Salafist will Internet zur Moschee machen

Braunschweig  Für das Projekt „Islam-TV“ fehlt dem Braunschweiger Prediger Muhamed Ciftci aber offenbar noch das Geld.

Muhamed Ciftci 2016 in Medina, nach Mekka die zweitwichtigste heilige Stadt des Islam. Der Braunschweiger reist regelmäßig nach Saudi-Arabien.

Muhamed Ciftci 2016 in Medina, nach Mekka die zweitwichtigste heilige Stadt des Islam. Der Braunschweiger reist regelmäßig nach Saudi-Arabien.

Foto: privat

In der salafistischen Szene ist Muhamed Ciftci schon lange ein Youtube-Star. Er redet über die Ehe im Islam und wie man sich als Gläubiger verhalten muss, er lässt die Internet-Gemeinde live daran teilhaben, wie die Schwestern Sabrina und Katharina zum Islam konvertieren und wirbt für Spenden für Syrien. Der Islam-Prediger aus Braunschweig schickt seine Videobotschaften auch über soziale Netzwerke in die Welt. Die Behörden haben den Braunschweiger nicht nur deshalb seit Jahren im Visier; sie befürchten, dass er als Vertreter des politischen Salafismus seine Missionierungsarbeit ausweitet. Sein jüngstes Projekt: ein eigener Fernsehsender, der erste muslimische Fernseh-Kanal in deutscher Sprache.

Die Politik ist alarmiert: „Salafisten-TV made in Niedersachsen?“, fragen drei FDP-Abgeordnete besorgt. Von der Landesregierung verlangen sie nach Informationen. Inzwischen hat diese bei der Niedersächsischen Landesmedienanstalt nachgefragt, ob man dem Projekt nicht noch einen Riegel vorschieben kann. Es bestehe die Gefahr, „dass im Programm salafistische Positionen verbreitet werden, die mit der freiheitlich demokratischen Grundordnung nicht vereinbar sind und eventuell auch zu einer Radikalisierung von Zuschauern führen könnten“. Doch was ist tatsächlich dran an den Plänen? Die Erkenntnisse der Behörden sind dünn.

Der Mann, der oft als Hassprediger bezeichnet und vom Verfassungsschutz und der Polizei seit Jahren beobachtet wird, sitzt in seinem Büro in Braunschweig, er trägt ein kariertes Hemd, eine schwarze Hose und schwarze Turnschuhe. Er zieht die Augenbrauen hoch, belustigt, vielleicht auch ein bisschen empört. „In den Medien wird immer behauptet, ich wolle einen Fernsehsender gründen. Doch das ist gar nicht aktuell“, sagt Muhamed Ciftci. „Wenn man über Kabel oder Satellit senden will, muss das beantragt werden und das kostet viel Geld, das ich momentan gar nicht dafür habe.“

Es ist das erste Mal, dass sich Ciftci öffentlich zu den Plänen äußert. Im vorigen Jahr hatte er in einem Video angekündigt, einen deutschsprachigen Islam-Sender starten zu wollen. Doch die Ankündigung blieb vage und ließ seither viel Raum für Spekulationen. Wo soll „Islam-TV“ produziert werden? In Braunschweig? In Hannover? Oder in der Türkei, wie die Landesregierung zuletzt vermutete? Mit welchen Inhalten und wie oft? Der mutmaßliche Starttermin Ende März verstrich, ohne dass Ciftcis TV auf Sendung ging.

Der Braunschweiger mit deutschem und türkischem Pass backt vorerst kleinere Brötchen: Er plane, seinen Youtube-Kanal perfekter zu gestalten, möglicherweise auch eine App zu entwickeln und die sozialen Medien noch stärker zu nutzen, kündigt er an. Die Aufnahmen sollen professioneller werden. „Ich möchte ein kleines Studio einrichten – in meinem Büro oder in angemieteten Räumlichkeiten.“ Dort könnte man auch Talkrunden machen, in denen über aktuelle Themen und den Islam diskutiert wird. Er wolle die Integration fördern und den Islam besser bekannt machen, den Glauben auch den Menschen näher bringen, die keine Fachkenntnisse haben. „Mein Ziel ist es, 24 Stunden live im Internet zu senden.“

Ob der 43-Jährige dafür in Istanbul sitzt oder in Deutschland, spielt keine Rolle. „Sehen Sie?“ Er hält sein Mobiltelefon hoch und kramt ein kleines Stativ aus seiner Tasche. „Ich brauche nur ein Handy und eine Kamera, um die Videos aufzunehmen“, sagt er. Der Vorteil sei ohnehin, dass man die jungen Leute heute eher über das Handy erreiche als über das Fernsehen.

