Transplantationsmediziner zu Organspende: „Humanitäre Krise“

| Lesedauer: 4 Minuten
10.000 Patienten stehen auf der Warteliste, ungefähr drei Wartelistenpatienten sterben jeden Tag (Symbolbild).

10.000 Patienten stehen auf der Warteliste, ungefähr drei Wartelistenpatienten sterben jeden Tag (Symbolbild).

Foto: Jens Kalaene / dpa

Hannover.  Die Zahl lebensrettender Organe deckt nicht den Bedarf – bei weitem nicht, warnen Transplantationsmediziner auf ihrer Jahresversammlung.

Weil keine Spenderorgane zur Verfügung stehen, sterben nach Angaben der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG) jedes Jahr Tausende Menschen. „Wir müssen sagen, Organspende und Transplantation in Deutschland: eine humanitäre Krise“, so DTG- Präsident Bernhard Banas bei der Jahrestagung der Gesellschaft am Donnerstag in Hannover.

Nach offiziellen Zahlen stünden 10.000 Patienten auf der Warteliste, ungefähr drei Wartelistenpatienten stürben jeden Tag. Aber das sei erst die Spitze des Eisbergs. Etwa weil Menschen, die für eine Operation zu krank sind, von der Liste genommen werden. „Wir müssen davon ausgehen, dass es in Deutschland ungefähr 30.000 Wartelistenpatienten gibt, die eigentlich einer Organtransplantation bedürfen“, sagte Banas.

22 von 28 EU-Staaten haben Widerspruchslösung

Die Transplantationsgesellschaft fordert eine Gesetzesänderung bei der Einwilligung zur Spende. Europäische Länder mit einer Widerspruchsregelung hätten 25 bis 30 Prozent mehr Organspenden als Länder mit einer Zustimmungsregelung, sagte Banas unter Bezug auf vom Europarat veröffentlichte Zahlen. In 22 von 28 Mitgliedsstaaten gibt es demnach die sogenannte Widerspruchslösung.

Bisher sind in Deutschland Organentnahmen nur bei ausdrücklich erklärter Zustimmung erlaubt. Im Bundestag soll bald zu einer Neuregelung abgestimmt werden. Eine Abgeordnetengruppe um Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) strebt eine „doppelte Widerspruchslösung“ an. Demnach sollen alle Volljährigen als Organspender gelten. Man soll dazu aber später Nein sagen können.

Kirche ist gegen die Lösung

Dagegen wenden sich unter anderem die beiden Kirchen: „Die Organspende geht nämlich mit schwerwiegenden Eingriffen in die körperliche Unversehrtheit einher und verändert den Sterbeprozess erheblich“, heißt es in einer Stellungnahme. Da der Mensch seine Würde im Sterben und auch über den Tod hinaus behalte, dürfe die Freiheit bei dieser sensiblen Entscheidung nicht beschnitten werden.

DTG-Präsident Banas erklärte, Deutschland hinke dramatisch hinterher: „Bei uns wird ungefähr jeder tausendste Verstorbene zum Organspender, in anderen Ländern sind es drei- bis viermal so viele Patienten.“ Dem Jahresbericht der Gesellschaft zufolge gab es 2018 in Deutschland rund 11,3 Spender je Million Einwohner - unter den acht Ländern im Eurotransplant-Verbund der letzte Platz. Zum dem Verbund sagte Christian Strassburg, der das Amt des DTG-Präsidenten bald übernehmen soll: „In Deutschland transplantieren wir Organe, die wir teilen in Europa.“ Es würden also auch Organe transplantiert, „die in den Niederlanden oder Belgien entnommen wurden. In Ländern, wo es die Widerspruchslösung gibt.“

Organisation, Umsetzung und Kontrolle trennen

Beim Spitzenreiter im Verbund, Spanien, gab es den Angaben zufolge etwa 48 Spender pro Million Einwohner. Dort gilt eine Widerspruchsregelung – es werden aber auch Organe von Herztoten entnommen, nicht nur von Hirntoten. Auch darüber oder eine Ausweitung der Organlebendspende müsse offen diskutiert werden, so die DTG.

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, kritisierte die DTG: Die Menschen glaubten nicht, dass es bei der Organverteilung gerecht zugehe. „Dafür sind die Transplantationsmediziner mitverantwortlich.“ Sie seien „sowohl bei der Festlegung der Verteilungskriterien als auch bei der Kontrolle federführend. Zeitgleich sind sie selbst als Transplanteure aktiv.“ Brysch fordert Organisation, Umsetzung und Kontrolle zu trennen und in staatliche Hände zu legen.

Fahrradfahren positiv für Implantate

Banas betonte, auch an anderen medizinischen Lösungen für das Problem Organmangel werde gearbeitet. Aber etwa Organe aus dem 3D-Drucker steckten noch in den Kinderschuhen, betonte Banas: „In absehbarer Zeit ist kein Durchbruch zu erwarten.“

Dennoch gibt es hoffnungsvolle Ansätze. Regelmäßige Bewegung etwa trage zur Erhaltung der Transplantatfunktion und der längeren „Laufzeit“ der transplantierten Organe bei, erklärte Axel Haverich unter Berufung auf die „Rebirth Active“-Studie, die in der Fachzeitschrift „The Lancet“ publiziert wurde. Training etwa auf dem Fahrrad habe einen hochgradig signifikanten Einfluss gezeigt: „Wir glauben, dass wir ein sehr, sehr wirksames Werkzeug haben, um chronische Abstoßungsreaktionen zu vermindern oder zu verhindern.“

Fragen zum Artikel? Mailen Sie uns: redaktion.online-bzv@funkemedien.de

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder