Hochschulen im Corona-Modus: Zoom-Konferenz statt Hörsaal

Braunschweig.  Studierendeverbände fordern Ausnahmen bei Prüfungsleistungen und finanzielle Unterstützung – ganze Praxisphasen werden von dem Virus bedroht.

Ein Dozent nimmt eine Vorlesung auf. Aufgrund der Corona-Schutzmaßnahmen müssen Hochschulen und Universitäten nun digitale Lösungen für die Lehre finden, etwa mit Streams oder Aufzeichnungen.

Ein Dozent nimmt eine Vorlesung auf. Aufgrund der Corona-Schutzmaßnahmen müssen Hochschulen und Universitäten nun digitale Lösungen für die Lehre finden, etwa mit Streams oder Aufzeichnungen.

Foto: Uwe Anspach / dpa

Der Weg zur Hochschule ist kürzer geworden. Statt sich auf das Fahrrad zu schwingen, wird nun der Laptop zuhause aufgeklappt. Selbstmanagement statt Stundenplan, ist jetzt die Devise. Die Corona-Krise hat den Betrieb der Universitäten und Hochschulen auf den Kopf gestellt: Diese müssen kreative Lösungen für die Lehre aus der Ferne finden. „Die Umstellung auf Online-Veranstaltung kam sehr überraschend, so dass es eine echte Herausforderung war, im schon laufenden Semester umzuschwenken“, berichtet etwa Professor Ronald Wadsack vom Institut für Sportmanagement an der Ostfalia-Hochschule. Bei der Fachhochschule begann das Semester bereits am 2. März, erklärt Ostfalia-Pressesprecherin Nadine Zimmer – zwei Wochen später musste die Lehre laut Beschluss der Landesregierung bereits online stattfinden. „Am Anfang war es kurz chaotisch, aber die Dozenten haben schnell reagiert. Nach den ersten zwei Wochen war klar, wer wie arbeitet“, sagt Florian Binternagel, der an der Ostfalia im vierten Semester Medienmanagement studiert.

Nun findet die Lehre laut Zimmer an der Ostfalia via Videokonferenz, Aufzeichnungen, Lernmanagement-Plattformen wie Moodle und Studip, Power-Point-Folien mit Audiokommentaren sowie Chat- und E-Mail-Sprechstunden statt. An der Technischen Universität Braunschweig (TU) gebe es zudem noch Vorlesungen im Podcast-Format, berichtet der Allgemeine Studierendenausschuss (Asta ).

Nachtschichten für Lehrende

„Zu Beginn bestand die größte Herausforderung darin, unsere Lehrkonzepte auf die Online-Lehre anzupassen und die Studierenden entsprechend zu motivieren“, erzählt auch Professorin Denise Sommer, die am Institut für Öffentliche Kommunikation an der Ostfalia-Hochschule lehrt. Mittlerweile habe sich der Krisenmodus zwischen den Studierenden und den Lehrenden eingespielt, aber die neuen Arbeitsweisen kosteten viel Zeit – gerade bei Lehrenden, die zudem noch Kinder zu betreuen hätten. „Nicht selten resultiert das in Abend- oder Nachtschichten“, weiß Sommer.

Auch Student Tom Treppner hat beobachtet, dass manche Aspekte zuhause länger dauern als im Hörsaal. „Zuhause kann ich bei der Video-Vorlesung auf Pause drücken, wenn ich mal einen Denkmoment brauche und kann mehr aufschreiben. Dadurch dauert eine Vorlesung auch mal länger“, weiß der 20-jährige Ostfalia-Student. Zudem gebe es keine Abgrenzung zwischen der Hochschule und dem eigenen Zuhause. „Nach der Vorlesung geht man nach Hause und hat Feierabend. Zuhause hat man nie wirklich frei“, berichtet Tom. Auch Professor Wadsack unterstreicht: „Nicht jeder Studierende ist ungestört in seinem heimischen Umfeld.“ Das Homeoffice habe für Studierende dieselben Vor- und Nachteile wie für Arbeitnehmer.

Asta fordert Freiversuche

Wie viel Lernstoff können die Studierenden unter diesen Umständen also mitnehmen? Die Asta-Bündnisse der TU und der Ostfalia fordern für dieses außergewöhnliche Semester auch angepasste Prüfungsformen. „Der Asta selbst vertritt die Position, dass die Qualität der Lehre leidet“, stellt Gerret Lose, Vorsitzender des Asta der Ostfalia-Fakultät in Wolfenbüttel, klar.

Um den Umständen gerecht zu werden, sollten nicht bestandene Prüfungen in diesem Semester als Freiversuch gewertet werden und nicht als Fehlversuch – die Studierenden könnten die Prüfung also ohne Nachteile im nächsten Semester wiederholen. „Da sind wir bei einigen Fakultäten auf großen Widerstand gestoßen“, berichtet Lose. Pressesprecherin Nadine Zimmer unterstreicht, dass die Prüfungen auch im Interesse der Studierenden seien: „Den Studierenden steht es frei, ob sie an Prüfungen teilnehmen oder nicht. Allerdings hat die Hochschule alles dafür getan, dass Studierende – um kein Semester zu verlieren – Prüfungen ablegen können.“

In manchen Studiengängen seien Klausuren auch in eine andere Prüfungsform, etwa eine Hausarbeit, umgewandelt worden. Studenten wie Tom Treppner und Florian Binternagel sind daher mit dem Krisenumgang ihrer Fachhochschule zufrieden. „Ich finde nicht, dass die Qualität leidet, und fühle mich gut vorbereitet“, sagt auch Lena Rickert, die an der Ostfalia Transport- und Logistikmanagement im sechsten Semester studiert. Forderungen wie ein Nicht-Semester, also dass keine Prüfungen erbracht werden, seien bei den Studierenden zudem nicht positiv aufgenommen worden, berichtet Treppner.

Statt des Nicht-Semesters ist dagegen bundesweit die Forderung nach einem Solidarsemesters laut geworden. Auch der Asta der TU Braunschweig unterstützt diese Forderung, die sich ebenfalls für die Freiversuch-Lösung bei den Prüfungen einsetzt.

Gravierende finanzielle Sorgen

Das Solidarsemester rückt aber auch einen anderen Punkt in den Fokus: „Viele Studierende melden sich aufgrund gravierender finanzieller Engpässe bei uns“, berichtet Konrad Lind vom Asta Braunschweig. Knapp 68 Prozent der Studierenden arbeiteten laut einer Erhebung des Studierendenwerks neben dem Studium, dagegen profitierten laut Asta nur 18 Prozent der Studierenden von Bafög. „Viele haben aufgrund von Corona ihren Nebenjob verloren und stehen nun vor Problemen, welche zum Teil ihre Existenz bedrohen. Es gab auch große Enttäuschung, dass Bafög in der Krise nicht gelockert wurde“, betont Lose.

Die wirtschaftliche Unsicherheit des Arbeitsmarktes schlägt sich auch in den anstehenden Praxisphasen auf den Hochschulalltag nieder. „Es ist aktuell ganz schwierig, einen Praktikumsplatz für ein halbes Jahr zu finden“, berichtet Clara Albert. Die 23-Jährige studiert Architektur an der TU-Braunschweig und schreibt aktuell ihre Bachelorarbeit, danach sei eine Praktikumsphase vorgesehen. Clara wollte nach Berlin, dann ein halbes Jahr nach England – nun stellt Corona all das in Frage. „Viele machen ihr Praktikum im Ausland – jetzt ist es sehr fraglich, ob Menschen im Oktober schon wieder ausreisen dürfen oder Unternehmen überhaupt suchen“, überlegt sie. Für sie sei das noch in weiter Ferne, doch Absolventen des letzten Semesters müssten sich nun mit kleineren Jobs anstatt eines Praktikums behelfen, berichtet Clara.

Verstärkter Wettbewerb bei Praktikumsplätzen

Auch Lena Rickert steht in ihrem Logistik-Studium kurz vor der Praxisphase. „Viele, die bereits ein Praktikumsplatz hatten, etwa bei der Lufthansa, haben auf einmal keinen mehr“, sagt die 21-Jährige. In der Logistik gebe es aber noch Firmen, die von der Krise weniger stark betroffen seien. „Natürlich werden sich nun deutlich mehr Leute auf diese Stellen bewerben, aber ich bin da zuversichtlich“, so Rickert.

Viele Studierende begegnen diesem Krisenmodus mit Optimismus. „Ich hätte gedacht, dass ich kein Mensch fürs Homeoffice wäre, aber ich habe mich daran angepasst. Man muss sich selbst organisieren, dabei helfen mir To-Do-Listen“, berichtet Florian Binternagel. „Inzwischen merkt man, dass man weniger aufschiebt und sich besser organisiert“, beobachtet auch Tom Treppner.

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Und auch Professorin Sommer sieht Entwicklungsmöglichkeiten. Bei der Recherche hat sie bei ihren Studierenden häufig bemerkt, dass Quellen nicht kritisch hinterfragt wurden. „Da sind junge Menschen oft sehr unbedarft und haben Schwierigkeiten, die Qualität von Angeboten richtig einzuschätzen“, weiß die Dozentin. Doch genau hier sieht sie in der Corona-Krise auch eine Chance. „Die Studierenden müssen nun vermehrt eigenständig Essays und Projektberichte verfassen. Das schult die Recherchefähigkeit und die schriftliche Argumentationsfähigkeit“, ist sich Sommer sicher.

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Wann beginnt der Normalbetrieb?

Professor Wadsack sieht zudem einen Vorteil für das spätere Berufsleben. Die technische Kommunikation, die die Studierenden nun ausführlich nutzen, könnte für die Betriebe in Zukunft immer bedeutender werden. „Das Vertrautmachen mit den Einschränkungen kann ein besseres Verständnis erbringen und in Zukunft sehr wertvoll sein, um mit Technik eine wertvolle Kommunikation und Projektarbeit zu vollbringen“, erklärt Wadsack. Inwiefern die Studierenden diese Fähigkeiten auch im Wintersemester vertiefen müssen, ist ungewiss. „Wir müssen davon ausgehen, dass auch im Wintersemester ein größerer Teil der Lehrveranstaltungen digital stattfinden muss“, sagt Ostfalia-Pressesprecherin Zimmer. Florian Binternagel ist etwas optimistischer: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir im Februar noch im Online-Betrieb sein werden.“

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