Die rätselhafte Menükarte des Anil O.

Celle  Im Celler IS-Prozess erzählt der Kronzeuge, wie er nach seiner Rückkehr vom Islamischen Staat in Syrien mit den Ermittlern kooperierte.

Die Verteidiger Thomas Koll und Peter Krieger (von links) stehen im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in Celle. Ganz rechts im Bild hinter Panzerglas: Der wegen Unterstützung und Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung angeklagte Abu Walaa.

Die Verteidiger Thomas Koll und Peter Krieger (von links) stehen im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in Celle. Ganz rechts im Bild hinter Panzerglas: Der wegen Unterstützung und Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung angeklagte Abu Walaa.

Foto: Holger Hollemann/dpa

Als Anil O. beschließt zu reden, sollen seine Informationen in eine „Menükarte“ fließen, in eine Liste mit Namen möglicher Straftäter – eine Liste, die den Sicherheitsbehörden tiefe Einblicke in die Islamisten-Szene in Deutschland geben könnte. Sein Anwalt habe den Begriff „Menükarte“ geprägt, sagt der Deutschtürke vor Gericht. „Bei ihm ging es um Personen und Straftaten, die von strafrechtlicher Relevanz sind: Wer mich geschickt hat, wen ich kenne, der mit dem IS zu tun hat, wer Anschläge geplant hat.“

Anil O. hat viel zu erzählen. Er liefert Namen und Informationen, er redet von einem Netzwerk um den Hildesheimer Prediger Abu Walaa, das Gläubige für den Kampf der Terrormiliz Islamischer Staat rekrutiert. Seine Aussagen haben den ehemaligen IS-Anhänger eine Gefängnisstrafe erspart. Informationen gegen Straferlass, so war offenbar die Absprache. Nun muss er Woche für Woche unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen vor dem Oberlandesgericht in Celle gegen den Prediger und vier weitere Angeklagte aussagen, gegen Männer, die er einst so bewundert hatte.

Wie ist das mit der „Menükarte“ zu verstehen, „was stand da genau drin – erster Gang: Abu Walaa?“, fragt der Aachener Verteidiger des Predigers, Thomas Koll, mit ironischem Unterton. Anil O. schüttelt den Kopf. „Es gibt keine schriftliche Menükarte.“ Der Begriff sei metaphorisch zu verstehen – „als Ansammlung von Informationen, die die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland betreffen“.

Das Bohren nach dieser „Menükarte“ ist ein fast amüsanter Aspekt an diesem Vormittag. Seit 15 Verhandlungstagen muss der 23-jährige Deutschtürke vor Gericht bereits Rede und Antwort stehen; auf seiner Aussage fußt im Wesentlichen die Anklage und die Verteidiger der Angeklagten versuchen alles, um die Version des Kronzeugen in Zweifel zu ziehen. Wie ernst war und ist es ihm wirklich mit der Aufklärung? Ist er ein Geschichtenerzähler, der versucht, seine eigene Verantwortung als IS-Anhänger herunterzuspielen und etwas von einem Rekrutierungs-Netzwerk fabuliert?

Anil O. versucht zu erklären, wie und warum er mit den deutschen Ermittlern kooperierte: Als ihm Anfang 2016 mit Frau und Sohn die Flucht aus Syrien in die Türkei gelingt, denkt er zunächst noch nicht an eine Rückkehr nach Deutschland – aus Angst vor einer Verhaftung, so hat er es an einem früheren Verhandlungstag geschildert. Seine Frau reist im März zurück in ihre Heimat, Anil O. muss bleiben, ihm ist die Ausreise verboten. Er überlegt, in der Türkei Fuß zu fassen, bewirbt sich sogar bei verschiedenen Firmen, unter anderem einem Rohrhersteller. Doch ihn quält offenbar die Frage, wie er zu seiner Familie zurückkehren kann. Er will wissen, ob ein Haftbefehl in Deutschland gegen ihn vorliegt.

Im Gerichtssaal wird ein Telefongespräch mit seiner Frau vom 4. Juli 2016 vorgespielt: Wenn sein Anwalt, Johannes Pausch, so etwas für ihn herausfinden soll, müsse dieser den Ermittlern auch etwas bieten, rät sie. Er könne doch wertvolle Informationen über das Netzwerk liefern.

Anil O.s Anwalt rät ihm offenbar tatsächlich, konkrete Angaben zu machen – über Orte, Personen, Straftaten. „Er hat immer wieder versucht, an die ,Menükarte’ zu kommen, die ich blockiert habe“, sagt er. Doch der gebürtige Gelsenkirchener zögert, wechselt zwischenzeitlich sogar zu einem anderen Anwalt.

Doch dann kommt es trotzdem noch zu einer „Annäherung“, wie es Anil O. beschreibt: Ende Juli gibt er einem Journalistenteam in der Türkei ein Interview, in dem er erstmals von einem Rekrutierungs-Netzwerk um den Hildesheimer Prediger spricht. Das leitet er an Pausch weiter, der es wiederum den Ermittlern zur Verfügung stellt. Es folgt ein Gespräch zwischen Anil O. und einem Ermittler des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen. „Ich sagte, dass ich wertvolle Informationen über ein Netzwerk habe, dass ich mich geändert habe und nach Hause möchte.“

Der Ermittler notiert später, Anil O. habe es sich zum Ziel gesetzt, die Radikalisierung von Jugendlichen zu verhindern. Er sei bereit zu kooperieren und seine Erkenntnisse würden wohl für die Festnahme von Abu Walaa und dem Mitangeklagten Hasan C. reichen.

So kommt es dann auch: Am 8. November 2016 wird der Prediger in Bad Salzdetfurth festgenommen. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass er die Nummer eins der Terrormiliz IS in Deutschland ist. Im April folgt dann der Prozess gegen Anil O. als IS-Rückkehrer in Düsseldorf. Weil er alle Vorwürfe gegen ihn im Wesentlichen einräumt und umfassend gegen andere Terrorverdächtige aussagt, lässt das Urteil nicht lange auf sich warten: zwei Jahre Haft auf Bewährung.

Der Prozess wird am kommenden Dienstag mit der Befragung des Kronzeugen fortgesetzt.

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