Abgeschobene Gazale Salame zurück in Niedersachsen

Hannover  Tränen der Freude nach Jahren der Trennung: Nach ihrer umstrittenen Abschiebung ist die Kurdin Salame wieder mit Mann und Kindern vereint.

Acht Jahre nach ihrer umstrittenen Abschiebung in die Türkei ist die Kurdin Gazale Salame nach Niedersachsen zurückgekehrt.

Acht Jahre nach ihrer umstrittenen Abschiebung in die Türkei ist die Kurdin Gazale Salame nach Niedersachsen zurückgekehrt.

Foto: dpa

Als Gazale Salame in der Nacht zum Sonntag mit ihren Kindern Schams und Gazi durch die Klapptüren der Ankunftshalle des Flughafens Hannover kommt, warten neben ihrem Mann und den beiden älteren Töchtern auch eine Heerschar von Kamerateams.

Das Schicksal der vor acht Jahren in die Türkei abgeschobenen Kurdin machte bundesweit Schlagzeilen und galt als Beispiel einer inhumanen Flüchtlingspolitik. Erst nach langem Tauziehen von Flüchtlingsorganisationen, Unterstützern vor Ort in Hildesheim und der Landespolitik in Hannover gelangen die Rückkehr und die Wiedervereinigung der Familie.

„Es sind Sachen passiert, die nicht sein sollten, das ist das Schicksal“, sagt die 32-Jährige, als sie unter Tränen den Rest der Familie in die Arme schließt, den sie all die Jahre nicht gesehen hat. „Das war eine traurige Zeit“, meint eine ihrer Töchter.

Viele Angehörige drängen sich um die Familie, Familienvater Ahmed Siala strahlt, redet in die Kameras und Mikrofone. „Herzlich willkommen“, steht auf einem Banner, den Unterstützer von Pro Asyl in die Luft halten. Nachdem der Ferienflieger aus Izmir gelandet ist, begrüßt auch Niedersachsens neuer Innenminister Boris Pistorius (SPD) die wiedervereinte Familie. Ist damit nun alles gut? „Die Probleme fangen für die Familie erst an“, schätzt der Sprecher des Flüchtlingsrats Niedersachsen, Kai Weber. „Die Beziehung hat sich in acht Jahren der Trennung auseinandergelebt, es hat Missverständnisse gegeben.“ Es sei schrecklich für die Kinder, einer Mutter zu begegnen, die sie acht Jahre nicht gesehen hätten.

„Unsere Mutter hat uns nicht groß werden sehen“, beklagten sich die 13 und 15-Jährige. „Da ist eine Therapie nötig, um das zu verarbeiten.“ Die wiedervereinte Familie, sie beginnt ihr neues Leben zunächst in zwei getrennten Wohnungen, um sich vorsichtig aneinander heranzutasten.

Wie Flüchtlingshelfer wissen, ist das Schicksal von Gazale Salame und Ahmed Siala nur eines von vielen. Die schwangere Kurdin wird 2005 mit ihrer einjährigen Tochter von Hildesheim in die Türkei abgeschoben, als der Vater die beiden älteren Töchter zur Schule bringt. Die Begründung ist, dass ihre Eltern bei der Einreise in Deutschland 17 Jahre zuvor falsche Angaben über ihre Herkunft gemacht hatten. Die Familien der Eheleute waren in den 1980er Jahren vor dem Bürgerkrieg im Libanon geflohen.

Der Fall Salame sei ein Symbol für eine Flüchtlingspolitik, die es so nicht mehr geben sollte, betont Innenminister Pistorius. Er hat den Fall geerbt von seinem als Hardliner kritisierten CDU-Amtsvorgänger Uwe Schünemann, der erst nach Jahren der Blockade eine Perspektive für eine Wiedervereinigung der Familie aufzeichnete.

Pistorius plädiert für ein liberaleres Bleiberecht, das solche humanitären Dramen künftig verhindern helfen soll. Bereits im Mai solle darüber auf der Innenministerkonferenz in Hannover gesprochen werden.

Der Amtsstart von Pistorius begann dennoch mit einem ähnlichen Fall wie der von Salame: Eine Romafamilie wurde durch eine Abschiebung zerrissen. Kommunikationsprobleme in den ersten Tagen nach dem Regierungswechsel, heißt es dazu aus dem Ministerium. Höchstpersönlich will Pistorius nun den Vorgang prüfen.

Und auch der Fall Salame ist mit der Vereinigung der Familie noch nicht ganz abgeschlossen. Der Vater der Kurdin nämlich reiste zur Unterstützung der Tochter in die Türkei und hat nun keine Recht auf eine Wiederkehr nach Deutschland. Kann auch er auf eine Rückkehr hoffen? „Da kann ich noch nichts zu sagen“, meint der Minister.

„Wir freuen uns, dass Eltern und Kinder nach acht Jahren wieder vereint sind“, reagierten die SPD-Abgeordneten Hanne Modder und Doris Schröder-Köpf. „Acht Jahre Familientragödie sind heute Geschichte“, meinte die Grünen-Parlamentarierin Filiz Polat. Auch der CDU-Landtagsfraktionschef Björn Thümler freute sich über das glückliche Ende des Falls.

Der FDP-Politiker Jan-Christoph Oetjen forderte grundlegende Änderungen im Asyl- und Ausländerrecht. „Der Fall Gazale Salame steht stellvertretend für die Situation vieler junger Familien in Deutschland. Es kann nicht sein, das Menschen, die nahezu ihr ganzes Leben bei uns verbracht haben, von Rechts wegen in Herkunftsländer geschickt werden müssen, die ihnen völlig fremd sind.“ dpa

Der Artikel wurde aktualisiert.

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