Verbände: Corona-Schutz in Schulen reicht nicht

Hannover.  Kultusminister Tonne muss sich mit wachsender Kritik auseinandersetzen.

Schüler gehen in Schwerin nach den Sommerferien durch einen Eingang mit einem Hinweisschild zu den Sicherheitsabständen als Corona-Schutzmaßnahme zu ihrem Klassenraum. Auch in Niedersachsen wird diskutiert, wie es in herbst und Winter weitergeht.

Schüler gehen in Schwerin nach den Sommerferien durch einen Eingang mit einem Hinweisschild zu den Sicherheitsabständen als Corona-Schutzmaßnahme zu ihrem Klassenraum. Auch in Niedersachsen wird diskutiert, wie es in herbst und Winter weitergeht.

Foto: Foto: Jens Büttner / dpa

Als Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) am Freitag im Kultusausschuss des Landtags seinen Etatentwurf für das Haushaltsjahr 2021 vorstellte, ging es auch um andere Punkte: „Schule pandemiefest machen“ lautete ein Antrag der FDP, „Infektionsschutz ernst nehmen“ forderten die Grünen in ihrem Antrag. Doch laut Teilnehmern der Sitzung verwies Tonne einmal mehr auf sein „20-5-20“ Lüftungskonzept: je 20 Minuten Unterricht, dazwischen fünf Minuten durchlüften. Doch das ist vielen zuwenig.

„Neue Infektionswelle verhindern“

„Höchste Zeit zu handeln“, erklärte der Philologenverband Niedersachsen diese Woche unter Verweis auf steigende Neuinfektionen. „Wir müssen verhindern, dass die neuen Infektionswellen in die Schulen getragen werden und den Präsenzunterricht lahmlegen. Hygienekonzepte müssen umgehend erweitert werden“, erklärt der Vorsitzende Horst Audritz. Noch immer sei es so, dass mit Maßnahmen und Entscheidungen zu lange gewartet werde.

„Wir fordern zeitnah noch vor der Wintersaison eine systematische Begehung der einzelnen Schulen mit Rückmeldungen an die Verantwortlichen, um den Arbeits- und Gesundheitsschutz zu prüfen. Nur so erkennen wir, wo dringendster Handlungsbedarf vor Ort besteht“, so Audritz. Parallel müssten vom Land finanzielle Mittel bereitgestellt werden. Niedersachsens GEW-Landesvorsitzende Laura Pooth hatte schon im Juni gefordert, über die Sommerferien „alles in Bewegung zu setzen“, um die Räumlichkeiten in den Schulen „herzurichten“. Dabei könnten zum Beispiel Plexiglas-Trennscheiben und zusätzliche Container zum Einsatz kommen.

Schutz auch gegen Grippe

Die FDP-Landtagsfraktion hatte sich Filteranlagen zum Einbau an der Decke oder auch zum Aufstellen vorführen lassen. „Das Nachrüsten aller Klassenräume in Niedersachsen würde rund 168 Millionen Euro kosten. Wenn man sich erstmal um die Räume ohne gute Lüftungsmöglichkeiten kümmert, reden wir über 40 Millionen Euro“, sagte der FDP-Abgeordnete Björn Försterling. Dies sei aber gut investiertes Geld - auch langfristig bei Erkältungs- und Grippewellen. „Man kann bei Minustemperaturen nicht andauernd stoßlüften, dann bekommen die Kinder vielleicht nicht Corona, aber dafür eine Lungenentzündung“, sagte der Münchener Infektiologe Clemens Wendtner der „FAZ“. Er plädierte für mobile Lüftungsanlagen mit Hepa-Filtern. „Gut sind auch Plexiglaswände zwischen den Schülern, wie sie in Südostasien eingesetzt werden“, sagte der Mediziner weiter. Es gebe viele innovative Möglichkeiten, die Kinder besser zu schützen.

„Prinzip Hoffnung reicht nicht“

Der Grünen-Abgeordnete Volker Bajus hatte während der jüngsten Landtagssitzung erklärt: „Die Regierung hat es versäumt, die Sommerferien dazu zu nutzen, Lüftungsanlagen nachzurüsten und weitere Vorsorge zu treffen. Der Kultusminister setzt auf das Prinzip Hoffnung, aber das reicht nicht aus.“ Die Debatte läuft bundesweit. Der Philologenverband Rheinland-Pfalz forderte, die Ansteckungsgefahr in Schulen nicht mehr kleinzureden. „Ich bin gespannt, wie der Minister den Schulbetrieb aufrecht erhalten will, wenn die Kinder wegen der Zugluft in den Klassenräumen erkältet sind, andere Grippe haben und welche mit Corona infiziert sind“, sagte Försterling unserer Zeitung. Der Minister riskiere sehenden Auges flächendeckende Schulschließungen. Die Kultusministerkonferenz hatte nach einem Expertengespräch erklärt, Lüften bleibe „A und O“. Der Einsatz von mobilen Luftreinigungsgeräten sei grundsätzlich nicht nötig, wo über Fenster gelüftet werden könne. „Flankierend“ und in Einzelfällen könne der Einsatz von Geräten mit Filtern H13 oder H14 sinnvoll sein. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Ministerin Stefanie Hubig (SPD), erklärte: „Gerade mit Blick auf die bevorstehende kühlere Jahreszeit ist es wichtig, dass wir jetzt für alle Schulen in Deutschland zu einer Handreichung mit klaren und nachvollziehbaren Vorgaben kommen, die überall gut umsetzbar sind.“ An der Expertenrunde hatten allerdings nicht nur Wissenschaftler, sondern unter anderem auch je ein Vertreter der kommunalen Spitzenverbände teilgenommen.

Minister: Brauchen praktische Lösungen

Tonne hatte auch in einem Gespräch mit unserer Zeitung zu praktischen Lösungen gemahnt. „Wir begleiten diese Debatte, auch in der Kultusministerkonferenz. Angesichts von mehr als 3000 Schulen wäre aber die Frage, wie schnell das verfügbar wäre“, hatte der Minister zur Luftfilter-Debatte gesagt. „Wir brauchen handfeste Lösungen“, so Tonne. Auch wenn man dann mal eine Jacke überziehen müsse. „Ob das von Minister Tonne vorgeschlagene Lüftungskonzept 20-5-20 das Infektionsrisiko im vertretbaren Rahmen senken kann, ist aus Sicht der Elternschaft fraglich“, so Niedersachsens Landeselternrat. Im Kultusausschuss des Landtags wurde am Freitag laut Försterling probeweise und außerplanmäßig gelüftet. Resultat laut Teilnehmern: ziemlich fiese Zugluft.

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