Flüchtlingshelferin aus Schöppenstedt fühlt sich bedroht

Schöppenstedt.  Ihr Briefkasten wurde mit Bauschaum verfüllt, sie wurde aufgefordert, den Deutsch-Unterricht einzustellen. Die Polizei sieht keine rechtsmotivierte Tat.

Eine nach Deutschland geflüchtete Frau schreibt in ihr Vokabelheft. Eine pensionierte Lehrerin aus Schöppenstedt, die Flüchtlingen Deutsch-Unterricht gibt, fühlt sich bedroht.

Eine nach Deutschland geflüchtete Frau schreibt in ihr Vokabelheft. Eine pensionierte Lehrerin aus Schöppenstedt, die Flüchtlingen Deutsch-Unterricht gibt, fühlt sich bedroht.

Foto: Alexander Heinl / dpa

Sie will sich nicht einschüchtern lassen, sucht ganz bewusst die Öffentlichkeit. Die pensionierte Lehrerin Irene M. aus Schöppenstedt im Landkreis Wolfenbüttel setzt sich seit 2016 für Flüchtlinge aus Afghanistan ein, gibt ihnen einzeln Deutsch-Unterricht. Nun sieht sie sich unter Druck gesetzt – und erkennt einen klaren Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit als Flüchtlingshelferin.

Blöde Kommentare von Nachbarn habe es immer wieder mal gegeben. Vor etwa einem halben Jahr aber habe sie ein Mann auf der Straße angesprochen. „Er rief von der anderen Straßenseite, ob ich denn nichts Besseres zu tun habe, als Muslime zu unterrichten“, sagt Irene M. „Dabei kannte ich den überhaupt nicht. Das war ein jüngerer Mann“, erinnert sie sich.

Bauschaum im Briefkasten

Vor etwa drei Monaten dann verfüllen Unbekannte den Briefkasten der Schöppenstedterin mit Bauschaum. Ein Nachbar war so nett und half, den Briefkasten vom Bauschaum weitgehend zu befreien.

Vor etwa drei Wochen dann montierten Unbekannte den auf einer steinernen Mauer fest verankerten Briefkasten vor dem Haus ab, klauten ihn. Das war für Irene M. der Auslöser, zur Polizei zu gehen. Auch bei der Stadtverwaltung rief sie an. Beide Male hatte die Flüchtlingshelferin aber den Eindruck, dass man sich nicht richtig kümmert. „Ich kann ja nicht beweisen, dass es sich bei den Vorfällen um die Taten Rechtsextremer handelt“, sagt sie. „Aber das liegt doch auf der Hand, wer soll das denn sonst gewesen sein?“, fragt sie. Die Polizei habe sich „nicht wirklich interessiert“, als sie den Diebstahl des Briefkastens zur Anzeige gebracht habe. „Und die von der Stadt haben gleich abgewiegelt“, sagt Irene M.

Polizei: normaler Diebstahl

Frank Oppermann von der Polizei Wolfenbüttel sieht das anders. Der Sprecher hat sich für die Anfrage unserer Zeitung extra noch mit dem Staatsschutz in Verbindung gesetzt. Er kommt aber zu dem Ergebnis, dass es sich beim Briefkasten von Irene M. um einen ganz normalen Diebstahl handeln müsse. Die Ermittlungen in diese Richtung würden noch andauern. Denn „Hinweise, dass es sich um eine rechtsmotivierte Tat handelt, haben wir nicht“, sagt Oppermann.

Es gebe in Schöppenstedt keine einschlägige rechtsextreme oder rechtslastige Szene. „Es gibt auch keine Straftaten“, sagt der Polizei-Sprecher.

Hakenkreuz-Schmierereien

Er räumt aber ein, dass es immer wieder mal rechte Schmierereien in der Stadt gibt, „da sind auch mal Hakenkreuze dabei, aber nichts Übermäßiges“. Das gebe es anderswo auch.

Bei Wolfenbüttel würde es sich um einen der sichersten Landkreise in ganz Niedersachsen handeln, das würden die jährlichen Polizei-Statistiken mit Blick auf die Anzahl der Straftaten immer wieder zeigen. „Und das gilt auch für Schöppenstedt“, sagt Oppermann.

Irene M. floh aus Schlesien, dann aus der DDR

In ihrem Büro, in dem sie Flüchtlingen Deutsch-Unterricht gibt, stapeln sich die Bücher. Irene M. wirkt energisch. Sie will unbedingt weitermachen, sagt sie. „Ich bin nicht feige.“ Man müsse öffentlich widersprechen.

Schüler ausbilden, bei der Erziehung helfen, das war immer ihr Ziel, sagt sie. „Ein aufrechter Gang, zu dem stehen, was man denkt, das wollte ich vermitteln“, so die Schöppenstedterin. Die Schüler von heute seien die, die morgen die Demokratie tragen müssten.

Sie selbst sei zweimal mit ihrer Familie geflohen – erst aus Schlesien, dann aus der DDR in den Westen. „Wir dürfen so etwas nie wieder erleben!“ Dabei seien die Rechten in Deutschland nie wirklich weg gewesen. Irene M. spricht über die Attentate und Anschläge von Kassel, Halle und Hanau – das Erstarken der AfD. „Jetzt sind die Rechten wieder da.“ Die pensionierte Lehrerin bezeichnet sich selbst als Alt-68erin, als klar links.

Der Mord am Lehrer aus Paris bewegt sie

Als sie dann in der vergangenen Woche über den Sprengstoff-Anschlag auf eine Flüchtlingshelferin in Einbeck bei Göttingen und die Anklage der Generalstaatsanwaltschaft Celle gegen einen 23-jährigen Rechtsradikalen und seinen 26-jährigen gleichgesinnten WG-Mitbewohner las, wendete sich Irene M. an unsere Zeitung, um ihren Fall öffentlich zu machen. „Einbeck hat mich sehr betroffen gemacht“, sagt sie.

Aber nicht nur Einbeck, auch der brutale Mord an einem Geschichtslehrer in Paris hat die Schöppenstedterin beschäftigt. Dieses Mal kam der Angriff wohl von Islamisten. „Das war auch politisch motiviert, es ging um die Meinungsfreiheit, um das Zeigen von Karikaturen“, sagt Irene M. „Da mache ich keinen Unterschied.“

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