Die Lage in vielen Kindergärten bleibt angespannt

Hannover.  Bei einer Landtagsdebatte in Niedersachsen zeigt sich, dass auf mehr Personal nur schrittweise zu hoffen ist: Der Erziehermangel schlägt durch.

Eine Erzieherin liest in einem Kindergarten in Hannover mit Zwillingen ein Buch.  Niedersachsens Landtag debattierte am 27. Februar über die Lage an den Kitas und Erziehermangel.

Eine Erzieherin liest in einem Kindergarten in Hannover mit Zwillingen ein Buch. Niedersachsens Landtag debattierte am 27. Februar über die Lage an den Kitas und Erziehermangel.

Foto: ArchivFoto: Julian Stratenschulte / dpa

Nach etlichen Besuchen in Kindertagesstätten ist der Optimismus bei der Grünen-Landtagsabgeordneten Julia Hamburg offenbar gesunken. „Die Anforderungen an die Kitas sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen – die Ausstattung ist jedoch seit den 90er Jahren gleichgeblieben“, erklärte Hamburg im Niedersächsischen Landtag. Über gleich fünf Anträge zur frühkindlichen Bildung debattierte das Parlament. Klar wurde dabei vor allem eines: Die „Dritte Kraft“ in Kitas dürfte flächendeckend noch lange auf sich warten lassen.

Dass eine bessere Erzieher-Kind-Quote in den Gruppen nötig wäre, darüber besteht in der Landespolitik weitgehend Einigkeit. „Es braucht die dritte Kraft im Kindergarten“, betonte beispielsweise der FDP-Abgeordnete Björn Försterling. Der CDU-Abgeordnete Kai Seefried nannte eine Relation von 1:9 als Richtgröße, derzeit seien 2 Erzieherinnen auf 25 Kinder die Norm, also 1:12,5. Allerdings liege der landesweite Durchschnittswert der Gruppengröße bei weniger als 22. „Wir wollen den Schlüssel verbessern“, betonte Seefried aber die guten Absichten der Koalition aus SPD und CDU. Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) und SPD-Abgeordnete verwiesen auf die Landes-Förderrichtlinie „QuiK“. Gefördert werden dabei Personalausgaben für zusätzliche Fach- und Betreuungskräfte„insbesondere“ in Kitas mit einem hohen Anteil von Flüchtlingskindern. Dass man damit „de facto“ den Einstieg in die dritte Kraft in Kindergartengruppen vollzogen habe, diesen Satz aus seinem Redemanuskript trug Tonne allerdings nicht vor. Mehr als 14 000 Personen in der Sozialassistenten- und Erzieherausbildung bedeuteten einen neuen Höchststand, betonte der Minister aber.

Der Antrag der Koalitionsfraktionen zu der Parlamentsdebatte („Frühkindliche Bildung voranbringen“) listete zunächst bereits Geleistetes auf, allen voran die seit Sommer 2018 geltende Eltern-Beitragsfreiheit für alle Kita-Jahre. Als Pluspunkte sieht die Koalition auch das Verlagern der vorschulischen Sprachförderung aus der Grundschule in die Kitas sowie 60 Millionen Euro 2018 für 5000 zusätzliche Krippenplätze. Allerdings fordern SPD und CDU in ihrem Antrag von der Landesregierung auch „einen Stufenplan zur Verbesserung des Fachkraft-Kind-Schlüssels“ in Kindergärten. „Im Rahmen der Umsetzung des Gute-Kita-Gesetzes wird derzeit geprüft, welche Möglichkeiten sich in diesem Rahmen ergeben, um den Fachkraft-Kind-Schlüssel in Kindergartengruppen stufenweise zu verbessern“, erklärte eine Sprecherin des Kultusministeriums dazu auf Anfrage. Mit dem Gute-Kita-Gesetz will der Bund die Qualität in den Kitas verbessern helfen. „Mit den Bundesmitteln in Höhe von 525 Millionen Euro können wir unsere Anstrengungen für eine gebührenfreie und hochwertige frühkindliche Bildung in Niedersachsen noch einmal deutlich intensivieren“, so die Sprecherin weiter. Einen Stufenplan der Grünen zum Einführen der „Dritten Kraft“ bis zum Jahr 2022 lehnte der Landtag am Mittwoch aber mit großer Mehrheit ab.

Dass es die Landesregierung mit der Dritten Kraft nicht gar so eilig hat, liegt an einem weiteren Grundproblem neben den Finanzen: dem Mangel an Fachkräften, trotz der genannten 14 000 in Ausbildung. „Es gilt realitätsnah zu bleiben“, umschrieb Minister Tonne die Lage. Seit längerem wird auch in Niedersachsen über eine „dualisierte“ Ausbildung der Erzieher und Sozialassistenten debattiert. Dabei würden schulische und betriebliche Ausbildung verzahnt laufen. Die Praxisanteile, so die Hoffnung, würden gleichzeitig in den Kitas deren Personalnot lindern. In einem ersten Schritt hatte Niedersachsen die Schulgeldfreiheit für die Erzieherausbildung beschlossen. Gemeinsam mit den Kita-Trägern will man in einer dualisierten Ausbildung nun auch Vergütungsmodelle entwickeln. Die angehenden Erzieher sollen auch etwas verdienen, um mehr Nachwuchs anzulocken. Das alles dauere viel zu lange, sagte der FDP-Abgeordnete Försterling. Die AfD-Fraktion setzte eine eigne, andere Sicht der frühkindlichen Bildung dagegen. Es gehe beim Kita- und Krippenausbau in Wahrheit um die „Hoheit über den Kinderbetten“. Eltern sollten keine Bindung zu ihren Kindern mehr aufbauten, so der Abgeordnete Harm Rykena. Da ging ein leises Stöhnen durchs Parlament.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (1)