Ausstieg auf Raten: Kohlekraftwerk Mehrum steht meist still

Lesedauer: 4 Minuten
Das Steinkohlekraftwerk Mehrum war zuletzt immer wieder wegen niedriger Strompreise nicht ans Netz gegangen.

Das Steinkohlekraftwerk Mehrum war zuletzt immer wieder wegen niedriger Strompreise nicht ans Netz gegangen.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Mehrum.  Während in Berlin um den Kohleausstieg hart gerungen wurde, steht in Mehrum ein Kohlekraftwerk schon seit dem Frühjahr meist abgeschaltet herum.

Der Anruf kann jederzeit erfolgen, deshalb ist die Schaltzentrale des Steinkohlekraftwerks Mehrum voll besetzt. Hinter den Monitoren sitzen Experten und überwachen die Zentrale, deren Bau vor mehr als 40 Jahren umgerechnet 500 Millionen Euro verschlang. Auf der Anzeige mit der aktuellen Stromleistung flimmert eine Null.

Kraftwerk Mehrum unwirtschaftlich – und dennoch in Bereitschaft

Obwohl das Kraftwerk bei Hannover seit dem vergangenen Frühjahr aus wirtschaftlichen Gründen fast durchgängig außer Betrieb ist, kann das Hochfahren aus Kapazitätsgründen im Netz kurzfristig erforderlich werden. Am Montag wurde das Kraftwerk zunächst für eine Woche wieder angefahren, auch für anstehende Prüfungen und Abnahmen.

Das zähe Ringen um einen Kohlekompromiss und Ausstiegsdaten aus der Kohleverstromung in der Vorwoche wirken bei einem Rundgang in dem ruhenden Kraftwerk unwirklich. Irgendwo ist ein Techniker mit einer Reparatur beschäftigt, woanders werden überholte Feuerlöscher wieder zu ihren Halterungen gebracht.

Regenerative Energien drücken den Strompreis

Weil die Erzeugung von Kohlestrom zwischenzeitlich unwirtschaftlich war, hatte der tschechische Betreiber EPH den Betrieb im Frühjahr eingestellt. Zehn Tage lief das Kraftwerk dann noch im November, nach einem Kesselschaden wurde es dann wieder heruntergefahren. Als einen Grund für den niedrigen Strompreis an der Strombörse nennt der Betreiber unter anderem den hohen Anteil von Strom aus regenerativen Energien.

Unterdessen häufen sich im Kohlehafen am Mittellandkanal 400 000 Tonnen Kohle, die darauf warten, verfeuert zu werden. Aus den USA, Polen und Norwegen stammt die Kohle, die per Binnenschiff das Kraftwerk erreicht. Irgendwo hinten liegt auch noch etwas Ruhrkohle, sagt der Hafenmeister. Selbst wenn das Kraftwerk stillsteht, haben der Arbeiter und ein Kollege immer wieder unverhofft zu tun.

Herumliegende Kohle kann sich selbst entzünden

Insbesondere bei Wind kommt es zur Selbstentzündung der gelagerten Kohle. Um die Schwelbrände zu ersticken, wird die Kohle dann per Bagger umgeschichtet. Für 90 Tage Vorrat an Kohle wird am Hafen gelagert, für den Fall, dass der Mittellandkanal im Winter zufriert.

In einem Besucherraum schaut eine Studentengruppe gerade einen Infofilm über das Kraftwerk. Neben den technischen Abläufen werden auf den erkennbar schon Jahre alten Aufnahmen die Bemühungen um Umweltschutz und möglichst wenig Emissionen hervorgehoben. 2003 noch wurde im Zuge einer Modernisierung die Effizienz erhöht, der Wirkungsgrad des Kraftwerks liegt bei mehr als 40 Prozent.

Beschäftigte im Kraftwerk Mehrum sehen Zukunft mit Sorge

„Energie aus Mehrum, eine saubere Leistung“ heißt es auf der Homepage des Kraftwerks. Inzwischen aber wird die Kohleverstromung als Klimakiller gebrandmarkt, der Kohlekompromiss der vergangenen Woche hat die Weichen Richtung Ausstieg gestellt. Bis 2038 soll Schluss sein für die aktuell 27 größeren Braunkohle- und 34 Steinkohle-Blöcke.

Obwohl für einzelne Steinkohlekraftwerke noch keine Abschalttermine feststehen, sehen die rund 120 Beschäftigten in Mehrum die Zukunft mit Sorge. Wie lange noch leistet sich der Betreiber die Millionenverluste, die ein monatelanger Stillstand des riesigen Kraftwerks mit sich bringt? Zunächst bis zum Frühjahr kommenden Jahres, so sagt der Kraftwerkssprecher, sei der Erhalt gesichert, dann wolle der Betreiber im Jahresrhythmus weiterschauen. 2017 erst hatte die expandierende EPH das kommunale Kraftwerk übernommen. Aus welchem Kalkül?

Keine Ersatzteile mehr für Turbinen des Kraftwerks

Nach Einschätzung von Experten rechnet das Unternehmen nach dem deutschen Atomausstieg zumindest vorübergehend wieder mit einem steigenden Bedarf an Kohlestrom, was den Betrieb solcher Kraftwerke wie in Mehrum lukrativ machen könnte. Sicher vorhersagen kann das noch niemand, wie auch im Abschlussbericht zum Kohlekompromiss beschrieben wird.

Wie entwickeln sich die CO2-Preise und die für Gas und Kohle? Wie viel erneuerbare Energie wird tatsächlich in einigen Jahren erzeugt und welche Auswirkungen hat das auf die Auslastung der Kohlekraftwerke? Vor dem Hintergrund hoffen die Beschäftigten in Mehrum noch auf eine Verlängerung. Es sei denn, so meint der Sprecher, es komme zu einem größeren Turbinenschaden. Dann sei Schluss, Ersatzteile gebe es nicht mehr. dpa

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder