Städtische Krankenhäuser in unserer Region verbünden sich

Braunschweig.  Die Zusammenarbeit zwischen Braunschweig, Wolfsburg und Wolfenbüttel soll die medizinische Versorgung optimieren und Kosten sparen.

Ein Roboter in einem Labor in der Apotheke des Klinikums Celler Straße in Braunschweig. Bei der Medikamentenversorgung wollen die drei Krankenhäuser zusammenarbeiten.

Ein Roboter in einem Labor in der Apotheke des Klinikums Celler Straße in Braunschweig. Bei der Medikamentenversorgung wollen die drei Krankenhäuser zusammenarbeiten.

Foto: Florian Kleinschmidt/BestPixels.de

Der wirtschaftliche Druck auf alle Krankenhäuser bundesweit ist hoch. Etliche mussten schon schließen, viele sind in finanzieller Not. Um in diesem Wettbewerb langfristig bestehen zu können, wollen die drei einzigen städtischen Krankenhäuser in unserer Region – Braunschweig, Wolfsburg und Wolfenbüttel – enger zusammenrücken.

Die Verwaltungschefs und Klinikleitungen unterzeichneten kürzlich eine entsprechende Erklärung. Im Kern geht es darum, dass sich die drei Krankenhäuser ergänzen, anstatt überall die gleichen Ressourcen aufzubauen und sich somit Konkurrenz zu machen.

Der Braunschweiger Klinikum-Chef Andreas Goepfert hat folgende Vision: Egal, ob Patienten in Wolfsburg, Wolfenbüttel oder Braunschweig ins Krankenhaus gehen – innerhalb der kommunalen Häuser der Region werden sie dort behandelt, wo die beste Therapie gewährleistet ist. „Die Bürger sollen wissen: Sie können sich für jedes Krankenhaus entscheiden und werden die bestmögliche Versorgung bekommen. Wir reden miteinander.“

Das Stichwort heißt für ihn: Kooperation statt Konkurrenz. Sein Ziel: die Stärkung kommunaler Träger. Denn ihre Stärke sei die Gewährleistung medizinischer Versorgung rund um die Uhr – auch wenn es sich, wie die Notaufnahmen, nicht rechnet.

Win-Win-Situation für alle

Im Zusammenrücken sieht er für alle Seiten eine Win-Win-Situation: ein für Patienten transparentes und regionales Versorgungsangebot aus einem Guss – und zugleich einen wirtschaftlichen Nutzen für die Krankenhäuser. Denn der ökonomische Druck steigt. Weshalb es aus Goepferts Sicht an der Zeit ist, mit großen privaten Klinik-Ketten in puncto Kostenersparnis gleichzuziehen.

Statt nur im eigenen Haus auf wirtschaftliche Optimierung zu schauen, soll dieser Prozess im regionalen Zusammenschluss vorangetrieben werden: Als Beispiele nennt Goepfert Apotheke, Einkauf, die Zentrale Sterilgutversorgung oder die Verwaltung. Doppelstrukturen könnten aufgelöst und Kosten eingespart werden – wie es private Ketten längst täten. Warum nicht auch mal bei den Abrechnungen oder in der Ärzteschaft personell aushelfen? Für sein 1500-Betten-Haus mit rund 4000 Mitarbeitern rechnet der Geschäftsführer mit möglichen Einsparungen in Millionenhöhe.

In die kommunale Achse schließt Goepfert Peine und Hannover ein. Wolfenbüttel, Wolfsburg und Braunschweig sieht er als Vorreiter. Mit Blick auf den geplanten Verkauf des Klinikums Peine ist er daher überzeugt: „Wenn am Ende die Rahmenbedingungen stimmig sind, ist eine kommunale Trägerschaft sicher besser als eine private.“

Ziel: schlagkräftige Verbindungen

Goepfert kennt die Sorge kleinerer Häuser, vom großen Braunschweiger Klinikum an die Wand gespielt zu werden. Er wirbt um Vertrauen: „Nicht jeder muss alles anbieten.“ Das Braunschweiger Klinikum als Maximalversorger mit hoch spezialisiertem Spektrum habe Interesse daran, die Grundversorgung stärker an andere Häuser abzugeben. „Wir haben die Betten voll und hätten gern mehr Ressourcen zur Behandlung Schwerkranker.“ Ein regional abgestimmtes Behandlungsangebot soll jeden Patienten in die für ihn angemessene Versorgungsstufe leiten. Ein Beispiel: Alle drei Häuser verfügten über eine gute Kardiologie – aber nicht wie das Braunschweiger Klinikum über eine hoch spezialisierte Elektrophysiologie zur Behandlung von Herzrhythmus-Störungen. Hier könne Braunschweig ebenso unterstützen wie etwa in der onkologischen Versorgung.

Nach der gleichen Logik strebe das Klinikum Kooperationen mit den gemeinnützigen Braunschweiger Krankenhäusern Marienstift und Herzogin-Elisabeth-Hospital (HEH) an. „Wir wollen größere schlagkräftige Verbindungen aufbauen.“ Mit dem Marienstift habe sich das Klinikum zum Beispiel schon gut in der Geburtshilfe positioniert. Goepfert: „Wir wollen uns so aufstellen, dass die Menschen sagen: Ich habe alles vor meiner Haustür, ich muss nicht woanders hin.“

