Warum der Braunschweiger Poetry Slam beerdigt werden soll

Braunschweig.  Aus Verärgerung über mangelnde Unterstützung der Stadt kündigen die Macher einen Abschiedsgottesdienst an. Vielleicht geht aber doch noch was.

Patrick Schmitz (links) und Dominik Bartels organisieren mit ihrer Agentur „Pop(p)in’ Poetry“ seit 20 Jahren Slams in Braunschweig und mittlerweile auch in Wolfsburg, Gifhorn, Peine und anderen Städten der Region.

Patrick Schmitz (links) und Dominik Bartels organisieren mit ihrer Agentur „Pop(p)in’ Poetry“ seit 20 Jahren Slams in Braunschweig und mittlerweile auch in Wolfsburg, Gifhorn, Peine und anderen Städten der Region.

Foto: Andreas Reiffer

Poetry Slams sind so etwas wie die Punkrock-Version des Literaturbetriebs. Die Idee, Leuten, die Spaß am Schreiben haben, eine Bühne zu bieten und das Publikum direkt über die Güte von Text und Vortrag abstimmen zu lassen, entstand in den USA und schwappte nach Deutschland über. In Braunschweig ließ das Underground-Original Jan Off 1998 die Initialveranstaltung vom Stapel.

Um das Jahr 2000 verstetigte sich die Reihe und wurde unter der Regie von Patrick Schmitz und Dominik Bartels zu einer der beständigsten im Land. Mit ihrer Agentur „Pop(p)in’ Poetry“ veranstalteten sie allein in Braunschweig Dutzende Wettbewerbe, meist im LOT-Theater, mit wechselnden Mottos und Konzepten, praktisch immer ausverkauft. Und nun soll plötzlich Schluss sein.

Keine Unterstützung aus dem Braunschweiger Kultur-Hilfsfonds

Einen „Gedenkgottesdienst“ für den Slam haben Schmitz und Bartels für den 27. November angekündigt, veranstaltet von und mit der Michaelis-Gemeinde. „Dank fehlender Unterstützung in einer schweren Zeit nehmen wir Abschied von der beliebtesten literarischen Veranstaltungsreihe der Stadt“, heißt es in einer Traueranzeige.

Auf Nachfrage konkretisiert Schmitz, was mit fehlender Unterstützung gemeint sei. Weil die Slams angesichts der Corona-Lockdowns und der stark reduzierten Zuschauerkapazitäten in der Zwischenzeit ein Verlustgeschäft geworden seien, habe man sich um Kompensation aus dem Kultur-Hilfsfonds der Stadt bemüht. Und eine Absage kassiert, da man nicht in erster Linie kreativ tätig sei, so Schmitz verärgert.

Darum also die so trotzige wie aufsehenerregende Idee eines Begräbnis-Slams in St. Michaelis. „Das Ganze ist natürlich auch eine Kunstaktion, um auf unsere Situation aufmerksam zu machen“, sagt Schmitz, der sich bei „Pop(p)in’ Poetry“ um Organisation, Konzepte und Werbung kümmert, während Bartels als Moderator und auch als Slammer in Erscheinung tritt.

Ein Gottesdienst für eine Lese-Show? Pastorin nimmt Stellung

Gleichwohl handele es sich um einen Gottesdienst, sagt Johanna Klee, frühere Jugendpfarrerin und jetzt Geschäftsführerin des Atelier Sprache in der Landeskirche Braunschweig. Sie hat den Kontakt zur Michaelis-Gemeinde hergestellt und selbst schon bei Slams mitgemacht. Unter anderem bei „Pastoren versus Slammer“, natürlich auch organisiert von „Pop(p)in’ Poetry“.

Die morgige Gedenkveranstaltung in St. Michaelis mit Gastbeiträgen prominenter Slammer, aber auch einer Trauerrede, muss ja auch als Gottesdienst firmieren, weil Kulturveranstaltungen derzeit nicht erlaubt sind. Aber ist das nicht schon ein bisschen speziell, eine christliche Gedenkfeier für eine anarchische Lesebühne? Ein so sakraler Rahmen für ein spektakuläres Subkultur-Ausrufezeichen?

Es sei auch eine Verpflichtung der Kirche, sagt Johanna Klee, der schwer angeschlagenen Kulturszene einen geschützten Raum zu bieten. Größere Gemeinden, die das leisten könnten, böten in der Corona-Krise vor allem Musikern auch bezahlte Auftrittsmöglichkeiten. Und nun sei es eben angezeigt, den Slammern zu helfen.

