Eine Solistin auf der Flucht

Braunschweig  Das Staatsorchester eröffnet die Konzertsaison ziemlich heiter.

Nanu, was ist denn mit der Solistin los? Im vierten Satz von Hector Berlioz’ Tondichtung „Harold in Italien“ rafft Sara Kim ihr schwarzes Kleid ein wenig und stürmt mit ihrer Viola so schnell von der Bühne, wie das auf hohen Absätzen eben möglich ist, um sich in einiger Entfernung im Saal zu postieren.

Das Publikum ist verblüfft, bis sich die Erkenntnis verbreitet, dass hier das musikalische Geschehen gleichsam rückübersetzt wird in die Wirklichkeit. „Orgie der Briganten (Räuber, Gesetzlosen)“ ist der Satz untertitelt. Das Orchester spielt in großer Besetzung immer furioser auf, während die Viola, die Stimme des erschreckten Helden Harold, nur noch vereinzelt flüchtig aufseufzt. Schließlich öffnet sich die Rückwand des Stadthallen-Saales und gibt den Blick frei auf ein Trio, das gemeinsam mit der ersterbenden Viola Fragmente aus den idyllischen ersten drei Sätzen noch einmal anklingen lässt, bereits wie aus einer anderen Welt. Das ist hübsch inszeniert.

Der Geigenvirtuose Paganini soll Berlioz persönlich angestachelt haben, ihm einmal ein Bratschen-Konzert zu schreiben. Berlioz ließ sich dafür von Lord Byrons romantischem Versepos „Ritter Harolds Pilgerfahrt“ inspirieren. Doch weil der Held ein in sich gekehrter Beobachter ist und Berlioz folglich dem Orchester viel Raum gibt, fand Paganini den Solopart zu wenig virtuos. Er lehnte die Komposition ab.

Sara Kim ist da mehr Teamspielerin. Die Solo-Bratschistin des Staatsorchesters gestaltet den Solopart sehr zart und empathisch. So gelingt das Duett mit der Harfe im ersten Satz ganz unkitschig; die kniffligen Arpeggios im zweiten verwandelt Kim wie selbstverständlich in ein sanftes Singen. Die Interpretation ist konsequent, und doch vermisst man gelegentlich einen feurigeren Ansatz, den Kim durchaus auch beherrscht.

Doch das erste Sinfoniekonzert der Saison kommt unter der Leitung von Ehrendirigent Stefan Soltesz – der neue Generalmusikdirektor Srboljub Dinic tritt sein Amt erst 2017 an – insgesamt sehr elegant, ausgewogen und kultiviert daher. Beethovens achter Sinfonie verleiht das Orchester in relativ kleiner Besetzung einen heiter leuchtenden Charakter, vom munter wogenden ersten Satz über das knappe, pulsierende Scherzo und das von Hörnern und Klarinetten geprägte Idyll des dritten bis zum so rasant wie konzentriert gespielten Finalsatz.

Ein romantischer Hochgenuss auch „Les Préludes“ von Franz Liszt. Die Tondichtung über einen männlichen Lebenskreis von Liebe, Familienidyll, Kampf und Sieg ist nicht frei von Kitschgefahr. Da singen sich Celli und Bratschen üppig aus, da gestalten die Hörner butterweich Naturidylle, und nach zwischenzeitlichen Tumulten kündet das volle Bläserornat schließlich in erhabenen Fanfaren vom Sieg – so suggestiv, dass die Nazis das Motiv für ihre Frontmeldungen verwandten.

Soltesz leitet das Orchester aber so locker und beschwingt, dass man nur ein ganz klein wenig Lust bekommt, in Polen einzumarschieren – vielleicht, um dort eine Sommerfrische zu verbringen.

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