Die Veranstaltungsbranche der Region zeigt in der Krise Gesicht

Braunschweig.  Mit der Kampagne „Kulturgesichter053“ wollen Beschäftigte auf ihre unverschuldet prekäre Lage aufmerksam machen. Christine König ist eine von ihnen.

Die Braunschweiger Lichttechnikerin Christine König (35) macht mit bei der Aktion „Kulturgesichter053“. Ab heute können sich weitere Beschäftigte der Veranstaltungsbranche für die Aktion fotografieren lassen.

Die Braunschweiger Lichttechnikerin Christine König (35) macht mit bei der Aktion „Kulturgesichter053“. Ab heute können sich weitere Beschäftigte der Veranstaltungsbranche für die Aktion fotografieren lassen.

Foto: Daniel-André Reinelt

Bis vor einem guten Jahr führte Christine König ein arbeitsreiches, herausforderndes und abwechslungsreiches Leben. Die 35-jährige Braunschweigerin hatte sich als selbständige Lichttechnikerin einen Namen in der Veranstaltungsbranche gemacht. Sie war für den schönen Schein verantwortlich, wenn Volkswagen und andere Konzerne neue Modelle bei Automessen präsentierten, sie setzte Firmenchefs und Vortragsredner in vorteilhaftes Licht, oder Popstars bei Konzerten. Glänzende Auftritte von anderen zu kalkulieren und technisch zu betreuen, das war ihr Job. Sie selbst blieb dabei soweit als möglich hinter den Kulissen. Jetzt lässt sie sich das erste Mal selbst inszenieren: für die Kampagne „Kulturgesichter“. Mit ihr will die Initiative „#Ohneunsistsstill“ auf die prekäre Lage der Veranstaltungsbranche aufmerksam machen – indem sie die Menschen zeigt und in Schlagworten vorstellt, die sie verkörpern.

Viertägiges Fotoshooting - viele Anmeldungen erwünscht

In unserer Region organisiert der Braunschweiger Dirk Wöhler die Aktion „Kulturgesichter053“. Der 51-jährige Chef der Agentur WMS-Event engagiert sich seit dem ersten Corona-Lockdown im Frühjahr dafür, auf das faktische Berufsverbot aufmerksam zu machen, das zehntausende Bühnentechniker, Messebauer, Caterer, Musiker, DJs, Kostümbildner und viele mehr erdulden müssen. Heute startet in Braunschweig ein viertägiges Fotoshooting, bei dem die Betroffenen ihr Gesicht zeigen können.

Anschließend sollen die Aufnahmen über die sozialen Medien und, falls Wöhler Sponsoren findet, auch auf Plakatwänden verbreitet werden. Konzertiert sollen sie darauf aufmerksam machen, dass hinter abstrakten Zahlen – nach eigenen Angaben hat die Veranstaltungsbranche eine Million Beschäftige – echte Menschen und Schicksale stehen. Christine König musste Wöhler nicht lange zu der Kampagne überreden, die auch in anderen Regionen bundesweit läuft. „Mir ist schon klar, dass den meisten Menschen nicht bewusst ist, wie viele Kollegen hinter den Kulissen daran beteiligt sind, dass Konzerte, große Privatfeiern, Messen und so weiter stattfinden können“, sagt die Fachfrau für Veranstaltungstechnik. „Normalerweise ist das ja auch egal. Aber jetzt müssen wir wirklich darauf aufmerksam machen.“

Die erste Veranstaltungstechnikerin bei Rockservice

König arbeitet schon lange in der Branche. Nach dem erweiterten Realschulabschluss und einem längeren Praktikum begann sie Anfang der 2000er Jahre ihre Ausbildung bei der Firma Rockservice in Salzgitter, die damals überregional gut im Geschäft war. „Ich war die erste Frau, die dort Veranstaltungstechnikerin lernte“, erinnert sich König.

Das sei anfangs nicht ganz leicht gewesen. Denn wenn der Frauenanteil auf der Bühne schon ausbaufähig ist, tendierte er bei den Technikern und Roadies dahinter gegen Null. „Dann steht man als Auszubildende in einem 40-Tonner und weist die Helfer an, wie die Kisten mit der Technik zu stapeln sind. Und ja, beim Stemmen von 100-Kilo-Cases bittet man auch um Hilfe – nicht weil man eine Frau ist, sondern weil es auch unsinnig wäre, Waschmaschinen alleine in die Wohnung tragen zu wollen“, erzählt Christine. Sie habe gelernt, sich durchzusetzen, ohne sich dabei zu verbiegen: „Ich bin so, wie ich bin.“

Europaweit auf Messen und Firmenevents im Einsatz

Ihre Abschlussarbeit war dann 2007 die technische Organisation und Betreuung des Neujahrsempfangs der Volkswagen-Bank, samt Aufbau, Kalkulation der Kosten, des Materials und der Mitarbeiter. Anschließend machte die Braunschweigerin sich als Lichttechnikerin und Elektrofachkraft selbständig. Zum einen, weil bei Rockservice keine Stelle frei war.

Zum anderen, weil Soloselbständigkeit in der Branche üblich sei und sie Freiheit und Abwechslung schätze. In den ersten Jahren sei sie europaweit auf Messen und Firmenevents im Einsatz gewesen, erzählt König. Als sie alleinerziehende Mutter wurde, verlagerte sich der Schwerpunkt auf die Lichttechnik bei Veranstaltungen in der Autostadt und regionalen Shows wie Pop meets Classic und den Raffteich-Open-Airs. Alles sei ganz rund gelaufen – bis Corona kam.

Alle Einnahmen brachen weg

König setzte ihre Beiträge für die private Rentenversicherung aus, reduzierte ihre Ausgaben, erhielt ein wenig Bundeshilfe für Betriebskosten, doch die Lebenshaltungskosten blieben, bei Totalausfall aller Einnahmen. Sie bezog ein halbes Jahr Grundsicherung und erhielt schließlich einen Job als Requisiteurin beim Staatstheater – bis auch das Ende Oktober wieder in den Lockdown ging. Nun wartet die Lichttechnik-Expertin auf die Auszahlung von November- und Dezemberhilfen – und überlegt, ob sie wie einige Kollegen ihren Beruf aufgeben und sich ganz neu orientieren soll. Beim Staatstheater könnte sie wohl wieder anfangen, wenn es dort irgendwann weitergeht.

„Aber eigentlich liebe ich meinen Beruf, die Herausforderungen, die Freiheit und die Zusammenarbeit mit Kollegen, die so ticken wie ich. Wir Veranstaltungstechniker sind wie eine große Familie. Das will ich nicht aufgeben“, sagt König. Schließlich brauche es erfahrene Fachkräfte, wenn Konzerte, Messen und Feste irgendwann wieder möglich sind – auch wenn die Branche wohl nicht mehr so brummen werde wie früher.

"Kulturgesichter053" - So kann man mitmachen

Beschäftigte der Kulturbranche zwischen Altenau/Harz und Wolfsburg-Vorsfelde sind aufgerufen, sich für die Kampagne „Kulturgesichter 053“ fotografieren zu lassen. Die Shootings finden von heute bis Sonntag sowie am 19. und 20. Februar jeweils von 15 bis 20 Uhr in Braunschweig statt. Mehr Infos, Registrierung und Terminvergabe unter kulturgesichter053.de

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