Rechtsmediziner helfen bei Verdacht von Kindesmissbrauch

Hannover  Jeden Tag werden Kinder geprügelt und sexuell missbraucht. Gewalt in Familien ist schwer aufzuklären. In Niedersachsen unterstützt eine zentrale Kinderschutzambulanz die Ärzte.

Eine Handpuppe sitzt auf einer Liege in einem Untersuchungsraum in der niedersächsischen Kinderschutzambulanz.

Eine Handpuppe sitzt auf einer Liege in einem Untersuchungsraum in der niedersächsischen Kinderschutzambulanz.

Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Bei Misshandlungen von Kindern ist die Dunkelziffer hoch. „Kleine Kinder können sich nicht wehren, ältere schweigen oft aus Scham“, sagte die Leiterin der niedersächsischen Kinderschutzambulanz, Professor Anette Debertin, in Hannover. Die Einrichtung am Institut für Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover soll helfen, körperlich misshandelte oder sexuell missbrauchte Jungen und Mädchen vor ihren Peinigern zu schützen.

Seit dem offiziellen Start Anfang 2011 ließen sich mehr als 300 Kinder- und Klinikärzte von den Spezialisten beraten. Der Erstkontakt ist meist telefonisch. Befunde, Fotos oder Röntgenbilder können anonymisiert übermittelt werden. Knapp 130 Kinder im Alter von einem Monaten bis 18 Jahren wurden Debertin zufolge bisher von den Rechtsmedizinern untersucht. „In rund 20 Prozent der Fälle bestätigte sich der Verdacht, dann wurden fast immer Ermittlungen eingeleitet“, berichtete die Wissenschaftlerin.

Rund ein Viertel der Tatverdächtigen - oft die Väter oder Stiefväter - wurden dagegen durch die Untersuchung vom Missbrauchsverdacht entlastet. „Rötungen und sogar Blutungen im Genitalbereich können zum Beispiel auch durch Hautkrankheiten verursacht sein.“

Bei den übrigen Fällen konnten die Rechtsmediziner den Verdacht weder bestätigen noch entkräften. Die Tendenz der Anfragen von Ärzten sei steigend, sagte Debertin. „Im Kampf gegen Kindesmissbrauch hat sich die interdisziplinäre Zusammenarbeit bewährt.“ So gehöre auch ein Biomechaniker zum Ambulanzteam, der die Art der Verletzungen analysiert und mögliche Tathergänge rekonstruiert. Häufig geben Eltern an, ihr Kind sei vom Wickeltisch gefallen oder die Treppe hinuntergestürzt, dabei wurde es geschlagen.

Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik 2011 werden in Deutschland täglich 11 Kinder misshandelt und 39 sexuell missbraucht. Dabei sind nur die angezeigten Fälle berücksichtigt. Die Kinderschutzambulanz in Hannover wird vom niedersächsischen Sozialministerium gefördert. Ähnliche Kinderschutzambulanzen unter rechtsmedizinischer Leitung gibt es in München, Hamburg und Mainz. dpa

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