Gemeinwohl steht im Vordergrund

Wolfsburgs Klinikumsdezernentin Monika Müller sieht in der neuen Marke „Unsere Kommunalen“ viele Vorteile für die drei städtischen Kliniken: „Wir werden politisch anders Gehör finden. Wir können gemeinsam Positionen formulieren, die es dann gegenüber Bund und Land zu vertreten gilt.“ Die Patienten könnten noch mehr darauf vertrauen, dass die bestmögliche Versorgung gewährleistet werde. „Für uns steht nicht der Wettbewerb im Vordergrund“, sagt Müller. „Es wird niemand abgewiesen, weil er vielleicht in der Abrechnung mit der Krankenkasse negativ bilanziert werden könnte. Noch wird ein Patient behalten, obwohl bei uns vielleicht die Expertise im Einzelfall mal nicht so hoch ist wie in einem anderen Haus.“ Es gehe nicht um größtmögliche Gewinne. „Die Wege für Patienten sollen und müssen wie bisher so kurz wie möglich sein, die Behandlung aber so gut wie möglich.“

Es gebe zwar auch eine Zusammenarbeit mit privaten Krankenhäusern, zum Beispiel mit Gifhorn, wenn es um spezielle Fragestellungen bei Notfallpatienten gehe. Einen ähnlichen Schulterschluss wie zwischen den drei kommunalen Partnern kann sich Müller mit einem privaten Träger aber nicht vorstellen. „Wir Kommunalen orientieren uns ausschließlich am Gemeinwohl, während private Träger natürlich Gewinne erwirtschaften müssen.“

Positive Effekte der Zusammenarbeit mit Wolfenbüttel und Braunschweig erwartet sie unter anderem auch bei gemeinsamen Ausschreibungen, Personalentwicklung, Ausbildung und Fortbildung bis hin zu gemeinsamen politischen und öffentlichen Aktionen. Beim Thema „Akademische Hebammenausbildung in der Region etablieren“ habe man bereits an einem Strang gezogen.

Eine der größten Herausforderungen für die kommunalen Krankenhäuser, sei der Fachkräftemangel in der Pflege, aber auch bei den Ärzten, so Müller. Private Träger könnten diesem Mangel durch Prämienzahlungen oder außertarifliche Zuschläge begegnen. Kommunale Häuser hingegen seien an die öffentlichen Tarife und deren enge Grenzen gebunden.

Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Laut Axel Burghardt, Geschäftsführer des Städtischen Klinikums Wolfenbüttel, ist die Grundvoraussetzung für eine Kooperation eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe: „Braunschweig und Wolfsburg begegnen uns mit großem Respekt. Ein ,von oben herab’ würde nicht funktionieren.“

Dennoch werde es auch darauf ankommen, Grenzen zu definieren. So habe jedes Krankenhaus seinen eigenen Versorgungsauftrag. „Es geht nicht um eine Fusion, sondern um eine Verbindung unter Wahrung der eigenen Identität. Wolfenbüttel ist groß genug, um eine gutes, eigenes Krankenhaus vorzuhalten“, so Burghardt. Doch wo einer der Partner keine eigenen Kompetenzen vorhalte, sei eine Kooperation sinnvoll.

Mit dem Braunschweiger Klinikum bestehe seit Jahren eine gute Zusammenarbeit, sagt er – zum Beispiel mit der dortigen Urologie, der Kinderklinik, der Neurologie und der Neurochirurgie. Aber auch bei der Untersuchung von Körperflüssigkeiten oder Stuhlproben in der Mikrobiologie oder Gewebeproben in der Pathologie werde schon lange erfolgreich zusammengearbeitet. Sehr wichtig sind laut Burghardt auch die engen Verbindungen der Wolfenbütteler Kardiologie mit der Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie des Braunschweiger Klinikums oder bei der Versorgung von Schlaganfallpatienten.

Die unfallchirurgischen Abteilungen kooperieren im Traumanetzwerk, die geburtshilfliche Klinik in Wolfenbüttel hat kurze Wege zur Braunschweiger Kinderklinik. „Wir kennen und schätzen uns. Nun schauen wir, wo weitere Anknüpfungspunkte bestehen, zum Beispiel in der Optimierung des Datenflusses und der Verfeinerung der Abläufe in den Schnittstellen“, so Burghardt.

Gegenüber Privaten behaupten

Für die drei einzigen kommunalen Häuser in der Region komme es darauf an, sich gegenüber den privaten Kliniken zu behaupten: „So viele potenzielle und geeignete Krankenhaus-Kooperationspartner im Umkreis gibt es nicht mehr“, sagt Burghardt.

Kommunale Krankenhäuser böten den Kommunen und ihren Bürgern die Möglichkeit, direkten Einfluss auf die medizinische Entwicklung und die vollständige Erfüllung des Versorgungsauftrags zu nehmen – eine Gestaltungsmöglichkeit, die Kommunen, die ihre Krankenhäuser verkauft haben, mittlerweile schmerzlich vermissen würden. Im kommunalen Krankenhaus gehe es nicht primär um Gewinnmaximierung, sondern um ein funktionierendes Gesundheitssystem vor Ort.

Ergänzung statt Konkurrenz

Die Oberbürgermeister von Braunschweig und Wolfsburg sowie Wolfenbüttels Bürgermeister betonen, dass eine Kooperation unumgänglich sei. „Wenn kommunale Kliniken schon früher über Zusammenarbeit nachgedacht hätten, hätte es vielleicht die eine oder andere Privatisierung nicht gegeben“, so der Wolfsburger Klaus Mohrs. Kooperationen könnten außerdem die Qualität und Effizienz der Patientenversorgung deutlich verbessern, sagt Thomas Pink (Wolfenbüttel). Und Ulrich Markurth formuliert es so: „In der Region sind wir stark, wenn jeder seine Stärken einbringen kann und wir uns ergänzen, anstatt überall die gleichen Ressourcen aufzubauen und uns untereinander Konkurrenz zu machen.“

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