Verhaltensregeln für IS-Kämpfer

Celle.   Im Celler Terror-Prozess erzählt ein Polizeibeamter von brisanten Fundstücken bei einem der Angeklagten, Boban S. – auch von IS-Hinrichtungsvideos.

Der Angeklagte Boban S. unterhält sich mit seinem Verteidiger Michael Murat Sertsöz im Hochsicherheitssaal des Oberlandesgerichts in Celle.

Der Angeklagte Boban S. unterhält sich mit seinem Verteidiger Michael Murat Sertsöz im Hochsicherheitssaal des Oberlandesgerichts in Celle.

Foto: Holger Hollemann / dpa

Wenn junge Muslime in die „Madrasa“ nach Dortmund kamen, in die Islamschule von Boban S., ging es nicht nur um Glaubensfragen. Der Deutsch-Serbe wollte offenbar auch dafür sorgen, dass der Terrormiliz Islamischer Staat der Nachwuchs nicht ausging. Haufenweise fanden die Ermittler in seinen Unterrichtsräumen handschriftliche Notizen mit Verhaltensregeln für Ausreisewillige, mögliche Schleusungsrouten, radikale Pamphlete und Audiobotschaften – auch Schriftstücke, die sich mit dem Bau von biologischen Waffen beschäftigen sowie die Anleitung zur Herstellung eines Fernzünders. Ein Beamter des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen berichtet am Dienstag vor dem Oberlandesgericht in Celle von den brisanten Fundstücken.

Laut Bundesanwaltschaft ist Boban S. Teil eines radikalen Netzwerkes mit dem Hildesheimer Prediger Abu Walaa an der Spitze. Jahrelang sollen die fünf Angeklagten unter anderem Anhänger für den IS geworben haben, seit September läuft vor dem OLG der Prozess gegen die Islamisten. Nach Aussagen von Zeugen soll Boban S. der Radikalste unter ihnen gewesen sein. Der sogenannte Tempelbomber von Essen, Yusuf T., der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, Anis Amri – sie gingen bei dem heute 38-Jährigen ein und aus. Es heißt, der gelernte Chemieingenieur sei ein „Takfiri“, der Anhänger einer ultra-islamistischen Strömung, die nicht nur westliche Zivilisten zu Feinden erklärt, sondern auch alle Muslime, die nicht in ihr militantes Weltbild passen.

Auf einem beschlagnahmten Rechner von Boban S. entdeckten die Ermittler unter anderem Dateien mit radikalen Botschaften: „Es fanden sich Schlagsätze wie: die Ungläubigen bekämpfen, mit dem Schwert schlagen, ihre Köpfe abhacken, massakrieren“, erinnert sich der Kriminalbeamte. Auch Propagandavideos des IS waren dabei, die Hinrichtungen von Gefangenen zeigen. Im Gerichtssaal faltet der Vorsitzende Richter zudem eine Fahne der Terrormiliz auseinander, die Boban S. in seinen Räumen aufbewahrte.

Die Treffen in seiner Islamschule liefen demnach höchst konspirativ: Akribisch hat der 38-Jährige Regeln aufgeschrieben, die seine Schüler einhalten sollen: keine für Salafisten typische Kleidung tragen, Bärte verstecken, Handys zuhause lassen, zehn Minuten entfernt von der „Madrasa“ parken, die Umgebung ausspähen, nicht über die Treffen sprechen. Persönliche Angaben zu den Schülern hielt er offenbar in einem Fragebogen fest: Arabisch-Kenntnisse, Fitness-Zustand oder ob bereits Kontakte zum „Sheik“ bestehen. „Für uns war damit Abu Walaa verknüpft“, sagt der Polizeibeamte. Auf Zetteln notierte Boban S. zudem mögliche Ausreiserouten. Bereits im Mai hatte der Leiter der Ermittlungskommission berichtet, dass bei dem Angeklagten Angaben zur Schleusung von sieben Personen gefunden worden waren.

Bislang äußert sich Boban S. nicht zu den Vorwürfen – und es ist wenig wahrscheinlich, dass er sein Schweigen brechen wird: Als er im November 2016 zum Haftrichter in Karlsruhe gebracht wurde, erklärte er, dass er dieses Gericht sowieso nicht anerkenne.

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