Künstler leckt sein Werk auf die Wolfsburger Museumswand

Wolfsburg.  Künstler Benjamin Houlihan malt mit der Zunge: Schlecker per Schlecker trägt er rot gefärbten Quark auf die Wand des Kunstmuseums Wolfsburg auf.

Benjamin Houlihan im Kunstmuseum Wolfsburg in Aktion.

Benjamin Houlihan im Kunstmuseum Wolfsburg in Aktion.

Foto: Andreas Berger

Es sieht aus wie Himbeersaft, die Konsistenz wirkt dann aber doch cremiger, und laut Benjamin Houlihan hat die Farbe auch keinen Geschmack: Er muss es wissen, der Künstler arbeitet mit der Zunge statt Pinsel. Eine ganze Wand des Kunstmuseums Wolfsburg will er Schlecker per Schlecker mit seiner Malerei bedecken. Dazu leckt er mit Lebensmittelfarbe rot gefärbten Quark von einem Teller und dann auf die weiße Wand. Sinnfälliger kann man das Motto der großen Sonderausstellung „In aller Munde“, die ab 31. Oktober in Wolfsburg gezeigt wird, kaum umsetzen.

Der Mund als Ort der Kommunikation, der Ernährung und der Lust werde in der Schau unter allen kulturhistorischen Gesichtspunkten beleuchtet, verspricht Kuratorin Uta Ruhkamp. Benjamin Houlihan, der an der Kunstakademie Düsseldorf studierte, verritt den künstlerischen Aspekt, der aber mit der Physiologie eng verknüpft ist. Denn die Zunge, so Ruhkamp, dient zum Tasten und Schmecken, sei aber mobil und könne den Mundraum verlassen, zum Lecken. Zungezeigen sei von der antiken Medusa bis zu Andy Warhols berühmtem Einstein-Porträt ein Statement und Ikone wie der Kussmund.

Die Zungenspur auf der Wand zeigt Grenzen auf

Wenn die Zunge aus der geschützten Mundhöhle tritt und damit Intimes öffentlich macht, ist das auch für Houlihan der spannende Moment. „Mich interessiert dieser Übergang, das Spiel mit den Grenzen, auch im philosophischen Sinn. Meine Zungenspur an der Wand zeigt Grenzen auf, räumliche, aber für manche sicher auch innere, weil sie sich vielleicht davor ekeln oder erotische Assoziationen haben“, erläutert Houlihan im Gespräch. Er komme so nahe an den Betrachter heran, dringe mit diesen Gedanken in dessen Inneres vor.

Wie kommt man auf sowas? Über den Hund. Houlihan sei bei Freunden in Kanada zu Gast gewesen und habe dort auf den Hund aufgepasst. Einen noch recht jungen, sehr verspielten Hund. „Hunde erleben ihre Welt sowieso viel oraler als wir. Alles wird beleckt oder angeknabbert.“

Alles zu Ehren eines Hundes

Das Tier sei ihm in der Zeit richtig ans Herz gewachsen, und als Houlihan wieder zu Hause war, wollte er ihm unbedingt eine Ausstellung widmen. 800 zerbissene Hundespielzeuge, lackiert statt gefirnisst, habe er im Ausstellungsraum angehäuft. Und an den Wänden entstand das erste geleckte Fries, „ein Denkmal aus Liebe“, sagt Houlihan, entstanden aus dem Gefühl des Getrenntseins.

Das Prinzip dieser mit der Zunge gemalten Liebes-Male bleibt gleich. Und der Künstler nutzt dafür immer nur eine bestimmte weinrote Farbe. „Sie hat eine Transparenz, das schafft auch auf der Wand eine gewisse Räumlichkeit, in die der Betrachter dann hineingezogen wird“, erklärt er. Bilder habe er dabei nicht im Kopf, es gehe um den Moment des Leckens, die Ausdehnung des Körpers via Zunge und Malerei in den Raum und zum Publikum.

Benjamin Houlihan malt mit der Zunge
Benjamin Houlihan malt mit der Zunge

Zungenkunst auch auf Papier und Porzellan

Bodypainting, sich ganz in Farbe über die Leinwand zu rollen, wäre Houlihans Sache nicht. Es soll nur das Liebeskörperteil sein. „Der Körper schwingt über den Zungenschlag sowieso mit, wenn ich mich seitlich über die Wand lecke, mich bis ganz unten beugen oder hinlegen muss.“ Um die zweimannshohe Wand in Wolfsburg zu füllen, wird er auch auf ein Hubpodium steigen. Es gibt seine Zungenkunst aber auch auf Papier. Und auf Fürstenberger Porzellan.

Dass ihm Journalisten bei der Präsentation beim intimen Vorgang des Leckens zusehen, könne er ausblenden. „Ich sehe mich da im Dienst meiner Kunst“, betont Houlihan, er wolle was schaffen. Und wenn die Zunge müde ist, mache er halt Pause. Im Übrigen arbeitet er nicht immer mit der Zunge, es gibt von ihm auch Bleistiftzeichnungen, Tuschebilder und Skulpturen. „Mich interessiert immer der Grenzbereich, wie man Malerei in den Raum stellt etwa“, sagt er. Auf der Internetseite seiner Galerie Rehberg findet man Polyurethan-Figuren, die wie Kleckse im Raum stehen. Aber das wäre eine andere Schau.

Die Ausstellung „In aller Munde“ läuft vom 31. Oktober bis 5. April im Kunstmuseum Wolfsburg.

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