Schulleitungen aus der Region schlagen Alarm

Goslar.  Bei einer Konferenz in Goslar verabschieden 65 Schulleitungen einen Forderungskatalog an die Landespolitik.

Eine junge Lehrerin schreibt in Hannover an einer Schultafel. Haupt-, Real- und Oberschulen fordern mehr Unterstützung vom Land.

Eine junge Lehrerin schreibt in Hannover an einer Schultafel. Haupt-, Real- und Oberschulen fordern mehr Unterstützung vom Land.

Foto: Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Lehrermangel, ausufernde Schulbürokratie und eine immer heterogenere Schülerschaft: Mit einer „Hessenkopferklärung“ haben 65 Schulleitungen von Haupt-, Real- und Oberschulen in Südostniedersachsen vom Land deutliche Verbesserungen und „Bildungsgerechtigkeit“ gefordert. „Wir erwarten eine stärkere politische Unterstützung unserer Schulformen“, heißt es in der Erklärung zum Abschluss der 30. Hessenkopftagung in Goslar.

Wie die rot-grüne Koalition und die frühere Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) schlagen sich seit November 2017 auch die rot-schwarze Koalition und Minister Grant Hendrik Tonne (SPD) mit Lehrermangel und Stundenausfall herum. Die Inklusion benachteiligter Kinder sowie der Ausbau des Ganztags binden Ressourcen, und beim nächsten Großprojekt Digitalisierung fühlen sich viele Schulen pädagogisch wie technisch so alleingelassen wie bei der Inklusion. Zu Beginn des laufenden Schuljahres 2019/2020 musste Minister Tonne Mitte August eine minimale Steigerung der rechnerischen Unterrichtsversorgung - sie vergleicht die tatsächlichen Stundenzuweisungen mit dem Bedarf - als zentrale Erfolgsbotschaft verkaufen. Als starke Belastung und Krisenindiz gilt die weiter hohe Zahl von Lehrerabordnungen. Dabei helfen beispielsweise Gymnasiallehrer an Grundschulen oder Oberschulen aus. Nach einer Auflistung des Ministeriums waren zum 1. Halbjahr des laufenden Schuljahres 2019/2020 zunächst insgesamt 2309 Lehrer mit insgesamt mehr als 20.000 Stunden an andere Schulformen abgeordnet.

Mehr Wertschätzung gefordert

Nach den Ergebnissen der jüngsten Pisa-Studie der OECD erklärte der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte am Mittwoch: „Niedersachsen muss seinen Schulen mehr Ressourcen zur Verfügung stellen, damit sie ihren Auftrag erfüllen können.“ Gerade die Schulen des nicht-gymnasialen Sekundar-I-Bereichs (ab Klasse 5, die Red.) seien besonders stark belastet. Die überproportional zahlreichen Schülerinnen und Schüler mit Migrationsgrund als auch jene mit inklusivem Unterstützungsbedarf müssten beschult und entsprechend gefördert werden. Auch in der „Hessenkopf“-Erklärung wird mehr Wertschätzung und deutlich mehr Augenmerk auf Haupt-, Real und Oberschulen angemahnt. „Wir sind die in der Fläche am stärksten vertretenen weiterführenden Schulformen und tragen damit die größte Verantwortung in den Bereichen Inklusion, Integration und Prävention in Erziehung und Bildung“, heißt es in der Erklärung. In einem 15-Punkte-Katalog werden unter anderem eine bessere Bezahlung der Lehrer, eine höhere Unterrichtsversorgung mit ausreichend Reserve für Vertretungen, das Begrenzen der Schülerzahl auf höchstens 24 pro Klasse und der Ausbau sogenannter Multiprofessioneller Teams gefordert. Dazu zählen beispielsweise Sozialpädagogen, Sekretärinnen, Schulassistenten, Förderschullehrkräfte und IT-Fachleute. Bei der Tagung in Goslar kamen Probleme vom Gewährleisten des Datenschutzes bis hin zur Unübersichtlichkeit des niedersächsischen Schulsystems oder dem Zusammenspiel zwischen dem Land und den jeweiligen Schulträgern auf den Tisch. Bei der Tagung berichteten Schulleiter vom Abwandern von Lehrern in andere Bundesländer, die bessere Bezahlung böten als Niedersachsen. Dass Niedersachsens Kultusetat 2020 weiter steigt, bietet da wenig Trost. Vom August 2020 an solle es einen Zuschlag von rund 100 Euro für Lehrer an Grund-, Haupt- und Realschulen geben, betont man im Kultusministerium.

Ministerium verweist auf erste Schritte

Ein Sprecher des Ministeriums erklärte weiter, man habe Verständnis für die Forderungen. „Wer jetzt aus dem Stegreif kleinere Klassen und weniger Unterrichtsverpflichtung umsetzt, bringt das System zum Kollabieren“, warnte er aber. Auch eine Unterrichtsversorgung von 110 Prozent, wie sie die Hessenkopf-Erklärung fordert, dürfte man im Kultusministerium für illusorisch halten. Aktuell liegt sie unter 100 Prozent, Kultusminister Tonne hatte angesichts der Lage im August ein „Sonderprogramm Starke Sek I -Schulen“ präsentiert - „Start Anfang 2020 in fünf Regionen Niedersachsens“. Nicht nur die Grünen im Landtag um Bildungspolitikerin Julia Hamburg halten Modellprojekte für unzureichend. Die Pläne des Landes würden der Hessenkopf-Erklärung nicht gerecht, sagte der FDP-Abgeordnete Björn Försterling. Ein Stufenplan des Landes zum weiteren Entlasten von Lehrern, etwa durch mehr Anrechnungsstunden für Lehrer mit besonderen Aufgaben, ist gerade in der regierungsinternen Abstimmung.

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