an den guten Löhnen in den großen Industriebetrieben der Stadt: neben VW sind das Bosch, Alstom, die Salzgitter AG und MAN. Salzgitter hat – ganz nebenbei – allerdings auch mit die höchste Arbeitslosenquote in ganz Niedersachsen. Auch das gehört zum Gesamtbild. Am anderen Ende der Skala bei den Mediangehältern liegt in Niedersachsen laut Bundesarbeitsministerium erneut der Landkreis Helmstedt.

Hier liegt das mittlere Gehalt für Vollzeitbeschäftigte bei 2905 Euro. Schlechter stehen nur die Landkreise Cloppenburg und Wittmund da. In den Landkreisen Gifhorn (3349) und Göttingen (3326) gibt es passable Gehälter. Aber auch sie liegen – wie 84 Prozent der Landkreise in Niedersachsen – unter dem Bundesschnitt von 3400 Euro. Zum Teil weit unter diesem Wert liegen die Gehälter in den Landkreisen Wolfenbüttel (3155), Peine (3096) und Goslar (3022).

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