Forscher: Keine Gruppen an den Corona-Pranger stellen

Braunschweig.  Nach massenweisen Infektionen in Großfamilien in Göttingen warnt der Migrationsforscher Jochen Oltmer vor reflexhaften Verurteilungen.

Einsatzkräfte der Polizei vor dem Göttinger Iduna-Hochhaus. Bei Feiern zum muslimischen Zuckerfest wurde hier gegen die Corona-Regeln verstoßen. Die Folge: mehr als 80 Neuinfizierte.

Einsatzkräfte der Polizei vor dem Göttinger Iduna-Hochhaus. Bei Feiern zum muslimischen Zuckerfest wurde hier gegen die Corona-Regeln verstoßen. Die Folge: mehr als 80 Neuinfizierte.

Foto: Swen Pförtner / dpa

Mindestens 80 neue Infizierte mit dem neuartigen Coronavirus, darunter eine Salzgitteranerin, hunderte Kontaktpersonen in Quarantäne, erneute Schulschließungen: Das ist die Corona-Bilanz mehrerer privater Feiern aus Anlass des muslimischen Zuckerfests am 23. Mai in Göttingen. Zahlreiche Mitglieder dort lebender Großfamilien, so berichtet die Deutsche Presse-Agentur, sollen sich dort nicht an die Hygiene- und Abstandsregeln gehalten haben.

Forderungen nach harten Konsequenzen

Seit Bekanntwerden des Falls hat sich die öffentliche Debatte über die Ahndung von Verstößen gegen die Corona-Regeln verschärft. In Reaktion auf den Göttinger Ausbruch hat der Krisenstab der Niedersächsischen Landesregierung möglichen Quarantäne-Brechern mit einer „Einweisung“ gedroht. Wer sich nicht an Quarantäne-Auflagen halte, begehe eine Straftat und könne in eine geschlossene Einrichtung überstellt werden, sagte die stellvertretende Leiterin des Krisenstabs, Claudia Schröder, am Dienstag in Hannover. Sie warnte mit Blick auf die betroffenen Großfamilien allerdings auch vor einem Generalverdacht (wir berichteten). Es gebe einige wenige, die sich falsch verhielten, nicht die ganze Gruppe.

Forscher kritisiert FAZ-Bericht

Dennoch: „Die Forderung nach derart harschen Maßnahmen ist bemerkenswert und etwas Neues“, sagt der Migrationsforscher Jochen Oltmer im Gespräch mit unserer Zeitung. Für ihn steht der laute Ruf nach scharfen Konsequenzen im engen Zusammenhang damit, dass nun – teils implizit – der Migrationshintergrund betroffener Menschen in den Blick gerückt wird. Über einen am Dienstag erschienenen Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über Ansteckungsfälle bei den fraglichen Zuckerfest-Feiern, in einer illegal geöffneten Shisha-Bar in Göttingen sowie in freikirchlichen Gemeinden russlanddeutscher „Evangeliums-Christen“ in der Region Bremerhaven sagt Oltmer: „Da stellt sich beim Leser sofort die Frage nach der Zugehörigkeit. Das wird dem Corona-Thema natürlich nicht gerecht.“

Zwar kämen in der Corona-Krise etwa in verschiedenen religiösen Gemeinschaften „unterschiedliche Wahrnehmungen und Umgangsweisen“ zum Tragen. Der Historiker vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück sieht hierin allerdings keineswegs ein Problem – im Gegenteil: „In einer pluralen, demokratischen Gesellschaft wie der unseren gehört das schlicht dazu.“ Statt reflexhaft Schuldzuweisungen oder Verurteilungen auszusprechen, wie dies etwa in Online-Kommentarbereichen unter den einschlägigen Berichten geschehe, plädiert Oltmer dafür, „genauer hinzuschauen“.

„Belehrendes Auftreten kontraproduktiv“

Konkret appelliert er an Behörden, stärker als bisher in den Dialog mit Migrantengruppen zu treten. „Erst wenn ich verstehe, wie und warum jemand auf eine bestimmte Art mit Corona umgeht, kann ich Regeln erfolgreich vermitteln.“ Belehrendes Auftreten dagegen wirke kontraproduktiv. Leider, so Oltmer, hätten Kommunen und staatliche Stellen der Kommunikation bisher nicht die notwendige Priorität eingeräumt. „Verschiedene private Initiativen haben sich hier sehr stark bemüht, die nötigen Informationen trotz Sprachbarriere zu vermitteln. Aber für den Staat stand das leider nicht an allererster Stelle.“

Keine „verschärften Maßnahmen“ in Salzgitter

Mehrere Personen, die an den Feiern in Göttingen teilgenommen haben, stammen aus Salzgitter. „Gerade auch mit Blick auf die interkulturelle Stadtgesellschaft“, überwache der Corona-Krisenstab unter Leitung des Oberbürgermeisters Frank Klingebiel (CDU) die Corona-Lage in der Stahlstadt, berichtet Stadtsprecherin Simone Kessner gegenüber unserer Zeitung. Als Informationsangebot für Menschen ohne Deutschkenntnisse verweist sie auf die Website der Stadt. Hier sind mehrsprachige Corona-Infos der Bundesregierung und des Vereins „Ethno-Medizinisches Zentrum“ verlinkt. „Verschärfende Maßnahmen“ über die niedersächsischen Regeln hinaus halten Klingebiel und Salzgitters Polizeichef Volker Warnecke „bis heute“ nicht für notwendig. Kessner betont: „Die Menschen, unabhängig von der Frage ihrer Herkunft, halten sich grundsätzlich diszipliniert an die Abstands­regelun­gen und folgen den Aufforderungen der Behörden.“

Reimann: Gesundheitsämter gefordert

Wie der Migrationsforscher Oltmer warnt auch Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) davor, Verstöße gegen Corona-Regeln pauschal bestimmten Gruppen zuzuordnen. „Die Ausbrüche der letzten Tage zeigen, dass das Virus immer dort zuschlägt, wo viele Menschen zusammenkommen und Abstands- und Hygieneregeln nicht eingehalten werden“, so die Ministerin. „In diesen Fällen sind die Gesundheitsämter bei der Kontaktnachverfolgung und der Isolierung von Infizierten und deren Kontaktpersonen in einem hohen Maße gefordert. Wenn dabei Sprachbarrieren auftreten, wird diese ohnehin sehr umfangreiche Aufgabe nicht einfacher.“ Grundsätzlich sei aber festzuhalten, dass sich die allermeisten Niedersachsen an die Hygiene- und Abstandsregeln halten.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder