Corona und die Männerhorde

Braunschweig.  Sasha Marianna Salzmann ist neue Braunschweiger Poetik-Dozentin. Sie führt Gespräche über die neue Zurücksetzung der Frauen in der Pandemie.

Sasha Marianna Salzmann.

Sasha Marianna Salzmann.

Foto: Raabe-Haus

Ein Mann hat alle Macht und alle Frauen. Drum hat er naturgemäß auch viele Söhne. Die rotten sich eines Tages zusammen, bringen ihn um und essen ihn auf. Etwa so stellte sich Sigmund Freud in seinem Buch „Totem und Tabu“ das Ende des Patriarchats und den Anfang der Kultur in archaischen Gesellschaften vor.

Die historisch wohl unscharfe, aber als Denkmodell seit Freud unglaublich produktive Idee nimmt die feministische Soziologin Sabine Hark auf und führt sie in die Gegenwart. Genauer: bis direkt hinein in die Corona-Pandemie. „Das Postpatriarchat ist zwar Realität, aber das ist keine gute Nachricht.“

Das sagt Hark in einem Gespräch mit Sasha Marianna Salzmann. Sie ist neue Inhaberin der Braunschweiger Ricarda-Huch-Poetikdozentur für Gender in der literarischen Welt, ausgelobt von der Stadt und der Technischen Universität. Salzmann führt Gespräche, die im Internet aufzurufen sind. Wir haben das erste verfolgt.

„Frauen sind Eigentum“

Schade wäre jetzt, bei dem Wort „Gender“ gleich abzuwinken. Denn da sitzen zwei hochgebildete Frauen, die das Queer-Sein als utopische Möglichkeit beschwören, jenseits der ausgetretenen Pfade einer „heterozentrischen Ordnung“ eigene Individualitäten zu entfalten, sich neue Wege zu bahnen.

Aber da ist eben die Männerhorde. Sie agiert laut Hark auf der Basis von Recht, Eigentum und Geschlecht. „Frauen müssen um die Männer konkurrieren. Sie haben kein Eigentum, sie können nur Eigentum sein“.

Wir überspringen flugs einige Jahrtausende (und langatmige feministische Begriffserörterungen). Bis Salzmann mit Blick auf Politiker und Wissenschaftler sagt, die Brüderhorde erkläre uns gerade „auf allen Kanälen ausgiebigst, wie wir in der Pandemie zu leben haben. Und wir nicken dazu“.

„Tödliche Gewalt“

Die Soziologin ergänzt, gerade jetzt sei Feminismus eminent wichtig. Denn berufliche wie private geschlechtliche Arbeitsteilung werde derzeit von den Brüdern zu Ungunsten der Frauen intensiviert. Von den schlecht bezahlen, unter miesen Bedingen ausgeübten „Versorgungsberufen“ über Home-Schooling und Home-Kita bis hin zur Erfahrung tödlicher Gewalt im Privaten. „Der Ort, an dem man angeblich am meisten geschützt ist, ist für Frauen der gefährlichste.“

Das ist statistisch untermauert, und führt tatsächlich beim Zuhören schaudernd in die Urhorde zurück. Und auch, wenn man manche Argumentation arg steil, manche Herleitung zu undifferenziert finden mag: Spätestens jetzt kann man Sabine Harks Thesen nicht mehr als ideologische Konstrukte abtun.

Schade, dass die beiden Damen sich offenbar mit einem Fachpublikum begnügen. Autorennamen verschleifen sie kaum verständlich. Feministische Anglizismen bleiben unerklärt. Dabei geht das Thema doch alle an!

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