Beckmann-Schau in Hamburg: Geschlechterkämpfe

Hamburg.  Die Hamburger Kunsthalle entdeckt in ihrer opulenten Schau auch weiche Seiten des Malers. 2021 gibt es eigene Max-Beckmann-Schau in Braunschweig.

„Selbstbildnis in Florenz“ von 1907 aus der Hamburger Kunsthalle.

„Selbstbildnis in Florenz“ von 1907 aus der Hamburger Kunsthalle.

Foto: Kunsthalle Hamburg

Als kantiger Dickschädel hat sich Max Beckmann früh selbst dargestellt. „Männlich – weiblich“, der Untertitel der hochkarätig bestückten Ausstellung über den großen deutschen Expressionisten in der Hamburger Kunsthalle lässt sich insofern scheinbar eindeutig beantworten: Beck-Mann war an betont männlicher Erscheinung gelegen, bemühte sich um das klassische Bild des männlich schöpferischen Genies wie Goethe oder Gerhart Hauptmann.

Doch frühe Selbstporträts wie das „Selbstbildnis aus Florenz“ von 1907 zeigen einen zwar selbstbewussten, aber auch melancholisch quasi durch den Betrachter hindurch blickenden Jüngling. Ja die Augen des zu der Zeit bärtigen Malers von 1905 schauen eher fragend in die Zukunft. Im „Selbstbildnis mit Seifenblasen“ um 1900 meint man gar die Evesser Wiesen am Elmhang zu erkennen, wo der auf einem Stuhl sitzende junge Mann vor schmutzigem Himmel blitzenden Seifenblasen nachträumt. Zerbrechlich wie er.

Beckmanns Frauen mussten ihren Beruf aufgeben

Mal sehen, was die 2021 folgende Braunschweiger Schau da noch auftun wird. Das in Hannover verwahrte Selbstporträt von 1899 zeigt ihn jedenfalls als sehr androgynen Jungen mit fast geschminkt wirkendem knallroten Mund, Mandelaugen und Blondhaar.

Beckmann heiratet früh, 1906. Im berühmten Doppelbildnis mit Minna Beckmann-Tube von 1909 spielt er, stehend, aber lässig auf ihre Stuhllehne gelehnt, den Familienvorstand. Sie, sitzend, neigt sich brav, fast etwas traurig, aber auch zärtlich ihm zu. Ihren Beruf als Opernsängerin musste sie aufgeben. Auch Beckmanns zweite Frau Mathilde „Quappi“ Kaulbach, ebenfalls Opernsängerin, muss sich dem alten Rollenbild unterordnen. Dabei kann der Künstler mit dem eigentlichen Familienleben nicht viel anfangen, Sohn Peter aus erster Ehe ist bei Großmutter Tube zu Hause, der Beckmann in der Grafik eine männlich herbe Erscheinung gibt. Zum Sohn soll er erst in dessen Erwachsenenalter richtig Kontakt bekommen haben.

Ehefrau als schmückende Gefährtin

Die zweite Ehe bleibt kinderlos, entgegen Quappis Wünschen: Beckmann fasst das fast grausam ins Bild: In „Zwei Frauen am Fenster“ zeigt Mathilde ihrer Freundin Marie-Louise eine Puppe, was ihren Kinderwunsch als etwas kindisch erscheinen lässt. Jedenfalls wendet sich die Freundin uninteressiert ab, sie verfolgt ihre Karriere als Malerin weiter, während Quappi ihre als Sängerin hatte aufgeben müssen. Nun stellt Beckmann ihr die selbständige Frau wie ein Vorbild dar.

Er sah sie lieber schmückend an seiner Seite wie im Doppelbildnis von 1941: Da steht er breitbeinig mit Stock und Hut im Vordergrund, während sie ihm, mit Blümchen in der Rechten, von hinten die Linke auf die Schulter legen darf wie ein Anhängsel. Die Frauen scheinen vor allem seine männliche Wirkung stützen zu sollen. Die auch durch Erotik befördert wird, aber da war der Kampf noch lange nicht entschieden.

Von Frau und Schlange gefesselt

Denn von verliebtem Glück oder paarweiser Harmonie handeln seine Bilder nie. In „Siesta“ füllt eine Liegende mit genau unter die Brustwarzen gerutschtem Hemd und direkt vor des sitzenden Beckmann Nase übereinandergeschlagenen Beinen das Format geradezu dominant aus, er wirkt etwas bedrängt als Brustporträt im letzten Fünftel des Bildes. So hat die üppige Weiblichkeit womöglich Einladendes, vor allem aber auch Furchteinflößendes. Die Festung will genommen sein. Wie sie auch heißt. Erst hatte die Dame Minnas Gesicht, nachher hat er es mit Mathildes übermalt.

Im Gemälde „Prometheus“ wird der eingeklemmte Herausforderer der Götter (Göttinnen?) von Raben zerfleischt, während unten am Tisch eine Nackte und eine Rauchende ungerührt zechen. Der sich fernwärts sehnende Odysseus wird von der ihn im Wortsinn beknienden Kalypso und ihrer hilfreichen Schlange wie seit dem Sündenfall gefesselt und am Fortkommen gehindert. Mal sitzt die Frau wie ein Albdruck auf dem mit christushaft gespreizten Armen liegenden Mann („Dream“), mal dieser wie ein Vampyr über der Frau. Der Geschlechterkampf mag Lust, aber immer auch Frust bringen. Schopenhauer hätte seine Freude dran.

Nackte Leiber verschmelzen ins Androgyne

In der „Messingstadt“ liegt er auf dem Bauch, sie auf dem Rücken, aber nebeneinander, als vollziehe jeder seinen Akt für sich. Zugleich bilden die nackten Leiber zusammen ein Geschlechtsteil, in das die erigierten Spieße am Bildrand vorragen. Erst wenn aus dem Kampf androgyne Verschmelzung wird, ist die Gefahr gebannt, kann wieder Harmonie sein: Beckmann führt es in den verwobenen Gliedern der „Nacht“ und der „Schwebenden“ vor sowie im antiken Gleichnis der „Eiermenschen“ von ursprünglicher Bisexualität.

Er jedenfalls bewahrt sich auch im repräsentativen Selbstbildnis im Smoking von 1924 die feminin in die Hüfte gestützte Hand. Legt auf Porträts auch den Männern Blumen in den Schoß. Und muss, von den Nazis verfolgt und im holländischen Exil nahe der Gefahr lebend, männlicher rüberkommen, als es sein längst krankes Herz aushält.

Die Hamburger Schau geht dem ambivalenten Eros des Künstlers in starken Bildern, häufig aus privaten und entlegenen Sammlungen, höchst sehenswert nach.

Bis 24. Januar, Di.-So. Eintritt nur mit Zeitfenstertickets online unter www.hamburger-kunsthalle.de

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder