Kein Bond in Sicht – Astor-Kinos schreiben tiefrote Zahlen

Braunschweig.  Kinochef Flebbe macht monatlich bis zu 600.000 Euro Verlust und fordert Hilfe von der Politik. In Braunschweig ist die Lage nicht ganz so eng.

Die erneute Verschiebung des neuen Bond-Abenteuers schmerzt insbesondere die großen Kinoketten. Ein Lichtblick: Das Action-Drama „Wonder Woman 1984“ mit Gal Gadot soll am 23. Dezember in die Kinos kommen. 

Die erneute Verschiebung des neuen Bond-Abenteuers schmerzt insbesondere die großen Kinoketten. Ein Lichtblick: Das Action-Drama „Wonder Woman 1984“ mit Gal Gadot soll am 23. Dezember in die Kinos kommen. 

Foto: Warner Bros

Für die Kino-Branche in Niedersachsen gab es in den vergangenen Tagen zwei gute, aber auch eine ziemlich niederschmetternde Nachricht.

Zwar ist die Landesregierung der Bitte der Betreiber nachgekommen, den Sicherheitsabstand in den Sälen von 1,50 auf einen Meter zu reduzieren. „Das hilft uns schon sehr. Statt eines Viertels können wir nun immerhin rund 50 Prozent der Plätze belegen“, sagt Volker Kufahl, Geschäftsführer des Braunschweiger Universum-Kinos. Für kleine und mittelständische Betriebe hat das Land zudem über seine Filmfördergesellschaft Nordmedia erstmals seit Beginn der Krise ein direktes Kino-Hilfsprogramm aufgelegt, das bis zu 5000 Euro Unterstützung ermöglicht.

Die großen Multiplex-Theater haben allerdings keinen Zugriff darauf. Für sie wäre diese Summe ohnehin kaum von Belang. Aber gerade sie trifft die kurzfristige Entscheidung von Universal Pictures, das neue Bond-Drama „Keine Zeit zu sterben“ von Anfang November in den April 2020 zu verschieben, besonders hart.

Hoffnungszeichen: Constantin Film zieht Start von Sönke Wortmanns „Contra“ vor

Auf der Magnetwirkung des einzigen internationalen Blockbusters in diesem Herbst ruhten viele Hoffnungen. Damit verschärft sich die Lage der großen Kinobetreiber noch einmal, auch wenn zum Beispiel die deutsche Constantin Film reagiert und den Sönke-Wortmann-Film „Contra“ mit Christoph Maria Herbst auf den 23. Dezember vorgezogen hat. Dass die Kinos nun wieder mehr Besucher einlassen dürfen, könnte auch andere Verleihe veranlassen, ihre Filme nicht mehr zurückzuhalten, hofft Astor-Chef Hans-Joachim Flebbe.

Monatlich mache er derzeit Verluste von bis zu 600.000 Euro, sagte Flebbe dem TV-Sender RTL Nord. Anders als viele andere Branchen würden die Kinoketten von der Politik seit Beginn des Lockdowns im Stich gelassen. „Es gab bisher null Euro Förderung. Das ist ein Skandal und macht uns bitter und böse“, sagte Flebbe. Ein Kinosterben drohe.

250.000 Euro Verlust monatlich im Astor Hannover

Die Situation des Astor-Filmtheaters in Braunschweig ist nicht ganz so brisant wie die des Hannoveraner Edelkinos, mit dem allein Flebbe derzeit nach eigenen Angaben monatlich bis zu 250.000 Euro Miese macht. Denn in Braunschweig fällt keine Miete an; Flebbe ist Besitzer der Immobilie. Kinoleiter Frank Oppermann sorgt sich dennoch. Er und seine Mitarbeiter befinden sich noch immer in Kurzarbeit (55 Prozent). „Etwa ein Drittel von ihnen hat sich mittlerweile neue Jobs gesucht“, sagt der 57-Jährige.