Bis zu 1000 professionelle Slammer leiden unter der Corona-Krise

Bis zu 1000 mehr oder weniger professionelle Slammer seien in Deutschland aktiv, meint Patrick Schmitz. Die meisten seien Studenten oder andere Leute zwischen 20 und 35, die nicht allzu viel zum WG-Leben bräuchten. Doch die Szene habe auch einige Stars, die schon mittlere dreistellige Gagen oder mehr pro Abend forderten. Und die bräuchte man als Zugnummern für die Shows, sagt Schmitz. Seit Beginn der Pandemie säßen allerdings fast alle Slammer auf dem Trockenen, was gerade die, die aufgrund der überwiegend bescheidenen Bezahlung auf viele Auftritte angewiesen sind, hart treffe.

Schmitz, 49, findet übrigens längst nicht alles Gold, was bei den Slams glänzt und siegt. In den Anfangsjahren seien die Beiträge vielfältiger, mutiger, schräger gewesen. „Da wurde mehr experimentiert, auch mit Lyrik, Dada, Lautmalerei.“ Heute siegten bei den Abstimmungen oft ziemlich konforme Texte.

Kritik an „unsäglich langweiliger politischer Slammer-Prosa“

„Viele Slammer machen unsäglich langweilige politische Prosa. Wenn einer keinen Erfolg hat, erzählt er von Flüchtlingskummer oder Gender-Themen, das geht immer.“ Dann schon lieber witzige Beiträge, ebenfalls beliebt. „Aber die sind gar nicht so leicht zu schreiben und performen.“

Wie auch immer: Slams bleiben Publikumsmagnete. Im Wolfsburger Hallenbad beispielsweise. Immer volles Becken. In Peine im Forum des Kulturrings. Oder in Gifhorn, wo sie, wenn wieder möglich, vom Jugendzentrum Grille in die Stadthalle wandern sollen, wie Schmitz erzählt. In all diesen Kommunen sei „Pop(p)in’ Poetry“ nicht Veranstalter, sondern gebuchter Dienstleister, der Slammer, die Moderation, die Werbung organisiere. Nur in Braunschweig veranstalteten Schmitz und Bartels bisher meist auf eigenes Risiko.

Wie die Stadt Braunschweig ihre Hilfsabsagen begründet und nun doch helfen will

Doch das könnte sich ändern. Eine Wiederauferstehung des Slams in Braunschweig scheint nicht mehr ausgeschlossen. Nach der Ankündigung des Gedenkgottesdienstes in der „nb“, Nachfragen der SPD-Landtagsabgeordneten und Ratsfrau Annette Schütze im Kulturausschuss und Recherchen unserer Zeitung ist noch mal Bewegung in die Sache gekommen.

Das Kulturinstitut erklärte, man habe „Pop(p)in’ Poetry“ nicht aus dem Kulturhilfsfonds unterstützen können, weil die Agentur weder ein Solokünstler noch eine Kultureinrichtung sei. Man habe Schmitz aber auf den Wirtschaftsfonds verwiesen, der auch für die Kreativwirtschaft zuständig sei. Leider habe er sich dort über Wochen nicht gemeldet.

Kulturinstitut kündigt klärendes Gespräch an

Als Schmitz nun doch anfragte, kassierte er erneut eine Absage. Begründung: Man könne nur Betroffene im Hauptgewerbe unterstützen, „Pop(p)in’ Poetry“ sei für ihn aber ein Nebengewerbe. Tatsächlich arbeitet der 49-Jährige unter anderem auch als freischaffender Grafiker. „Doch das ändert nichts daran, dass ich in jeden Slam viel Arbeitszeit investiere, die sich seit Corona nicht mehr rechnet.“

Das Kulturinstitut sieht nun noch einen anderen Weg, den Slam zu retten. „Das Format bereichert eindeutig die Kulturszene der Stadt und spricht eine große, junge Zielgruppen an“, sagt Stefan Malorny, Fachbereichsleiter Kultur. „Wir wollen uns da nicht hinter formellen Konstrukten verschanzen.“

Denkbar sei etwa, dass die Stadt als Mitveranstalter auftrete und damit einen Teil der Kosten übernehme. Ein klärendes Gespräch sei in Kürze geplant. Schmitz will sich da nicht verschließen: „Wir sind ja keine Dogmatiker.“

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