Last Kiss in Hannover

Hannover.  Die Rock-Galaktiker von Kiss zeigen sich am Mittwochabend noch einmal auf der Expo-Plaza. 12.000 Jünger jubeln ihnen zu.

Markenzeichen: Kiss-Bassist Gene Simmons lässt die Zunge spielen.

Markenzeichen: Kiss-Bassist Gene Simmons lässt die Zunge spielen.

Foto: Rüdiger Knuth

Sie schweben wie die Rockgötter auf leuchtenden Plattformen vom Bühnenhimmel herab. Und verleihen teils ziemlich banalen Gitarrenriff-Dreiminütern mit weiß-schwarz geschminkten Gesichtern, Nieten und silberglänzenden Plateaustiefeln Unsterblichkeit. Simsalabumms!

Die Musik von Kiss ist laut und funktioniert vor allem optisch. Bei der recht grandiosen Abschieds-Show Mittwochnacht auf der Hannoveraner Expo-Plaza erst recht.

Horrorfilmhaft verfremdete Bass-Sounds von Gene Simmons

Mittendrin steigt Bassist Gene Simmons in seiner Rolle als Demon wieder in anmaßende Höhen auf, vielleicht 15 Meter. Von da oben produziert er horrorfilmhaft verfremdete Bass-Sounds, während die Band tief unten bedrohlich lärmt. Dabei spuckt der alte Gruselonkel (69) sämigrotes Kunstblut. Da sind Kiss auch musikalisch dicht dran an ihrer zwischen außergalaktisch und albtraumhaft oszilierenden Ästhetik.

Aber alles nur Spaß! Am Ende lässt das Quartett zu Feuerfontänen und Feuerwerk Tausende von rosa Papierschnipseln über der Menge regnen, wieder göttergleich auf Plattformen entrückt. Salutböller zünden. Was für ein irres Spektakel!

Meist im Mittelpunkt steht Sänger und Gitarrist Paul Stanley, neben Simmons das zweite verbliebene Gründungsmitglied. Seine Stimme ist schon ziemlich im Eimer. Aber als Bühnenzampano ist er eine Wucht. Starchild – so heißt er wegen des markant geschminkten Auges – ist sein Alter (67) unter der weißen Schminke nicht anzumerken. Sein nahezu Tattoo-freier Körper wirkt sehnig und durchtrainiert. Er bewegt sich in engen schwarzen Nietenhosen auf Plateausohlen immer noch geschmeidig, ein wenig feminin, geradezu sexy. Zum Publikum ist er nett, penetrant fordert er die 12.000 Fans zum Mitmachen und Abfeiern auf.

Nicht jede Nummer reißt vom Hocker

Den Gegenpart mimt Simmons, der finster schaut, sich kantig bewegt, immer wieder seine lange Zunge schlangengleich aus dem blutroten Mund fahren lässt. Er ist besser bei Stimme, knarzig tief tönt sie in den eher finsteren Stücken, die er übernimmt.

Kiss haben ja wahnsinnig viele Alben aufgenommen. In den 70ern manchmal zwei pro Jahr, in den 80ern fast jährlich. Erst Mitte der 90er verringerte sich die Schlagzahl. Da ist einiger Ausschuss dabei, und auch live reißt akustisch nicht jede Nummer vom Hocker. Nach zwei Hits aus den frühen Jahren – „Detroit Rock City“ und „Shout It Out Loud“ – folgt eine Reihe ähnlich gestrickter Mid-Tempo-Kracher. Der Sound ist ziemlich rotzig, rau und energisch. Mit der Zeit nehmen die Soli zu, was musikalisch gut tut, weil es zu mehr Komplexität führt. Der Höhepunkt ist ein krachend virtuoses Solo von Drummer Eric Singer. Stark auch der düstere Hit „Psycho Circus“ (von 1998) in der Performance von Gene Simmons.

Frontmann Stanley leitet das Finale ein. An einer Seilbahn schwebt er über die ersten Dutzend Reihen und singt zwei Nummern auf einem Podium in der Menge. Darunter „unseren international bekanntesten Titel. Ich geb‘ euch einen kleinen Tipp: Du-du-du-du-du.dudu-dudu“.

Ein Ende mit Böllern und Konfettisturm

„I Was Made For Loving You“. Mit dem Rockdisko-Kracher von 1979 reißt die Band nochmal fast jeden Fan im Sommerabenddämmer mit. Die prunkvoll ausgestattete Hightech-Bühne mit schwebenden Projektionsplattformen, reichlich Pyro-Effekten und Laser-Strahlen wirkt im Dunklen umso intensiver.

Die Ballade „Beth“ (1976), von Drummer Singer alias Catman akkurat am silberweißen Piano gespielt, leitet die Zugaben ein. Es ist die einzige Ballade des Abends. Mit „Crazy Crazy Nights“ (1987) ,„Rock And Roll All Nite“ (1975), Böllern und Konfettisturm geht die Show zuende.

Ein eindringlicher Abschiedskiss.

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