Immerhin: Christopher Nolans Actiondrama „Tenet“, die einzige große Hollywood-Produktion, die seit Wiedereröffnung der Kinos anlief, habe in Braunschweig vergleichsweise gut funktioniert. „Wir hatten bisher etwa 10.000 Besucher. Hätten wir schon im September mit einem Meter Sicherheitsabstand arbeiten können, wären es noch einige mehr gewesen.“ Allerdings: Vor Corona zogen Kinohits wie „Bond“ oder „Star Wars“ bis zu 50.000 Zuschauer allein in Braunschweig. Der Umsatz liege derzeit etwa bei einem Viertel der Vorjahre. Problematisch sei auch, dass einige US-Studios damit experimentierten, Filme nicht mehr in Kinos, sondern gleich auf Streamingplattformen zu starten.

Disney erlebt Flop mit „Mulan“-Streaming

Im Fall des Disney-Abenteuers „Mulan“ habe sich das allerdings nicht bezahlt gemacht. Der Film kostet bei dem Streaming-Dienst „Disney+“ rund 22 Euro – zusätzlich zu den monatlichen Kosten von 6,99 Euro. Wer also nur für „Mulan“ einen Monat Disney+ inklusive des Films bucht, muss insgesamt fast 30 Euro zahlen. Solche Experimente scheinen sich bei Familienfilmen nicht zu rechnen.

Volker Kufahl vom Braunschweiger „Universum“ findet es wichtig, dass die Kinos trotz aller Probleme aus den düsteren Schlagzeilen herauskommen. Kinobesuche müssten wieder positiv belegt sein. Immerhin hätten sich die Hygiene-Konzepte bewährt, kein Filmtheater sei bisher zum Corona-Hotspot geworden.

Nach mauen Besucherzahlen im Spätsommer laufe der Oktober nun deutlich besser. Nachgefragt seien insbesondere Doku-Filme mit anschließenden Publikumsgesprächen. „Man spürt, dass die Menschen Lust auf Austausch haben.“ Aber auch der neue Film mit Isabelle Huppert „Eine Frau mit besonderen Talenten“ sei im „Universum“ gut angelaufen.

„Jim Knopf“ hilft in Helmstedt

Der Helmstedter Kinobetreiber Harald Pape freut sich über relativ gute Besucherzahlen bei Familienfilmen wie „Jim Knopf und die wilde 13“. Die Blockbuster-Verschiebungen überraschen ihn längst nicht mehr. „Das orientiert sich sehr stark am US-Geschehen“, sagt er. Und wenn ein Film dort nicht anlaufe, weil viele Kinos immer noch geschlossen sind, gebe es eigentlich auch keine Hoffnung für den Rest der Welt. Allerdings beobachtet Pape, dass die deutsche Filmbranche anders auf die Corona-Krise reagiert. „Die kleineren deutschen Verleiher haben auf uns Kino-Betreiber gehört“, stellt er fest. Denn im Gegensatz zu den Hollywood-Blockbustern seien einige Starttermine deutscher Filme sogar nach vorne verlegt worden.

Nichtsdestotrotz treibt die Verschiebung internationaler Filmhits den Kino-Besitzern die Sorgenfalten auf die Stirn. Chyar Hesko vom Wolfenbütteler Filmpalast beobachtet: „Die Leute wollen schon ins Kino.“ Aber: Der Nachschub an kassenträchtigen Filmen fehle.

Wolfenbütteler Kinochef Hesko: Haben alles auf das Jahr 2020 gesetzt

Der erneute Bond-Aufschub hat zunächst keine drastischen Konsequenzen für die Lichtspielhäuser in der Region, anders als etwa in Großbritannien, wo die Kette Cineworld alle Kinos bis auf Weiteres schließt. Allerdings betont Hesko: „Wir haben nicht alles auf James Bond gesetzt, wir haben alles auf das Jahr 2020 gesetzt.“ Das war bisher schon alles andere als einfach für die hiesigen Kinos – und die Infektionszahlen steigen wieder.

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