Gut möglich also, dass der Prediger mit seiner Ankündigung eines eigenen Fernseh-Senders vorgeprescht war und am Ende einen Rückzieher machen musste. Möglich ist es aber auch, dass er das Projekt noch gar nicht richtig verfolgt hat oder verfolgen konnte – weil tatkräftige Sponsoren fehlen, wie er einräumt. „Das Projekt kann erst Realität werden, wenn ich die Möglichkeit habe – wenn uns ein Verein, eine Stiftung oder Spender unterstützen.“

Ein Vorbild für Ciftci könnte der Inder Zakir Naik sein. Der Braunschweiger hat den umstrittenen Islam-Prediger im März getroffen, ein Foto auf seiner Facebook-Seite zeigt die beiden Männer in Istanbul. In der islamischen Welt gehört Naik zu den bekanntesten Predigern mit den meisten Anhängern. Er ist der Gründer des islamischen Fernsehsenders „Peace TV“, der in englischer Sprache sendet und von hundert Millionen Zuschauern gesehen wird. „Der Islam ist die einzige Religion, die imstande ist, der gesamten Menschheit den Frieden zu bringen“, sagte Naik vor zwei Jahren, als er in Saudi-Arabien mit dem renommiertesten Preis des Königreichs als „bester Verbreiter des Islam“ ausgezeichnet wurde. Mehrfach trat er bereits für die Gültigkeit der Scharia ein und forderte deren Einführung, wo sie noch keine Rechtskraft hat.

Es ist die Anziehungskraft der salafistischen Szene und bestimmter Prediger, die Sicherheitsbehörden und Politikern Sorge bereitet. In Braunschweig hat Ciftci bis 2012 eine Islamschule betrieben, 200 Schüler hatten seine Vorträge über das Internet bezogen. Doch die Zentralstelle für Fernunterricht lehnte einen Antrag auf Zulassung ab – der Lehrgang vermittele eine salafistische Weltanschauung, die mit der deutschen Rechtsordnung nicht kompatibel sei, hieß es. Seitdem bietet der 43-Jährige seine Predigten unter anderem in einer Online-Videothek an, er hält Vorträge in seiner Heimatgemeinde, in der Moschee der Deutschsprachigen Muslimischen Gemeinde in Braunschweig und reist um die Welt. „Über Ciftci ist eine direkte Anbindung an salafistische Kreise im Ausland gegeben“, heißt es im niedersächsischen Verfassungsschutzbericht.

Der Salafismus sei eine besonders radikale und die derzeit dynamischste islamistische Bewegung in Deutschland. Zwar gehörten die Mehrheit der Salafisten wie auch Ciftci einer politischen und nicht einer dschihadistischen-terroristischen Ausrichtung an. Doch verfolgten alle die gleichen Ziele: Staat, Gesellschaft und das Privatleben jedes Individuums solle so umgestaltet werden, dass sie den vermeintlich von Gott geforderten Normen entsprechen. Viele gewalttätige Islamisten seien aus der salafistischen Bewegung hervorgegangen, warnen die Sicherheitsbehörden immer wieder, sie sei der Nährboden für Terrorismus. Auch im Umfeld der Braunschweiger Moschee hätten sich Anhänger radikalisiert.

Öffentlich distanziert sich Ciftci von Terror und Gewalt; er sieht sich zu Unrecht verfolgt, bezeichnet sich auch nicht als Salafist, sondern als Muslim, als Islamwissenschaftler und Theologen. Stundenlang kann er darüber reden, dass der Koran die Wahrheit ist und ein Gläubiger nicht lügen darf. Doch wie erklärt er seine Nähe zum Beispiel zum „Deutschsprachigen Islamkreis Hildesheim“ – dem Verein, den das Land Niedersachsen im März verboten hat? Wo Muslime radikalisiert und zur Reise in Kriegsgebiete bewegt worden sein sollen, um sich der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) anzuschließen?

Ciftci zuckt mit den Schultern. Er habe dort zwar mal auf Einladung gepredigt, räumt er ein. Was dort aber gelaufen sei, wisse er nicht. „Ich bin für Frieden und nicht für Terror.“ Immer wieder sei ihm auch vorgeworfen worden, in seiner Moschee-Gemeinde seien Leute gewesen, die mit dem IS sympathisierten. „Ich kann nicht jeden kontrollieren, der dort ein- und ausgeht. Aber ich sage immer wieder: Der IS ist gegen den Islam.“ Sein, Muhamed Ciftcis, Handeln werde niemals die Sicherheit und das Zusammenleben der Menschen in Deutschland gefährden. Die Sicherheitsbehörden werden Ciftcis TV-Pläne trotzdem weiter kritisch im Blick haben. Sollte der Braunschweiger seine Pläne doch irgendwann in die Tat umsetzen und mehr als 500 Zuschauer anpeilen, die zeitgleich seine Sendung sehen, müsste diese rundfunkrechtlich zugelassen werden. Voraussetzung dafür sei unter anderem, dass der Veranstalter „die Würde des Menschen sowie die sittlichen, religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen anderer“ achte und die verfassungsgemäße Ordnung einhalte, heißt es in einer Stellungnahme der Niedersächsischen Landesmedienanstalt.

Wenn Ciftci allerdings aus der Türkei sendet, wovon die Landesregierung zuletzt ausgegangen war, ist ohnehin kein deutsches Recht anwendbar – den Behörden wären die Hände gebunden.

Noch hält sich der Braunschweiger alle Möglichkeiten offen: „Vielleicht öffne ich meinen Kanal morgen, vielleicht nächste Woche, vielleicht auch nie.“

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