Abschied im Bruckner-Rausch

Braunschweig  Der scheidende Braunschweiger Generalmusikdirektor Alexander Joel wurde mit rund 250 Musikern beim sinfonischen Saisonabschluss gefeiert.

Alexander Joel (Mitte) bei seinem vorerst letzten Sinfoniekonzert in Braunschweig.

Alexander Joel (Mitte) bei seinem vorerst letzten Sinfoniekonzert in Braunschweig.

Foto: Arnold

Braunschweig. Anton Bruckner war nicht ganz von dieser Welt. Der österreichische Komponist (1824- 1896) galt als tief religiöser, etwas kauziger Mensch. Als Organist fand er zu Lebzeiten mehr Anerkennung denn als Komponist. Neun Sinfonien schrieb er: gewaltige romantisch-mystische Klangkathedralen. Die Neunte widmete Bruckner, bereits von schwerer Krankheit gezeichnet, „dem lieben Gott“.

Ein Abschiedswerk also, und damit wie gemacht für das letzte Sinfoniekonzert Alexander Joels als Generalmusikdirektor in Braunschweig. Zumal das Staatsorchester das dreisätzige, unvollendet gebliebene opus magnum mit Bruckners Chorwerk Te Deum krönte. So leitete Joel noch einmal fast alle Musiker gemeinsam, für die er in den vergangenen sieben Jahren als GMD zuständig war: großes Orchester, vier Gesangssolisten sowie Chor, Extra- und Konzertchor, insgesamt rund 250 Aufführende.

Bemerkenswert war die Ruhe und Souveränität, mit der der 42-jährige Maestro das Riesenaufgebot an Musikern führte. Wirbelte Joel in seinen ersten Braunschweiger Jahren oft gestenreich auf dem Podium, so beschränkte er sich am Sonntag weitgehend auf klare, flüssige Taktgebung mit der rechten und sparsam angedeutete, gestaltende Akzente mit der linken Hand.

So ließ er die magische Melodie der achtköpfigen Hörner-Gruppe aus dem noch gestaltlosen, mystischen Raunen der Streicher aufsteigen, um die Klangfülle allmählich zu steigern bis hin zu den expressiven, schroffen Tonstößen des gesamten Orchesters, einem akustischen Abbild der Urgewalt Gottes. Zauberhaft ersteigt aus der Erschütterung ein inniges Nebenthema der Streicher, setzen die Holzbläser zarte Akzente, bevor das schroffe Hauptmotiv erneut gebieterisch durchgreift und sich schließlich ganz durchsetzt.

Das Scherzo des zweiten Satzes prägt ein paukengetriebenes, dämonisch drängendes Schicksalsmotiv. Zwar tirilieren zwischendurch die Violinen wie Vogelstimmen, zwar gibt es auch träu- merische Passagen – doch drängt unterschwellig stets der unerbittliche Schicksalsrhythmus, von Joel präzise herausgearbeitet.

Der dritte Satz atmet bereits Verklärung. Über dunkel schreitende Bässe flutet Klangwelle um Klangwelle, dramatische Fanfaren leiten ein gewaltiges Aufbäumen des Orchesters ein – nach einer Generalpause klingt die Sinfonie sanft leuchtend aus.

Bruckner mag den Widerschein des Ewigen gemeint haben. Doch Joel ist ein Maestro ganz von dieser Welt. Unter seiner Leitung hat das Staatsorchester einen schwelgerisch schönen Klang gewonnen. Es musiziert hochkultiviert, sinnlich, farbenreich, aus einem Guss. Bruckner wird bei Joel vom Erzkatholiken zum Pantheisten.

Zum Abschluss das Te Deum. Mit voller Klangpracht stimmen die Chöre das Gotteslob an. Joel gestaltet das ambrosische Werk im Fortgang dynamisch fein durch. Das Großaufgebot der Sänger zeigt sich in Intonation und Phrasierung hervorragend eingestellt. Unter den Solisten ragt Sopranistin Liana Aleksanyan mit ihrem dunklen, samtigen Timbre heraus. Am Ende gibt es stehende Ovationen für den scheidenden Dirigenten und die große Orchester- und Chorfamilie.

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