Hoffnung oder Harz-Infarkt?

Braunlage  Der Wurmberg-Ausbau scheidet die Geister. Das neue Skigebiet soll Braunlage zu mehr Besuchern verhelfen.

. Meterhoch türmt sich der Schnee beidseits der Straßen. Die Parkplätze an der Talstation sind voll. Die Autos kommen aus Hamburg, Hannover, Holland oder Dänemark.

Die Seilbahn rattert und fördert Wintersportler auf den 971 hohen Wurmberg. Auch wenn gerade kein ideales Wetter herrscht und der Himmel meist grau und verhangen ist: Die Pisten auf dem höchsten Berg des niedersächsischen Westharzes sind an diesem Werktag voller Skifahrer. „Wenn Schnee liegt, ist hier immer was los“, sagt Tourismus-Chef Christian Klamt.

Das Problem: In Braunlage sind die Hänge im Winter oft nicht weiß, sondern braun. Dann bleiben die Skifahrer aus, so wie im Januar, als kaum Schnee gefallen war. „Dann sind im Ort auch die Hotels, Restaurants und Geschäfte leer“, klagt Klamt.

„Das wird künftig anders“, hofft Bürgermeister Stefan Grote (SPD). Seine Lösung: Der Wurmberg wird zu Norddeutschlands größtem Skigebiet ausgebaut – mit neuen Pisten, neuen Liften und Schneekanonen. „Die Zukunft Braunlages hängt am Wintersport“, sagt Grote. Die Sommersaison, in der Wanderer die Schönheiten des nahen Nationalparks Harz genießen, reiche alleine nicht aus, um den Ort am Leben zu erhalten. Seit Jahren leide die Stadt unter Einwohnerschwund, berichtet der Bürgermeister. Geschäftsleute gaben auf. Hoteliers machten dicht.

„Die Menschen haben für sich hier im Oberharz keine Zukunft mehr gesehen.“ Von einst mehr als 7000 Bewohnern sind nur noch rund 4500 übrig. Jetzt scheint sich das zu ändern.

Der Hoffnungsträger in Braunlage heißt Dirk Nüsse, der Chef der Seilbahngesellschaft. Sein Unternehmen bringt 60 Prozent der zehn Millionen Euro auf, die am Wurmberg investiert werden. Die anderen vier Millionen teilen sich das Land Niedersachsen und die Stadt Braunlage.

Von dem Geld wurden zuerst die vorhandenen Pisten verbreitert. Bis zum nächsten Winter sollen dann mehr als 600 Parkplätze für weitere Skifahrer gebaut werden. Am schattigen Nordosthang des Wurmberges entstehen zusätzliche moderne Lifte und Pisten. Die Flächen, mehr als 16 Hektar, sind schon gerodet.

Mindestens 4000 statt bisher 2000 Skifahrer sollen sich ab dem kommenden Winter gleichzeitig auf dem Wurmberg bewegen können, sagt Nüsse. Um dies auch in schneearmen Perioden gewährleisten zu können, entsteht hoch oben am Berg ein künstlicher See. Dort wird das Wasser gesammelt, aus dem künftig Schnee für die Pisten fabriziert werden soll.

„Mit dem Kunstschnee können wir die Wintersaison bei uns von derzeit 50 bis 60 Tagen auf bis zu 120 Tage verlängern“, glaubt der Seilbahn-Betreiber. Wenn es Anfang Dezember kalt wird im Harz, will er die Schneekanonen anschmeißen lassen. „In 70 Stunden sind dann alle Pisten weiß, 50 bis 60 Zentimeter hoch“. Skifahren im Harz soll damit künftig bis Ende März möglich sein.

„Für die Hoteliers im Ort und die anderen Geschäftsleute gibt es dann nicht nur eine lange Wintersaison, sondern endlich auch Planungssicherheit“, glaubt Tourismus-Chef Klamt.

„Es herrscht Aufbruchstimmung im Ort“, sagt auch der Bürgermeister. Ein untrügliches Zeichen sei es, dass private und gewerbliche Investoren nach Jahren wieder Wohnungen in Braunlage kauften. Und auch die meisten leerstehenden Geschäfte hätten mittlerweile neue Eigentümer.

Ganz anders ist die Laune bei vielen Umweltschützern im Harz. „Wir haben nichts gegen touristische Investitionen“, sagt Friedhart Knolle, Sprecher der Umweltschutzverbände in der Kreisstadt Goslar. „Aber doch nicht so.“

Wie andere Naturschützer hält er die Eingriffe in die Natur für zu groß und den zu erwartenden Nutzen für klein. Angesichts des Klimawandels und der steigenden Temperaturen sei der Ausbau des Wintersportgebietes „ein Schritt in die falsche Richtung“.

„In den vergangenen hundert Jahren ist es im Oberharz im Durchschnitt rund zwei Grad wärmer geworden“, sagt Knolle. Die Ausrichtung auf den Wintersport sei für ihn deshalb unverständlich. Der alpine Skitourismus im Harz sei „ein Wirtschaftsmodell von gestern“. Statt des erhofften wirtschaftlichen Aufschwungs werde es im Winter rund um Braunlage noch öfter Verkehrsstaus geben. „Wir nennen das hier Harz-Infarkt“.

Der Bürgermeister kennt diese Argumente. „Doch was sollen wir machen?“, sagt er. „Der Wintersport ist unsere letzte Chance.“ Die Aussicht, dass sich etwas ändert, habe neue Gäste angezogen, betont er. Die Zahl der Übernachtungen in Braunlage ist im vergangenen Jahr erstmals nach jahrelangem Rückgang wieder gestiegen, auf mehr als 800 000.dpa

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