Nach dem Film beginnt der Film

Braunschweig  Ein Film über den russischen Filmhistoriker Naum Kleiman ist im Universum zu sehen.

Naum Kleiman .

Naum Kleiman .

Foto: Verleih

Von der Perestroika bis zur zweiten Präsidentschaft Putins: Naum Kleiman hat das Moskauer Filmmuseum durch bewegte Zeiten gesteuert. In den letzten Jahren ist die Arbeit des Museums aber zunehmend schwierig, geradezu unmöglich geworden. 2005 verkaufte der Staat die Räumlichkeiten, das Museum wurde obdachlos, 2014 wurde Kleiman als Leiter abgesetzt. Das Filmmuseum kämpft ums Überleben.

Am Montag wurde Tatiana Brandrups Dokumentarfilm „Cinema: A Public Affair“ aus dem Jahr 2015 im Universum Filmtheater gezeigt. Eine weitere Vorführung, mit anschließendem Gespräch mit der Regisseurin, die halb Russin, halb Deutsche ist, wird es am kommenden Montag, 1. August geben.

Traurig, aber auch ermutigend

Der Film ist weit mehr als ein Portrait des Ex-Museumsdirektors und mitreißenden Kino-Geschichtenerzählers Kleiman, der mittlerweile 78 Jahre alt ist. Am Beispiel des Umgangs des russischen Staats mit Filmkunst und dem filmhistorischen Erbe zeichnet „Cinema: A Public Affair“ ein hochinteressantes Bild der letzten dreißig Jahre russischer Geschichte. Eines, das manchmal traurig stimmt, aber auch ermutigt.

Im Zuge der politischen Öffnung der Gorbatschow-Zeit gegründet, entwickelte sich das Kinomuseum im liberalen Klima der 90er Jahre zu einer Art Agora, einer Schnittstelle von Filmkunst und Zivilgesellschaft. Weniger aufgrund der Ausstellungen oder der verwahrten Archivbestände, darunter der Nachlass des russischen Meisterregisseurs Sergej Eisenstein, sondern vor allem durch das Filmprogramm des Museums: Die Vorführungen im hauseigenen Kino waren ein Forum des ästhetischen und politischen Austauschs. Dass die anschließenden Gespräche mit dem Publikum ebenso wichtig waren, wie die Filme selbst, bringt Kleiman auf den Punkt: „Der Film beginnt, wenn er zu Ende ist.“

Interviewsequenzen mit Kleiman, den Mitarbeitern des Museums, Wegbegleitern, Filmschaffenden und Filmkritikern wechseln sich mit Archivaufnahmen ab. Die sich so entspinnende Erzählung kombiniert Tatiana Brandrup raffiniert mit Material historischer Spielfilme, offenbar aus den Beständen des Moskauer Museums.

Verwackelte Filmaufnahmen von Polizeigewalt gegen eine Demonstration nach Putins umstrittener Wiederwahl werden geschickt montiert mit einer Szene aus „Oktober“. In Eisensteins Revolutionsfilm sind es zwar zaristische Soldaten, die 1917 auf Demonstranten schießen. Aber dass auch die heutige, zunehmend autoritär agierende russische Regierung kein gesteigertes Interesse an der Vorführung von „Oktober“ mit anschließender Diskussionsveranstaltung hat, leuchtet sofort ein.

Die Kombination mit dem alten Zelluloid bringt auch immer wieder Humor und Leichtigkeit ins Spiel: Einmal berichtet Kleiman von einem Besuch Jean-Luc Godards in Moskau Anfang der 90er Jahre. Der Nouvelle-Vague-Begründer machte dem Kinomuseum damals eine Dolby-Surround-Soundanlage zum Gastgeschenk.

Keine Angst vor Knüppeln

Das wäre heute kaum mehr möglich, wird bemerkt, da Godard aufgrund eines russischen Gesetzes wohl als „ausländischer Agent“ zu gelten habe. Als ironischen Kommentar kontrastiert Brandrup die Videoaufnahme vom gemütlich auf dem Podium zigarrequalmenden Godard mit Sequenzen aus einem alten Spionagestreifen. Schöner lässt sich die Absurdität des russischen „Agentengesetzes“ kaum auf den Punkt bringen.

Beeindruckend und erstaunlich, wie wenig sich Naum Kleiman, weniger noch als seine jüngeren Mitarbeiter, von den Knüppeln entmutigen zu lassen scheint, die die russische Kulturpolitik seiner Vision von einem offenen, freien Kino zwischen die Beine wirft.

Woraus sich sein furchtloser und insgesamt doch zuversichtlicher Blick in die Zukunft speist? Regisseurin Tatiana Brandrup findet: „Wenn der Zuschauer des Films sich am Ende des Films diese Frage stellt, ist das für mich ein schönes Geschenk. Sie ist vielleicht wichtiger als die Antwort.“

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